Lieber Bildung als Beziehung

Noch vor der Wende sind meine Eltern 1988 als Gastarbeiter von Quang Ninh, einer kleinen Provinz im Nordosten Vietnams, über Berlin nach Saarburg gekommen, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben", erzählt die flippige Thao Tran Van. Dass ausgerechnet so viele Vietnamesen nach Deutschland gekommen sind, liegt auch daran, dass die ehemalige DDR einen Gastarbeitervertrag mit Vietnam hatte und wegen des Vietnamkriegs viele Vietnamesen aus ihrem Land flohen.

Die 17 Jahre alte Thi Hai Duyen Dao, die das 12. Schuljahr des Saarburger Gymnasiums besucht, sagt: "Meine Eltern sind auch von Quang Ninh ausgereist, jedoch erst 1990. Anschließend sind sie in die Tschechoslowakei geflohen und beschlossen ein Jahr später, mit Freunden nach Deutschland auszuwandern, um ein neues Leben anzufangen." Wie viele ihrer Landsleute besitzen ihre Eltern ein Restaurant, in dem sie gelegentlich mithilft.

"Vietnamesen in Deutschland sind oft Selbständige, die ein eigenes Nagelstudio, Restaurant oder ein Lebensmittelgeschäft eröffnen", lächelt das 1,70 Meter große Mädchen, das eine enge Röhrenhose und ein lockeres T-Shirt trägt. Ihre gleichaltrige Freundin Lan-Anh Tran ergänzt: "Es gibt aber auch noch andere Berufe, wie Firmenangestellte oder Haushälterinnen. Mein Papa zum Beispiel ist Elektriker und trifft sich oft mit seinen Kollegen." Für Immigranten ist es schwierig, sich in einem völlig fremden Land zurechtzufinden. Doch da viele Asiaten für ihren Ehrgeiz und ihre Disziplin bekannt sind, bringen sich viele die deutsche Sprache allein bei. Zwar konnten viele vietnamesische Eltern zur Schule gehen oder Kurse belegen, doch mit zunehmendem Alter fällt es den meisten Vietnamesen schwer, die für sie komplizierte deutsche Sprache zu erlernen. Von ihren Kindern erwarten sie, dass sie nach ihrem Abitur ihr Studium erfolgreich absolvieren und anschließend eine Karriere, beispielsweise als Arzt, anstreben. Während die Jungen bei den Asiaten oftmals in den mathematischen Fächern glänzen, sind es Sprachen, mit denen die Mädchen punkten. So wie Lan-Anh Tran. Neben ihrer Muttersprache Vietnamesisch beherrscht sie die deutsche, englische, französische und spanische Sprache, die sie in der Schule erlernt hat. Mit ihrer aufgeschlossenen und freundlichen Art will sie nach dem Abitur eine Ausbildung zur Stewardess machen. Warum möchte sie nicht studieren? "Solange ich zufrieden bin und relativ gut verdiene, haben meine Eltern kein Problem damit, dass ich nur eine Ausbildung mache. Sie wollen, dass ich eine gute abgesicherte Zukunft habe."

In puncto Schule und Bildung nehmen vietnamesische Eltern vieles in Kauf, um ihr Kind zu fördern. Notfalls wird Nachhilfe angenommen, damit die Noten ja nicht schlechter werden, wobei die Eltern nur mit Einsen und Zweien zufrieden sind. Für viele vietnamesische Eltern ist es wichtig, dass ihre Kinder begreifen, dass Bildung an erster Stelle steht und somit auch in der Pubertät keine Beziehungen in Frage kommen. Wird im zunehmenden Alter doch ein Lebenspartner gewählt, sollte er oder sie im besten Fall ein Vietnamese sein. Die vietnamesischen Eltern erlauben Partnerschaften mit einem Deutschen, aber sie erwarten, dass die ausgewählte Person die asiatische Kultur akzeptiert und Respekt und Verantwortung zeigt. Freiraum steht den Kindern schon zur Verfügung, aber in gewissen Punkten, wie Ausgehzeiten, sind sie doch strenger als deutsche Eltern.

Thao Tran Van, die zum zweiten Mal die Heimat ihrer Eltern besucht hat, zögert leicht, als sie von ihrem Aufenthalt in dem subtropischen Land berichtet. "Nun, es war im Vergleich zu Deutschland schon recht anders. Das erste Mal war ich mit sechs Jahren dort, und da war die Kommunikation mit meinen Verwandten etwas schwierig, doch im Großen und Ganzen war es recht angenehm."

Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu, dass sich ihre Sichtweise und auch ihre Einstellung auf das Leben im Allgemeinen geändert haben und sie ihren Eltern dankbar sei, in Deutschland aufwachsen zu dürfen. Die hygienischen Verhältnisse, die größeren Freiheiten und auch die Zukunftsperspektiven seien in Deutschland besser als in Vietnam. Oft steht auch in Deutschland in einem vietnamesischen Haushalt ein Altar im Wohnzimmer, geschmückt mit Räucherstäbchen und den Fotos der verstorbenen Großeltern. "In unserer Kultur legt man viel mehr Wert auf das Gedenken der Toten in einer Familie. Der Todestag ist wichtiger als der Geburtstag", sagt die 52 Jahre alte Thi Kim Thoa Vo. Zwar werden auch Geburtstage gefeiert, aber monatlich, zum ersten und fünfzehnten Tag des Mondkalenders, wird Obst auf den häuslichen Altar gestellt und zu Buddha gebetet. Da sich die Vietnamesen nach dem Mondkalender richten, wird auch Neujahr an einem anderen Tag gefeiert als in Deutschland. Es gibt viel Essen, wie Klebreis, Frühlingsrollen und Glasnudeln und pünktlich um 18 Uhr, also null Uhr vietnamesischer Zeit, wird gespeist. Kurz nach dem Festmahl werden die Telefone gezückt und es wird in der Heimat angerufen, um der Verwandtschaft für das kommende Jahr viel Erfolg zu wünschen.

Da rund 13 500 Kilometer Deutschland und Vietnam trennen, bleibt den Menschen nichts anderes übrig, sich telefonisch oder über das Internet mittels Skype oder Yahoo nach dem Wohlbefinden der anderen zu erkundigen. Um sich anzupassen, werden Feste wie Weihnachten, Ostern und Neujahr übernommen, doch in die Kirche gehen die Buddhisten nicht. In den meisten Fällen steht aber ein Tannenbaum im Haus, und Heiligabend werden Geschenke ausgetauscht.

In den vietnamesischen Haushalten wird nicht nur traditionell gekocht, sondern auch deutsch oder italienisch. Zutaten für einheimisches Essen bestellt man telefonisch bei einem Großhandel, der am Wochenende die gewünschten Sachen liefert, oder man kauft im Asiashop ein.

Innerhalb der vietnamesischen Gemeinschaft versteht man sich gut. Die Vietnamesin Lan-Anh Nguyen, die seit 17 Jahren in Saarburg lebt, stellt fest: "Hier kennt jeder jeden. Rund 15 Familien wohnen in meiner Stadt." Zurzeit leben insgesamt 33 Personen mit vietnamesischer Staatsangehörigkeit in Saarburg, bei einer Einwohnerzahl von insgesamt 6758 Menschen also nur ein vergleichsweise kleiner Bevölkerungsanteil. Dem Klischee, Asiaten seien nur mit ihren gleichgesinnten Eingewanderten zusammen, widerspricht Thi Hai Duyen Dao: "In meiner Freizeit verbringe ich mehr Zeit mit meinen vietnamesischen Freunden, weil sie sozusagen Sandkastenfreunde sind. Aber in der Schule sind es zunehmend deutsche Klassenkameraden. Wenn ich Nachhilfe gebe und arbeiten gehe, begegnen mir Deutsche. Ich finde, wir versuchen uns schon gut zu integrieren, auch wenn ich früher schon mit Vorteilen zu kämpfen hatte. Da wurde man fälschlicherweise mit anderen Menschen asiatischer Herkunft verwechselt und musste Wörter wie ,Schlitzauge' oder ,Hunde- und Katzenfresser' einstecken."

Alle befragten Vietnamesen bestätigen, dass ihre Eltern später wieder in ihre Heimat reisen möchten, um dort ihre letzten Jahre zu verbringen. In den Sommerferien besuchen sie ihre Heimat. Dabei werden die Koffer mit vielen Süßigkeiten, Parfüm und überwiegend nützlichen Dingen, wie zum Beispiel einem Blutdruckmessgerät gepackt, um der Verwandtschaft eine Freunde zu machen. Wieder zurück in Deutschland, werden die vielen Mückenstiche am Körper gezählt, die in Vietnam gekauften Kleidungsstücke anprobiert und Spezialitäten verzehrt, wie zum Beispiel der geröstete Klebreis-Kuchen oder der Grüne-Bohnen-Kuchen, die man hier nicht so leicht bekommt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Lieber Bildung als Beziehung
Autor
Hong-Hai Tran
Schule
Geschwister-Scholl-Schule , Saarburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2013, Nr. 55, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180