Die Ortsnamen erregen die Gemüter

Südtirol - eine italienische Provinz in den Alpen. Viele italienische Großstädter reisen hierher und stehen vor mehrsprachigen Straßenschildern, die manche verwirren. Sobald sie in engeren Kontakt zu den Einheimischen gelangen, gewinnen sie den Eindruck, in einem fremden Land zu sein: Sie sprechen nicht Italienisch, sondern eine fremde Sprache. Der Grund für die sprachliche Vielfalt liegt in der Geschichte: Südtirol wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Italien annektiert. Während des Faschismus ließ Diktator Benito Mussolini alle Orts-, Straßen- und Bergnamen in Südtirol durch italienische ersetzen. Diese Aufgabe erledigte Ettore Tolomei, Anhänger des faschistischen Regimes. Er wird auf italienischer Seite als "Patriot" bezeichnet, hingegen auf deutscher Seite als "Totengräber Südtirols".

Vergangenes Jahr hat die Landesregierung nach jahrzehntelangem Hin und Her ein neues Toponomastik-Gesetz verabschiedet. Der Gesetzesentwurf stammt von der größten Südtiroler Partei, der Südtiroler Volkspartei (SVP) und vom Koalitionspartner Partito Democratico (PD). Dieses Gesetz regelt, in welcher oder welchen Sprachen ein Ort oder ein Dorf bezeichnet werden soll. Es werden deutsche und ladinische Namen legalisiert und einige wenige faschistische abgeschafft. Nicht alle sind mit diesem Gesetz zufrieden. Die Parteivorsitzende der Südtiroler Freiheit behauptet, das Gesetz sei "ein Kniefall" vor Tolomei und eine "freiwillige Legalisierung dieses Kulturverbrechens". Für Andreas Pöder, Landtagsabgeordneter und Parteivorsitzender der Bürgerunion für Südtirol, ist das Toponomastik-Gesetz "ein später Sieg Tolomeis und der Faschisten", weil damit eine Reihe erfundener Namen eingeführt werde, die keine tirolerische Kultur hätten.

Michael Demanega, Generalsekretär der "Freiheitlichen", der zweitstärksten Partei Südtirols, findet, dass Ortsnamen sowohl "die Geschichte eines Landes als auch den Status quo" berücksichtigen sollten. "Südtirol hatte lange Zeit zum Habsburgischen Reich gehört, in dem es sich gut fühlte und in dem es eine germanischgeprägte Tradition übernahm. Durch den regen Handel mit Venedig und Italien erhielten einige wenige subalpine Handelszentren auch einen italienischen Namen." Seiner Meinung nach sollen alle italienisch gewachsene Namen und die Namen jener Orte, in denen ein Großteil der Bevölkerung italienisch spricht, erhalten bleiben. Beim Gesetz sei jedoch "oberflächlich gearbeitet" worden und schlussendlich habe sich der Partito Democratico mit seinen Forderungen ganz durchgesetzt.

Dieser Meinung sind nicht alle. Das zweite Autonomiestatut, das Südtirol 1972 erhielt, sieht die Zweisprachigkeit im Lande vor. Dies möchten die italienischen Parteien gern auch auf die Toponomastik ausweiten. Alessandro Urzí, Vorsitzender einer der kleinen italienischen Parteien Südtirols, Futuro e libertà per l'Italia (FLI), definiert Südtirol als zweisprachiges Land. Dadurch habe jeder Italiener das Recht, sich als italienischer Mitbürger überall in der Provinz identifizieren zu können: "Deswegen sollten alle italienischen Ortsbezeichnungen erhalten bleiben. Wenn dies nicht gewährleistet wird, können sich die italienischen Mitbürger als Italiener im italienischen Südtirol nicht identifizieren."

Des Weiteren meint Brigitte Foppa, Vorsitzende der Grünen, dass dieses Gesetz nicht in den vorgegebenen UN-Richtlinien verankert ist. Diese sehen zum Beispiel in ähnlichen Situationen eine Prozentlösung vor: Die jeweilige Minderheit in der Region muss aus mindestens 20 Prozent der Gesamtbevölkerung bestehen, damit die toponomastischen Bezeichnungen auch in der Minderheitssprache angeführt werden.

Die "Freiheitlichen", die "Südtiroler Freiheit" und die "Bürgerunion für Südtirol" sagen, dass die UN-Richtlinien in Bezug auf die Namengebung in einem multikulturellen Gebiet nicht berücksichtigt wurden. FLI jedoch behauptet, dass solche Richtlinien nur in ehemaligen Bürgerkriegsgebieten angewandt werden, weil dort eine stabile politische und soziale Lage wieder hergestellt werden muss. Südtirol befinde sich nicht in einer solchen Situation.

Auch die Grünen verweisen darauf, die UN-Richtlinien seien "interpretierbar". Das Gesetz wurde vor Kurzem von der italienischen Regierung angefochten. Darin heißt es, dass kein italienischer Name aus Südtirol verschwinden dürfe, da das Autonomiestatut die Zweisprachigkeit im Land vorsehe. Laut dem Ministerrat soll es im Landesgesetz "einzig und allein um die offizielle Wiedereinführung der deutschen und ladinischen Namen gehen, aber nie um die Abschaffung von italienischen Namen, die nicht ersetzt werden können". Außerdem steht wortwörtlich im Rekurs, "der Pariser Vertrag habe die italienischen Namen (tolomeischen Namen) in Südtirol demokratisch legitimiert", was eigentlich nicht der Fall ist, da die Bevölkerung damals nichts mitzubestimmen hatte. Noch ist nicht klar, was die Regierung in Rom wirklich vorhat.

Die jahrzehntelange, heiße politische Debatte zu den faschistischen Namen in Südtirol, die bis heute für jeden Ort und sogar für die meisten Berge und Gewässer angewandt werden, wird trotz neuen Landesgesetzes nicht so schnell wie gehofft enden. Manche Politiker sehen das als Glücksfall, da vielleicht eine bessere Lösung gefunden wird.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Ortsnamen erregen die Gemüter
Autor
Gabriel Agreiter
Schule
Klassisches Gymnasium Vinzentinum , Brixen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2013, Nr. 61, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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