Eiskalte Kunst

Grabsteine ragen aus der Schneedecke auf dem Hof hervor. Es gibt eine Werkstatt, ein Gerätelager und ein Haus mit den lila Fensterrahmen. Es gehört Ralf Rosa und seiner Familie. Er ist von Beruf Steinmetz, der süddeutsche Begriff für Steinbildhauer. Während der Wintermonate beschränkt sich sein Werk jedoch nicht nur auf Stein, Stahl, Bronze, Holz.

Er beherrscht ebenso die Kunst, aus Schnee die vielfältigsten Figuren zu formen. Vom schneeweißen Cadillac Convertible mit Elvis Presley darin bis zu Hausdrachen und einem Vampir hat er mit seinem Partner Peter Fechtig schon viel erschaffen. Seit 14 Jahren nimmt das eingespielte Team Rosa/Fechtig aus der Gemeinde Grafenhausen im Schwarzwald am Schneeskulpturenwettbewerb "Formen in Weiß" im österreichischen Ischgl teil, einer Tausend-Einwohner-Gemeinde im Silvretta-Gebiet. "Ich wollte mich aus Spaß bewerben, da Ischgl einen gewissen Ruf als Partymetropole hat. Da hat Peter sofort gesagt, er komme mit, falls es klappt."

Zu einem von den Veranstaltern vorgegebenen Thema fertigen die beiden Künstler im Vorfeld eine Skizze oder ein Modell aus Ton an. Wenn der Wettbewerb Anfang Januar beginnt, formen beide vor Ort aus einem von den Veranstaltern festgefahrenen Schneehaufen, die für die Teilnehmer über das gesamte Skigebiet verteilt sind, die Skulptur. Die vier Tage, die sie damit verbringen, können kurz sein, berichtet Ralf Rosa. "Morgens kann man, je nach zugeteiltem Standort, vor 8, 8.30 Uhr noch nicht auf den Berg und muss um 16 Uhr die Arbeit beenden, da die Lichtverhältnisse zu schlecht sind."

In der Jury, die die Schneeskulpturen der zehn teilnehmenden internationalen Künstlerpaare bewertet, ist der Bürgermeister, sind Eventmanager, aber auch Skilehrer. Während des Wettbewerbs kommen seitens der Skifahrer immer wieder Beschwerden auf, die Künstler würden, gerade in Zeiten der Schneeknappheit, Schnee verbrauchen. Dagegen kämen viele positive Anregungen von Seiten des Publikums. "Es sind immer Leute um dich herum, die sich für deine Arbeit interessieren und Fotos machen. Auch der Panoramablick über das Silvretta-Gebirge und das viele Sonnenlicht machen den Reiz an der Arbeit aus."

Die Witterungsverhältnisse können auch Schwierigkeiten bereiten. "Besonders Windböen können die Skulpturen von einem Tag auf den anderen unkenntlich machen und unsere Arbeit stark zurückwerfen, da dadurch der Schnee wie Sand abgeschabt wird", erklärt der 47-Jährige. Gerade Porträtbilder stellen eine Herausforderung dar, sagt Ralf Rosa, der seine schwarzen, leicht graumelierten Haare zusammengebunden trägt. "Vor mehr als einem Jahr wurden wir von ,Wetten dass..?', gefragt, ob wir nicht für die Abschiedssendung von Thomas Gottschalk eine fünf Meter hohe Gottschalk-Figur aus Schnee als Überraschung anfertigen könnten, da in Ischgl auch eine Wette stattfand, in der ein Mountainbiker gegen einen Snowboarder im Wettrennen antrat. Das Problem war nur, dass die Alpen zu diesem Zeitpunkt noch grün waren." Nur durch Kunstschnee und einen hohen Aufwand von Wasser und Energie konnte das Projekt gerettet werden.

Ralf Rosa stellt aber auch klar, dass es bei ihm keine Kompromisse gebe. "Gerade bei großen Porträtskulpturen hat man während der Bearbeitung immer nur eine Gesichtspartie im Blick, beispielsweise die Nase. Gleichzeitig muss man aber auch ein Auge darauf haben, dass die Proportionen im Gesamten stimmen und darauf achten, dass die Skulptur ihrer menschlichen Vorlage entspricht. Wäre die Skulptur nicht gut geworden, hätte ich sie wahrscheinlich eigenhändig abgerissen", sagt er mit einem Schmunzeln. Das Motto in diesem Jahr lautet "Volkswagen". Die Skulpturen sind bis Anfang Mai zu besichtigen, bevor sie in der Frühlingssonne dahinschmelzen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Eiskalte Kunst
Autor
Stefanie Maier
Schule
Kaufmännische Schule , Waldshut
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2013, Nr. 61, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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