Psychotherapie ist anstrengend und langwierig

Wartet einen Moment, ich muss erst aufschließen", sagte Yvonne Ehrstein, Stationsleiterin der Jugendpsychiatrischen Abteilung des Pfalzklinikums für Psychiatrie und Neurologie in Klingenmünster. "Wenn wir einen Patienten haben, der aufgrund eines Gerichtsbeschlusses hier ist, ist die komplette Station vorübergehend abgeschlossen. Ohne Schlüssel beziehungsweise ohne Genehmigung kommt hier niemand raus oder rein, da wir von einem Fluchtversuch ausgehen müssen. Das ist aber die absolute Ausnahme." Das Pfalzinstitut ist mit mehr als 1000 Betten die größte psychiatrische Einrichtung in Rheinland-Pfalz und Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Mainz.

Die Jugendpsychiatrische Abteilung hat 18 Plätze. Zurzeit belegen 14 davon Jugendliche mit einer Essstörung, die anderen Plätze sind von Jugendlichen mit anderen psychischen Problemen wie zum Beispiel Angststörungen besetzt. Yvonne Ehrstein ist 36 Jahre alt und hat sich nach der Ausbildung zur Krankenschwester zur Fachwirtin für Organisation und Führung weiterqualifiziert. Seit 2011 ist sie Leiterin der Jugendklinik. Die meisten werden nicht eingeliefert, sondern kommen her, weil die Eltern anrufen und um eine ambulante Vorstellung bitten. Dort wird dann entschieden, ob das Mädchen stationär aufgenommen wird oder ob eine ambulante Therapie genügt. Nur etwa fünf Prozent der Patienten sind männlich. "Es ist gut, wenn Jugendliche selbst einsehen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Die Therapie ist dann einfacher und auch erfolgversprechender."

Dennoch liegt die Rückfallrate bei etwa einem Drittel. "Eine Essstörung ist sehr schwer zu behandeln. Viele Patienten leben sozial zurückgezogen und sind ängstlich. Bei nicht wenigen Patienten ist eine Essstörung mit Depressionen gekoppelt, oft verletzen sie sich auch selbst." Die Behandlung beruht auf einer klinischen Verhaltenstherapie. Dazu gehört, dass die Betroffenen verstehen, wie die Symptomatik entstanden ist und warum sie nicht wieder von alleine verschwindet. "Die Therapie muss handlungs- und veränderungsorientiert sein, um zu wirken. Psychotherapie ist anstrengend für die Patienten und erfordert Engagement."

Wenn die Patienten aus der Klinik entlassen werden können, gelten sie noch lange nicht als geheilt. "Selbst nach der Entlassung machen die meisten Patienten noch eine ambulante Therapie. Bei nicht wenigen Fällen geht dies über mehrere Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte." Um Fortschritte zu erreichen, ist es für die Jugendlichen wichtig, dass sie sich in der Klinik wohl fühlen. Daher ist vor allem die Jugendpsychiatrische Abteilung farbenfroh gestaltet. "Die Bilder und Plakate, die an den Wänden hängen, haben die Jugendlichen selbst in den verschiedenen pädagogischen Gruppenund Projektarbeiten gemalt oder gebastelt. Dort arbeiten die Jugendlichen zu verschiedenen Themen, zum Beispiel Germanys Next Topmodel, an einem gemeinsamen Gruppenziel." Im Haus stehen Billardtische, es gibt Gesellschaftsspiele, Fernsehen und Bücher. Auf dem Klinikgelände gibt es einen Sportplatz, Tennisplätze, Mini-Golf und ein Schwimmbad.

Auf die Frage, ob es mehr Patienten gibt, seit es die vielen Modelshows im Fernsehen gibt, reagiert Yvonne Ehrstein mit einem Lächeln: "Es ist ein Klischee, dass alle Mädels mit einer Essstörung diese haben, weil sie sich zu dick fühlen und so dünn seien wollen wie die Mädchen aus dem Fernsehen. Klar gibt es auch diese Art von Krankheitstyp, aber hauptsächlich haben die Patienten psychische Probleme. Die Mädchen wollen nicht zur Frau werden, sie wollen kindlich bleiben und essen deshalb nicht. Auch eine Scheidung der Eltern oder ein weiteres Geschwisterkind können Auslöser für eine Essstörung sein, da die Jugendlichen nun mit ihrem zu niedrigen Gewicht auf sich aufmerksam machen wollen." In selten Fällen könne auch eine Misshandlung oder Vergewaltigung in der Kindheit der Grund sein.

Gerade in solchen Fällen ist die Mitarbeit der Eltern unerlässlich. Sie brauchen Unterstützung im Umgang mit ihrem Kind. Die Jugendlichen versuchen oft, ihre Eltern zu manipulieren, indem sie sie mit Vorwürfen konfrontieren und zum Abbruch der Therapie überreden wollen. Manche Eltern versuchen, ihr Kind mit Geschenken zu erpressen, um zu erreichen, dass es den Willen bekommt, wieder gesund zu werden. Während ihrer Therapie versuchen die Jugendlichen zu schummeln. "Es ist schon vorgekommen, dass eine Patientin sich vor dem morgendlichen Wiegen den Wecker gestellt und zwei Liter Wasser auf einmal getrunken hat, um bei ihrem Gewicht zu schummeln. Dies ist ein bekannter Trick, und nicht selten ist es passiert, dass die Patientin ihren Urin während des Wiegens nicht mehr halten konnte." Deswegen werden die Patienten oft auch zu ungewohnten Zeiten gewogen und die Zimmer durchsucht.

Der Tagesablauf der Patienten ist vom Aufstehen bis zum Schlafengehen mit festen Uhrzeiten genau geplant. "Wir wollen den Patienten einen geregelten Tagesablauf bieten, damit sie etwas haben, woran sie sich festhalten können. Damit keine Langeweile aufkommt, ist das Nachmittagsprogramm täglich verschieden, so kommt Abwechslung in den Klinikalltag." Gemeinsames Einkaufen und Kochen soll die Patienten auf ein Leben nach der Klinik vorbereiten. So lernen die Jugendlichen wieder einen normalen Umgang mit Lebensmitteln. Außerdem gibt es eine Fünf-Sinnes-Gruppe, in der die Patienten herausfinden, was ihnen gut tut.

Eine erfolgreiche Therapie verspricht noch lange keine Heilung. Essstörungen sind die psychische Krankheit mit der höchsten Sterblichkeitsrate. "Wenn wir einen Patienten entlassen, hoffen wir, dass wir ihn hier nicht mehr wiedersehen. Denn wir wissen, wieviel Kraft ein Mädchen nach der Therapie aufbringen muss und dass der Weg noch lang ist, bis man von einem normalen Leben sprechen kann."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Psychotherapie ist anstrengend und langwierig
Autor
Julia Hefner
Schule
Alfred Grosser Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2013, Nr. 67, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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