Kein Gespür für Grenzen

Anna Müller (alle Namen wurden geändert) war 13 Jahre alt, als sie das erste Mal Opfer von Mobbing wurde. Zwei Jahre später entschloss sie sich, ihr Leben zu beenden. "Anna war schon immer ein ruhiges Mädchen. Zurückgezogen, aber nicht isoliert. Sie hatte immer Freunde und Kontakte, die ihr ausreichten. Sie hat andere Interessen als die meisten Mädchen in ihrem Alter. Trotzdem rechtfertigt das nicht, was ihr angetan wurde." Elisabeth Müller scheint gefasst, als sie die Geschichte ihrer jüngsten Tochter erzählt.

Anna ist 16 Jahre, hat kurze Haare und einen zierlichen Körper. Sie sitzt im Rollstuhl, der von ihrer Mutter geschoben wird. Seit Anfang des Jahres 2011 ist sie in Köln in Behandlung. Neben der Physio- und Ergotherapie sind vor allem die neuropsychologische und psychologische Behandlung und Betreuung wichtig. Denn die Erinnerungen an die Zeit vor ihrem Selbstmordversuch beginnen wieder an die Oberfläche zu gelangen.

Anna ist in der siebten Klasse, als alles seinen Anfang nimmt. Ihre Eltern haben beide studiert, auch Anna ist Klassenbeste, ein Umstand, der für manche Schüler zum Angriffspunkt wird. Die Attacken ihrer Klassenkameraden sind zuerst begrenzt und unauffällig. Selbst ihre besten Freunde wenden sich schließlich gegen sie. Oder erzählen ihr heimlich, dass sie sich nicht trauen, zu ihr zu halten, weil sie dann selbst zum Opfer werden. Die anfänglichen Bemerkungen werden zunehmend verletzender. Anna bittet ihren Klassenlehrer um Hilfe.

"No blame" heißt das Programm, in dem sich beide Seiten aussprechen sollen, dabei werden keine Verursacher benannt, und ein direkter Angriff soll möglichst verhindert werden. Als auch das nicht weiterhilft, sondern sich die Lage noch verschärft, wird ein Mobbingtagebuch angelegt, in dem alles genau festgehalten wird. Dieses Mal werden die Verantwortlichen klar benannt und zwei neutrale Personen bestimmt. Doch auch dieses Konzept scheitert, die Attacken hören nicht auf. Anna zieht sich immer mehr zurück, lernt noch mehr für die Schule, ein Teufelskreis. Die Lage wird schlimmer.

Ob sie mit ihren Eltern über ihre Gefühle gesprochen hat? "Ja, sie hat mit uns darüber geredet, aber sie hat uns natürlich nicht alles erzählt", sagt ihre Mutter. "Als Außenstehender kann man ja auch nicht immer genau wissen, wie es in ihr aussieht." Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem Anna keinen Ausweg mehr sah. Anfang des Jahres 2011 wirft sie sich vor eine Straßenbahn. Der Suizidversuch misslingt, sie erleidet ein Schädelhirntrauma. Sie kann nicht mehr sprechen und ist gelähmt.

Seitdem ist sie in Behandlung, macht verschiedene Therapien, lernt wieder zu sprechen und wird psychisch betreut. Sie wird immer noch schnell müde und ist wenig belastbar, doch wenn sie zu Hause ist, lernt sie gerne Latein oder macht Sudoku. "Das häusliche Umfeld ist wichtig für sie. Ich habe eine sehr enge Bindung zu meiner Tochter und sie teilt sich mir mit", erzählt ihre Mutter.

Manchmal kehren Annas Erinnerungen zurück. Dann durchlebt sie dieselben schmerzhaften Gefühle, die sie vor dem Unfall gequält haben. Mittlerweile weiß sie, warum sie in Therapie ist, redet auch mit ihren Eltern darüber.

Mittlerweile geben fast ein Drittel der Schüler an weiterführenden Schulen an, schon einmal gemobbt worden zu sein. Einen Grund dafür sieht Annas Mutter darin, dass Kinder kein Gespür für Grenzen mehr haben. "Sicher kommt es immer mal dazu, dass man von anderen nicht gemocht wird oder man sich abfällige Bemerkungen anhören muss, aber die Täter gehen heute bis zum Äußersten. Sie besitzen keine Empathie mehr und keine Werte. Allerdings kann man die Schuld nicht nur immer einer Seite zuschreiben. Anna hat sich in der Zeit immer mehr von anderen abgekapselt, je schlimmer die Angriffe wurden. Am Ende hat beides zu dieser Katastrophe geführt."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Kein Gespür für Grenzen
Autor
Melina Faß
Schule
Ursulinengymnasium , Köln
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2013, Nr. 67, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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