Menschlichkeit am Zug

Der Bahnhof ist ein Ort der Bewegung und Veränderung. Die Bahnhofsmission Karlsruhe nimmt sich unter dem Motto "Menschlichkeit am Zug" den verschiedenen Bedürfnissen der Menschen an. Else Rapp hat neben ihrem Beruf als Sekretärin zehn Jahre ehrenamtlich bei der Einrichtung gearbeitet. In erster Linie sei die Bahnhofsmission Reisebegleitung und Umsteigehilfe. Weitere Aufgaben seien aber die Bereitstellung von Aufenthalts- und Ruhemöglichkeiten, Hilfe und Vermittlung in Notlagen und Krisen. Else Rapp hat bei vielen Problemen geholfen: von der Versorgung mit einem kleinen Pflaster über Ehe-, Familien- und Drogenprobleme bis hin zur Arbeitsplatz- und Wohnungssuche.

"Gerade dann, wenn niemand für dieses Problem zuständig ist, gibt die Bahnhofsmission wieder Hoffnung", sagt Susanne Daferner, die die Bahnhofsmission hauptberuflich leitet: "Wenn zum Beispiel der Geldbeutel verlorengeht und man ist weit von zu Hause, da gibt keine Bank ein Darlehen, keine Bahngesellschaft ein kostenloses Heimfahrtticket."

Die häufigsten Besucher sind jedoch die Menschen, die auf der Straße leben und denen es am Nötigsten fehlt. Oftmals sind die Mitarbeiter der Bahnhofsmission die Einzigen, die sich die Zeit nehmen, ihnen zuzuhören. Else Rapp erinnert sich an ein solches Gespräch: "Dieser Mann sagte zu mir, ich sei die Erste gewesen, die es überhaupt interessiert habe, wie es ihm gehe. Auf der Straße fragt niemand nach, man wird immer nur abgewimmelt. Man könnte sagen, diese Menschen haben bei uns ein Stück Heimat gefunden."

Meist gibt es positive Rückmeldungen von den Hilfsbedürftigen, es ist erstaunlich, wie folgsam diese den Ratschlägen oft nachgehen. "Viele Hilfsbedürftige haben zum Beispiel große Hemmungen, beim Sozialamt oder ähnlichen Institutionen um Hilfe zum Lebensunterhalt zu bitten. Wenn die Bahnhofsmission aber einen Termin mit den Institutionen vereinbart, den Bedürftigen beim Ausfüllen der Antragsscheine hilft und sie dorthin schickt, dann gehen sie der Aufforderung auch nach", erklärt Else Rapp. "Auch die häufige Bitte der Mitarbeiter an die Obdachlosen, im Männerwohnheim eine Dusche zu nehmen, wird meist ohne Murren befolgt."

Finanziert wird die Bahnhofsmission Karlsruhe von der katholischen Kirche durch den Träger In Via Karlsruhe. Außerdem wird sie durch Spenden von Mitbürgern und Unternehmen unterstützt. Trotzdem stellt die ewig herrschende Geldnot ein großes Problem dar. "Wir in Karlsruhe könnten täglich fünf Bus- oder Bahntickets ausgeben und fünf Übernachtungen finanzieren. Wenn wir allen Nachfragen nach Linderung von Notlagen nachgehen würden, wäre unser Jahresbudget in zwei bis drei Tagen aufgebraucht", schätzt Daferner.

Außerdem gerät die Bahnhofsmission oft selbst in Not, da ihre Hilfe auch abends oder an Wochenenden benötigt wird. Zu diesen Zeiten hat kein Amt, keine Behörde und keine Kleiderkammer offen. Der "Erfrierungsschutz" hat nur innerhalb der Wintermonate geöffnet und auch dann nur für Männer. Außerhalb dieser Zeiten gibt es nahezu keine Möglichkeit, für ein paar Nächte eine Unterkunft zu finden. Daferner bedauert diesen Zustand sehr: "Dann heißt es für denjenigen, die Nacht mit allen Gefahren im Freien zu verbringen. Und das tut ganz schön weh, wenn man einen Menschen wieder wegschicken muss. Viele Städte haben Wohnheime für solche Problemlagen, Karlsruhe nicht."

An einen Vorfall erinnert sich Else Rapp noch genau: "Einmal ist ein junges Mädchen bei der Bahnhofsmission als vermisst gemeldet worden, das in der Schule Mobbing-Attacken ausgesetzt war. Ich war bei der Suchaktion dabei, die aber erfolglos blieb. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass die Leiche des Mädchens in der Enz gefunden wurde. Es hatte in sein Tagebuch geschrieben, es wolle sich umbringen, wenn das so weitergehe. Es war aber unklar, ob es gestoßen wurde oder selbst gesprungen ist."

Dass die Gesellschaft älter wird, merken die Mitarbeiter. Susanne Daferner sagt: "Es kommen immer mehr Anfragen nach einer Begleitung während der Zugfahrt, inklusive Begleitung von Abreise- zum Zielort." Außerdem gebe es immer mehr Arme, Obdachlose sowie Menschen aus Osteuropa, die Hilfe bräuchten: "Immer mehr Notleidende drängen aus diesen Ländern zu uns, in der Hoffnung auf ein besseres Leben." Allerdings benötigen Menschen aus Ländern wie Bulgarien und Rumänien eine Arbeitserlaubnis, die sie in den meisten Fällen nicht bekommen. Viele enden als illegale, schlecht bezahlte Arbeitskräfte, die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. "So sind wir oftmals die Einzigen, die ihnen beim Überleben helfen", erklärt Susanne Daferner: "Hier müsste eine politische Lösung für das Problem gefunden werden, wie Informationen im Heimatland zur Arbeitsmarktlage im Ausland und Hilfsmöglichkeiten in den angestrebten Ländern."

"Wir verstehen uns als ein Stück Kirche am Bahnhof und wollen uns durch den Dienst am Menschen bedingungslos auf jede Art von Person einlassen", erklärt Else Rapp. Ein bisschen Flexibilität sei dabei hilfreich.


 

Informationen zum Beitrag

Titel
Menschlichkeit am Zug
Autor
Yvonne Deurer
Schule
Gymnasium Karlsbad , Karlsbad
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2013, Nr. 67, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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