Autobahn mit Kiesbelag

Vier Männer aus Süddeutschland machen sich auf die Reise von ihrer Heimatstadt Freiburg nach Baku, der Landeshauptstadt von Aserbaidschan. Sie wollen in fünfeinhalb Wochen 11 000 Kilometer quer durch Europa in einem alten Kleinbus zurücklegen. Fabian, Julian, Stefan und Patrick sind Mitte 20, haben einen trendigen Dreitagebart und stehen als Elektrotechniker, Grafik-Designer, Kfz-Meister sowie Kameramann im Berufsleben. Dann wäre da noch "Hans", der 38 Jahre alte Bus, zu erwähnen, den die Jungs zufällig im Internet entdeckt und ohne langes Überlegen ersteigert haben. "Ungefähr vier Monate saßen wir am Bus, um ihn zu reparieren und ihn unserem Stil entsprechend herzurichten. Die Vorbereitungen machten fast genauso viel Spaß wie die Reise selbst", erzählt der 28-jährige Patrick, der die Reise mit seiner Kamera dokumentiert.

"Das Wichtigste für so eine außergewöhnliche Reise ist sicherlich Erfahrung", sagt Patrick, der schon mal mit einem VW-Bus nach Damaskus und nach Senegal und mit einem Fahrrad von Freiburg nach Barcelona gefahren ist. Mit dem Reisen kommen die Erfahrungen von ganz allein. Deshalb planen sie nur das Nötigste. Zum Essen gibt es täglich Spaghetti mit Tomatensoße, die mit Gemüse von unterwegs verfeinert wird.

Neben Visum, Währung und Impfungen ist es immer gut, über die Geographie der Länder und die Mentalität der Menschen Bescheid zu wissen. "Es ist viel schöner, die Natur und die Architektur real und wahrhaftig vor Ort zu sehen", sagt Patrick und schwärmt von den 5000 Meter hohen Gipfeln des Kaukasus, die er davor nur auf schlechten Bildern gesehen hat. Alles andere sei nicht planbar, und so sind sich alle einig, dass eine zu akribische Reisevorbereitung unflexibel macht und es vor allem erschwert, unterwegs überrascht zu werden. "Du brauchst keine Uhr, keine Termine, keine Gewohnheiten, alles ist neu und anders, bunt und aufregend", beschreibt einer der Jungs.

Und sie genießen die Freiheit, die sie mit dem eigenen Bus haben. Sie können anhalten, wann und wo sie wollen, können ihre eigenen Routen wählen und ihr eigenes Tempo bestimmen. Es gibt nichts, was sie einschränkt. Sie nennen es "das Gefühl der Reise". Patrick beschreibt es als ein Kribbeln im Bauch, das ihnen immer wieder bewusst macht, wie besonders es ist, unterwegs sein zu dürfen. Immer wieder verspüren sie dieses Gefühl und lassen trotz eines Lecks im Getriebeöltank des Busses, der prallen Mittagssonne, die dem Bus oft zu schaffen macht, und Autobahnen, die aus aufgeschüttetem Kies bestehen, nie davon ab, ihr Ziel zu erreichen. Vielmehr gibt es Augenblicke, die nach mehr schreien. So treffen sie zum Beispiel Miguel in Istanbul, der genau wie sie auf der Reise ist. Er ist allein mit seinem Fahrrad unterwegs, um von Madrid nach Sydney zu fahren. "Fast hätte ich mich überreden lassen, mit ihm weiterzufahren, als er mit einer unglaublichen Ausstrahlung und Freude von seinem Trip erzählt", gesteht Patrick.

Auch Länder wie Serbien, Montenegro und Albanien, über die man oft nur Vorurteile hat, waren mit ihrer idyllischen Landschaft immer wieder motivierend. "Kaum jemand kennt Albanien, und die Leute empfangen dich so herzlich, weil sie so stolz sind, dass du ihre Heimat besuchst. Nirgendwo erfahren wir Abneigung, vielmehr kommen die Leute auf uns zu und zeigen uns, dass nicht alles so ist, wie man es sich in Deutschland erzählt." Auch mit den verschiedenen Lebensstandards umzugehen ist Teil der Erfahrung, die die Männer machen. Man verliere schnell die Angst vor Ländern, die man davor nicht kannte. Denn wer in Länder reist, wo der Lebensstandard ein anderer ist als in Mitteleuropa, dürfe sich nicht wundern, wenn viele Ding anders ablaufen als zu Hause. Hygiene, Verständigung und Bürokratie bringen viele Reisende oft an ihre Grenzen. Nicht bei Fabian, Julian, Stefan und Patrick. Die Angst vor Neuem wandelt sich bei ihnen schnell in Respekt. "Die Leute spüren das, denn wir strahlen es aus." Die Leute merken, dass man interessiert ist, das erstickt Fremdenfeindlichkeit und beschert eine unglaubliche Gastfreundlichkeit. Oft weigern sich die Einheimischen, Geld für Lebensmittel anzunehmen. "Die Menschen, die am wenigstens haben, wollten dort am meisten geben. Eine Erfahrung, die ich auch schon in Moldawien und in Syrien gemacht habe", staunt der Mann mit der Kamera. Das ist das, was für die Freiburger die Reise eigentlich zu einem unvergesslichen Abenteuer macht.

Grinsend erzählt Patrick von Fabian, der am Tag fünf eine Zyste am Unterarm bekommt. Keiner kann sich erklären, woher das Geschwür stammt, auch nicht die Ärzte und Krankenschwestern aus einem Dorfkrankenhaus im türkischen Hinterland. Die Verständigung erfolgt nur mit Händen und Füßen. Die Ärzte bestehen darauf, Fabian zu röntgen, doch bei den miserablen Zuständen des Krankenhauses lehnt er dankend ab. Mittlerweile steht das ganze Personal fachsimpelnd im Behandlungsraum. "Alle lachen und grinsen, die perfekte Freakshow für Einheimische. Eine Stunde später können uns die Ärzte immer noch nicht sagen, was das neue Körperteil an Fabian war. Schlimm könne es jedenfalls nicht sein", erzählt Patrick lachend. "Die georgischen Krankenschwestern in Tiflis haben ihm ein Medikament verschrieben, jedoch ohne Erfolg." In den Krankenhäusern der osteuropäischen Länder erleben sie nur freundliche Menschen.

Das beeindruckendste Erlebnis ist die Ankunft in Baku, weil sie wegen vieler Rückschläge und der knappen Zeit nicht mehr daran geglaubt hatten. "Da bist du für jeden Tag dankbar, an dem nichts passiert und du keine Pannen hast", sagt Patrick. Einmal müssen sie sogar fast die Reise wegen eines Unwetters abbrechen. Die Regengüsse sind so stark, dass die Überschwemmungen die Elektrik des Busses zerstören. Das ist das, was für die Jungs die Reise zum Abenteuer macht. Sie werden sich das erste Mal bewusst, wie weit sie von zu Hause weg sind. Baku haben sie sich als Ziel ausgesucht, weil sie so gut wie nichts über dieses Land wissen, bekannter ist die Stadt erst geworden, nachdem im vergangenen Mai dort der "Eurovision Songcontest" ausgerichtet worden ist. Baku liegt direkt am Kaspischen Meer. Leider bleibt den Jungs in der Landeshauptstadt Aserbaidschans aus beruflichen Gründen nur wenig Zeit, sodass sie zurückkehren müssen. "Wir haben auf dem Rückweg bewusst eine andere Strecke gewählt, die viel schneller geht. Außerdem fahren wir Strecken ungern zweimal", fügt der Kameramann hinzu, der aus dem gesammelten Material einen Film schneiden wird.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Autobahn mit Kiesbelag
Autor
David Rühle
Schule
Gymnasium Karlsbad , Karlsbad
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2013, Nr. 73, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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