Man teilt Gepäck und Probleme

Der Weg endet am Horizont, wo die Sonne gerade untergeht. Die drei Wanderer laufen auf ein kleines französisches Dorf zu. Dort angekommen, suchen sie ihre Pension auf und gehen früh schlafen, um am nächsten Morgen zeitig weiterzuwandern. Nur die gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund kennzeichnet ihren Weg. Seit mehr als 1000 Jahren pilgern Menschen in die spanische Stadt Santiago de Compostela zum Grab des Apostels Jakobus. Auch die 43 Jahre alte Grundschullehrerin Heidi Stadler aus Mainz-Hechtsheim ist eine dieser Pilger.

Nach einer Krebsdiagnose entschied sie sich spontan dazu, den Jakobsweg zu beschreiten. Begleitet von zwei Freundinnen aus ihrer Schulzeit, machte sie sich im Herbst 2006 auf den Weg, während ihr Mann mit den Kindern zu Hause blieb. Angefangen in Trier, ihrer Geburtsstadt, verlief die Route über Metz durch Toul, Vézelay und weiter durch Frankreich. Der Jakobsweg verläuft nicht nur einspurig durch Europa. Fast jeder Pfad in Europa ist Teil des Jakobswegs, er kann überall beginnen, natürlich gibt es Routen, die bekannter sind als andere. Heidi Stadler und ihre Freundinnen sind auf ihrem Weg noch nicht vielen Pilgern begegnet. "Wir haben vor allem Wege durch Frankreich gewählt, die nicht so bewandert sind", erklärt sie. Anders als für andere Pilger führte ihr Weg aber nur in jährlichen Etappen zum Ziel. "Leider hatten wir noch nicht die Möglichkeit, am Stück den Jakobsweg entlangzugehen, da man nicht immer die Freizeit dafür aufbringen kann." Das finde sie aber nicht schlimm, da sie sich den Weg von Jahr zu Jahr in zehntägige Abschnitte einteilen und so jedes Jahr Santiago ein wenig näher kommen. Heute geht es Heidi Stadler wieder gut, und die Gruppe ist nach fünfmaligem Wandern im französischen Burgund, der Plan in diesem Jahr sieht vor, von Nevers ausgehend St. Pierre-le-Môutier zu erreichen.

Obwohl Heidi Stadler von 2000 bis 2011 mit ihrer Familie in Portland wohnte und dort in Oregon an der German American School of Portland unterrichtete, hielt diese Entfernung sie nicht davon ab, jedes Jahr wieder zurückzukehren. "Es ist ein tolles Gefühl, die Feldwege entlangzuwandern, auch die Natur um einen herum ist sehr beruhigend." Die jährliche Fußreise wird von den dreien in Tagesetappen eingeteilt, die Zimmer am jeweiligen Zielort werden im Voraus gebucht. Dennoch kann es passieren, dass das Tagesziel nicht erreicht wird, dann heißt es: die nächste Pilgerherberge aufsuchen.

Diese bieten meist günstige oder sogar kostenlose Mahlzeiten und Unterkunft für eine Nacht, vorausgesetzt man kann sich mit dem sogenannten Pilgerpass ausweisen. Außerdem kann man in diesem Pass seine Stationen abstempeln lassen, um in Santiago eine Urkunde zu erhalten. Ob man aus religiösen oder anderen Gründen diesen Weg geht, es beeinflusst die Menschen. "Man wird unter anderem auch demütig", sagt Heidi Stadler, "man verbringt viel Zeit mit seinen Freunden und auch mit sich selbst, man hat also genug Zeit zum Nachdenken und Reden."

Der Auftakt der ersten Reise war, wie jeder Anfang, schwer, da sich unerfahrene Wanderer meist der körperlichen Anstrengung nicht bewusst sind, unter Blasen und anderen Blessuren leiden. "Beim ersten Mal haben wir alle viel zu viel eingepackt, doch man hat schnell gemerkt, dass man viele Sachen reduzieren kann. Das Gewicht zu Beginn der Reise stand auch sinnbildlich für das Gewicht, was wir privat mit uns herumtrugen. Doch mit jedem Schritt wurde es weniger, und man lernte loszulassen." Das Wohl der Gruppe steht im Vordergrund, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft sind gefordert. Man teilt das Gepäck und somit auch die Probleme, für viele ist es auch ein Weg, wieder zu sich zu kommen. Das Besichtigen von religiösen oder kulturell bedeutenden Orten, wie zum Beispiel die Kathedrale in Vézelay, aber auch die Natur und die Ruhe helfen dabei.

Bei einer solchen Wanderung spielt das Wetter eine wichtige Rolle: "Wir waren einmal im Wald, als es plötzlich anfing zu donnern. Da das nächste Dorf noch weit entfernt war und es keinen möglichen Unterschlupf in der Nähe gab, rannten wir aus dem Wald hinaus und kauerten uns auf offenes Feld, um zu warten, bis der Donner und die Blitze sich verzogen hatten. Bei solchen Erlebnissen bekommt man es schon mit der Angst zu tun", sagt Stadler. "Insgesamt erlebt man viele außergewöhnliche Dinge, wie zum Beispiel fremde Menschen, die einem einfach so an einer Bushaltestelle Kaffee anbieten."

Ein weiteres Ziel der Reise ist es, der Hektik des Alltags zu entfliehen. Deswegen versuchen die meisten weitgehend auf Medien zu verzichten, das Handy ist nur für den Notfall da. Auch Heidi Stadler und ihre Freundinnen versuchen, sich ohne GPS nur mit Kompass und Karten zurechtzufinden, jedoch klappt das nicht immer. "Einmal sah uns ein Bauer, wie wir orientierungslos in die Ferne schauten. Er versuchte uns auf Französisch den Weg zu erklären, doch als er merkte, dass wir ihn nicht verstanden, fuhr er mit dem Auto voraus und malte uns die nächsten 13 Kilometer Pfeile auf die Straße, damit wir ihnen zu unserem nächsten Etappenziel folgen konnten", schmunzelt sie.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Man teilt Gepäck und Probleme
Autor
Jasmin Clemens
Schule
Gymnasium Nieder-Olm , Nieder-Olm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2013, Nr. 73, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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