Schwarz, klein und einfach der Falsche

Der Blick geht zu seiner Freundin. Dann zurück auf die karierte Stoffhose. Seine ersten Worte sind: "Was hat meine Mutter mir hier eingepackt?" Im gleichen Augenblick hebt Georgios Baxevanis die Hose hoch und sieht die rote Digitalkamera in der schwarzen Hülle. Ohne Zweifel ist es ihm klar: "Das ist nicht mein Koffer!" Der Schweiß steht ihm auf der Stirn.

Er schlägt den schwarzen Koffer mit dem kleinen Kompass am Griff zu. Aufgebracht laufen er und seine Freundin zurück zur Hotelrezeption. Der Anfang eines Urlaubs auf Mallorca. Doch was tun, wenn man seinen Koffer am Flughafen vertauscht hat? An der Rezeption erklären die Achtzehnjährigen der kleinen, etwas dicklichen Dame ihre Situation. Ein Mischmasch aus Englisch und Deutsch bringt die rothaarige Dame schließlich dazu, am Flughafen anzurufen und nach dem Koffer zu fragen. Das Einzige, was Georgios außen am Koffer in einer dafür vorgesehenen Hülle gefunden hat, ist ein kleiner weißer Zettel mit einer Adresse und einer Handynummer, die nicht mehr aktuell ist. Sonst war es genau der gleiche schwarze Koffer mit dem Kompass im ausziehbaren Griff, den sie ohne nachzudenken und voller Vorfreude auf den ersten gemeinsamen Urlaub vom Gepäckband gegriffen haben. Sein Koffer war weder mit einer Adresse gekennzeichnet noch mit etwas Persönlichem markiert.

65 Kilometer vom Flughafen von Palma de Mallorca entfernt bricht für die jungen Urlauber eine Welt zusammen, denn das Ergebnis des Telefonates: Der Koffer befindet sich nicht mehr am Flughafen. Trotzdem muss der falsche Koffer zurück dorthin, das ist klar. Die Frau, die eine weiße Bluse mit der Hotelaufschrift trägt, beruhigt: "Alles wird gut, das passiert hier sehr oft."

Mit einem Taxi erreichen sie nach einer Stunde schließlich den Flughafen, wo sie den Koffer abgeben. Georgios fragt sich, wie nun der Urlaub ohne eigene Kleidung ablaufen soll, denn er hat ja bloß das, was er am Körper trägt. Wäre es nur nicht sein Verschulden. Denn dann hätte er die Chance auf eine Kostenerstattung von seiner Reisegesellschaft oder Fluggesellschaft. Viele Koffer werden beim Umstieg auf falsche Förderbänder oder Gepäckwagen gelegt oder verlassen erst gar nicht den Abflughafen. Doch er hat die Koffer einfach vertauscht.

Seine Gedanken sind bei seinen Sachen, die sich im Koffer befinden. "Das weiße T-Shirt von Abercrombie and Fitch und das graue Shirt, die gelbe Hose . . ." Das gestresste Pärchen wartet vor der Glasscheibe, hinter der sich niemand befindet. Ungeduldig drückt Georgios' Freundin dauernd auf den schwarzen Knopf neben der kleinen runden Öffnung in der Scheibe. Es klingelt, doch keine Reaktion. Niemand zu sehen. Für die Mitarbeiter des Flughafens ist ein verlorenes Gepäckstück Alltag, denn jährlich gehen nach Angabe des Luftfahrtdienstleisters SITA etwa 25 Millionen davon verloren. Die meisten tauchen allerdings innerhalb von 48 Stunden wieder auf, denn nur wenige werden gestohlen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt eine schwarzhaarige kleine Frau. In gebrochenem Englisch erklären sie, dass sie ihren Koffer vertauscht haben und ihren nun als gestohlen melden wollten. Doch da sieht Georgios plötzlichen seinen Koffer durch die Glaswand, weist mit seinem Finger darauf und schreit: "Das ist mein Koffer! Da ist er!" Eine Frau bittet ihn durch eine Schleuse in den Vorraum mit den Glasscheiben, wo er zuvor seinen Koffer hat liegen sehen, doch zu seiner Enttäuschung ist dies wieder der falsche Koffer, nämlich der, den sie zuvor abgegeben haben. Die Frau ist die letzte Rettung und führt ihn in einen Raum mit vielen hohen Regalen voller Koffer. Und dort, unten links auf dem Boden, sieht er seinen Koffer liegen, der schwarze Koffer mit dem gleichen Kompass im Griff. Er darf ihn öffnen, um sich zu vergewissern, dass es wirklich seiner ist. Seine Freundin wartet aufgelöst vor der Schleuse. Er tritt mit seinem Koffer hinaus, und der Urlaub kann endlich beginnen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Schwarz, klein und einfach der Falsche
Autor
Larissa Wirtz
Schule
Inda-Gymnasium , Aachen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2013, Nr. 73, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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