Heuen war wichtiger als Schule

"Lass mich es so sagen: Wir sind saudumm aus der Schule gekommen." Das sagt Olga Siebler mit einem Lachen. Die 84-Jährige wurde 1934 mit sechs Jahren zu Ostern eingeschult. Sie wohnt noch heute in Wangen, einem Dorf am südlichen Rande des Schwarzwalds. Das 350-Einwohner-Dorf besteht aus drei Teilen, die einen halben bis einen Kilometer auseinanderliegen: Unter- und Oberwangen und Sparenberg. Weil sie in Sparenberg wohnte, musste sie zu ihrer Schule einen Kilometer laufen. Von der ersten bis zur vierten Klasse, die aus sieben bis zehn Schülern bestand, ging sie an sechs Tagen in der Woche diesen Weg. Unterricht war von 13 bis 17 Uhr. Ab der fünften Klasse ging man dann vormittags zur Schule.

"Die Wichtigkeit der Landwirtschaft machte sich überall bemerkbar, auch in der Schule", sagt die Dame mit den graumelierten kurzen Haaren. Sogar die Ferien richteten sich danach. So hatte man im Sommer 14 Tage frei, um zu heuen. Wenn es regnete, mussten die Kinder wieder in die Schule, weil sie nicht aufs Feld konnten. Dann gab es zwei Wochen frei, um die Ernte einzuholen, im Oktober war schulfrei für die Kartoffelernte. Zwar musste man an den Feiertagen nicht zur Schule, aber um Weihnachten, Neujahr und Ostern fand Unterricht statt.

In den Pausen spielte man Völkerball und Fangen oder redete miteinander und aß sein Vesper. Der Großteil der Kinder musste zu Hause auf dem Bauernhof mithelfen. Ein Klassenausflug war meist eine Wanderung. Olga Siebler erinnert sich gut an einen Ausflug, bei dem sie mit dem Zug zu einer Burg fahren wollten. Der Bahnhof war in der nächstgelegenen Stadt. Am Ausflug nahmen die Klassen vier bis acht teil. Während Olga und eine Freundin auf den Zug warteten, kamen ältere Schüler mit Trauben auf sie zu. Sie sagten, dass vor dem Bahnhof ein kleiner Laster mit einer Kiste mit Trauben stehe. Das ließen sich die zwei Mädchen nicht entgehen, leider bekamen sie nur noch einzelne Trauben. Doch als der Lehrer nachher den nicht sehr erfreuten Lastwagenfahrer traf, musste er ihm das Geld für die Trauben erstatten. Alle Kinder sollten am nächsten Tag 40 Pfennig mitbringen. Olga weinte den ganzen Tag und ging, als sie nach Hause kam, direkt ins Bett. Sie hatte Angst, bestraft zu werden. Später gestand sie der Mutter ihre "Schandtat" und bekam das Geld. Heute lacht sie darüber. "Anders als andere Kinder, wurde sie zu Hause nicht oft bestraft. Ihre Eltern waren warmherzig zu ihr und ihrer 9 Jahre jüngeren Schwester. Das war eher untypisch für diese Zeit.

Aus der Schule kam man nach dem achten Schuljahr mit etwa 14 Jahren und dem Volksschulabschluss. Blieb man sitzen, wurde man meist trotzdem entlassen, wenn man schon 14 Jahre alt war. Danach gingen die Mädchen einmal in der Woche zur Hauswirtschaftsschule im Nachbardorf. Den fünf Kilometer langen Weg ging man selbstverständlich zu Fuß. Wegen fehlenden finanziellen Mitteln und öffentlichen Verkehrsmitteln war der Besuch einer weiterführenden Schule kaum möglich. Die Bücher musste man selbst kaufen. Olga konnte sie einer älteren Schülerin billig abkaufen.

Für alle Schüler der Dorfschule gab es zwei Lehrer. Einen Oberlehrer, der in der Schule wohnte, und einen Unterlehrer, der oft in nahen Gasthäusern unterkam. Sie wurden mit "Herr Lehrer" angesprochen. Und es gab die Prügelstrafe. "Ich selbst bekam höchstens einmal eine Tatze, weil ich im Unterricht kicherte." Eine Tatze nannte man es, wenn man mit einem Bambusstab Schläge auf die Finger bekam. Die Jungen bekamen Stockschläge auf den Hosenboden. Einmal wurde sie richtig verprügelt. Draußen beim Spielen hörte sie ein Motorrad nicht, das sich näherte. Es war der Vikar des Dorfes. Sie rannte ihm direkt in den Weg, so dass er stark bremsen musste. "Er trat mich so lange, bis mir alles wehtat."

"Am schlimmsten dran waren immer die Fremden." So wurden die Waisenkinder genannt, die vom Fürsorgeamt auf Familien im Dorf verteilt wurden. Wenn die Lehrer wussten, dass niemand hinter den Kindern steht, wurden sie um einiges schlechter behandelt als die anderen. Diese Kinder wurden vernachlässigt und viel eher entlassen, wenn sie sitzenblieben. Zu Kriegszeiten kamen viele auswärtige Kinder in Familien, die Zuflucht auf dem Land suchten oder von Organisationen den Familien zugewiesen wurden. Sie gingen in Wangen zur Schule und blieben bis nach dem Krieg. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, musste auch der Lehrer in den Krieg ziehen. "Dann unterrichtete uns ein alter Nazi. Bei ihm lernten wir nur, wo die deutschen Soldaten gerade an der Front standen." Begrüßt wurde der Lehrer mit dem Hitlergruß. Von da an hatten die Kinder wegen Lehrermangel unregelmäßigen Unterricht. Ein Lehrer war für mehrere Dörfer zuständig. Mal mussten sie zweimal in der Woche in die Schule, mal waren zwei Wochen frei.

Später war eine pensionierte Lehrerin aus Mannheim für den Unterricht zuständig. "Anfangs schien sie sehr verzweifelt zu sein. Wir konnten noch nicht mal Bruchrechnen. Sie brachte uns dann noch einiges bei", sagt die vergnügte Frau, die später Mutter von neun Kindern wurde. Sie ist mit ihrem Mann, der auch aus Wangen stammt, im Dorf geblieben, auch den Kindern scheint es dort zu gefallen: Vier leben mit ihren Familien in der Nachbarschaft. "Ich finde, das Leben hat es gut mit mir gemeint."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Heuen war wichtiger als Schule
Autor
Jana Siebler
Schule
Kaufmännische Schule , Waldshut
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2013, Nr. 77, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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