Eine Überfahrt dauert zweieinhalb Minuten

Ein Frühlingsmorgen am Mittelrhein, rund 30 Kilometer südlich von Bonn. 6 Uhr: In der Dämmerung beginnt die erste Überfahrt der Linz-Remagen von Linz nach Kripp. Die Wellen schlagen sanft gegen das Fährschiff. Nur die Scheinwerfer der Autos durchdringen die Dunkelheit. Als sich die rot-weißen Schranken öffnen, fahren die ersten Autos auf die Fähre. Für die zwei Kassierer und den Fährführer hat der Arbeitstag um 5.30 Uhr begonnen, eine neuneinhalbstündige Schicht steht bevor.

Die Linz-Remagen wurde 1997 gebaut und ermöglicht den Transport von 600 Fahrgästen und 30 Autos. Die Rheinfähre Linz-Kripp GmbH besitzt zwei weitere Fähren, die St. Johannes und die kleinere Nixe. Die Nixe ist eine reine Personenfähre mit 99 Plätzen und verbindet das Städtchen Remagen mit Erpel. Die St. Johannes ist eine Personen- und Autofähre, sie wird in Linz zusätzlich bei höherem Verkehrsaufkommen eingesetzt, zum Beispiel an Sonnund Feiertagen. Während der Woche wird das Fährschiff meist von Berufstätigen und Schülern genutzt. Meryem fährt jeden Morgen von Kripp nach Linz, da sie in Linz zum Gymnasium geht. "Ich habe keine andere Möglichkeit, den Rhein zu überqueren, daher bin ich froh, hier übersetzen zu können", sagt die 17-Jährige.

Am Wochenende sind viele Wanderer, Spaziergänger und Fahrradfahrer anzutreffen, wie das Ehepaar Rolf und Elisabeth Birrenbach mit ihren Rädern. "Die Fähre ist eine schnelle Verbindung, um das Ahrtal zu erreichen, und besonders für Fahrradfahrer attraktiv", sagt Birrenbach. Ein älterer Mann genießt das Panorama: Die Erpeler Ley, ein Basaltfelsen am Rhein, sowie der Turm der spätromanischen Martinskirche zu Linz machen das Übersetzen zum Erlebnis. Eine Überfahrt dauert zweieinhalb Minuten, hinzu kommen drei bis vier Minuten, in denen die Autos und Fußgänger auf die Fähre fahren oder sie verlassen. Joachim Stümper, der seit 20 Jahren den Fährbetrieb leitet, erzählt: "Pro Tag fährt die Fähre ungefähr zweihundert Mal hin und her und transportiert insgesamt etwa 2000 Autos." Der mittelgroße Mann steuert die Fähre nur noch sehr selten. In Linz hat er ein Büro, und es gibt ein kleines Arbeitszimmer auf der Fähre, wo er beispielsweise die Dienstpläne der Angestellten erstellt.

Nachdem sich die Schranken des Fährschiffes geöffnet haben, können die Autos die Fähre im Schritttempo verlassen. Um 15 Uhr warten die Autos auf die Ankunft der Fähre. Unter ihnen ist die 17 Jahre alte Schülerin Laura Lewicki mit ihrer Mutter. "Nachmittags habe ich in Sinzig Polnisch-Unterricht und fahre einmal pro Woche über den Rhein. Ich würde den Bau einer Brücke befürworten, dann müsste man nicht so lange warten." Zwar war der Brückenbau einmal in Planung, aber das Vorhaben wurde aus dem Landesbebauungsplan genommen, da die Brücke in ein Naturschutzgebiet gebaut werden müsste.

Früher war der Fährbetrieb weniger komfortabel. In Linz wurde eine Gierseilfähre genutzt, die 1926 durch die erste Querseilfähre abgelöst wurde. Beide Fähren benötigten keinen Motor, sondern nutzten die Schrägstellung des Schiffs und die Strömung. 1937 konnte die Fährgesellschaft die Motorfähre Franziska günstig erwerben, die jedoch 1945 durch einen Bombentreffer zerstört wurde. Nachdem der Betrieb wieder aufgenommen worden war, entwickelte sich die Fähre durch den Einsturz der Brücke von Remagen im März 1945 zur schnellsten Verbindung zwischen Westerwald und Ahrtal. Sie erspart den Menschen, die in der Umgebung von Linz leben, eine Fahrt nach Bonn oder Neuwied, wo es Rheinbrücken gibt, und somit einen Umweg von rund 50 Kilometern. Stümper berichtet, dass zurzeit eine neue Fähre in der Werft in Oberwinter gebaut wird, die in Linz eingesetzt werden und auch Sondertransporte übernehmen soll.

Die Unterhaltung der Fähre ist teuer: Eine Fähre verbraucht etwa 800 Liter Diesel am Tag. Sie hat vier Motoren, die alle fünf Jahre aufgrund des starken Verschleißes erneuert werden müssen. Ein Personenkraftwagen bezahlt für eine Überfahrt 2,20 Euro, jedoch variiert der Preis je nach Gewicht und mitgeführtem Anhänger des Autos. Fußgänger bezahlen lediglich 80 Cent.

Das Führerhaus ist mit einem Radargerät ausgerüstet, so dass die Weiterfahrt auch bei Nebel und schlechter Sicht möglich ist. "Die Fährführer können die Fähre selbst mit vollständig verschlossenen Fenstern an das gegenüberliegende Ufer steuern", sagt Stümper. Auch kleinere Unfälle passieren gelegentlich. "Die Autofahrer vergessen beispielsweise die Handbremse anzuziehen oder fahren gegen die Schranken." Kritisch wird die Lage bei Hochwasser: Der Fährbetrieb zwischen Linz und Remagen wird bei einem Pegelstand von 7,15 Metern eingestellt. Beim Fährbetrieb zwischen Remagen und Erpel beträgt der Pegelstand 6,40 Meter. Um 0.05 Uhr überquert die Fähre ein letztes Mal den Rhein.

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine Überfahrt dauert zweieinhalb Minuten
Autor
Eva Birrenbach
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2013, Nr. 77, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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