Wühlen aus Protest

Sie möchte ihre Tränen zurückzuhalten. Doch bei diesem Anblick schafft sie es nicht. Senni steht vor einem Berg Brot, Brötchen und süßen Stücken, die von einer Bäckerei zur Entsorgung in Container geworfen wurden. "Ich verstehe nicht, warum so viele Menschen hungern und trotzdem so viel an Nahrung unbeachtet weggeworfen wird." Wie jede Woche ist sie wieder in einen der vielen Container gestiegen, um sich Brot zu besorgen. Sie ist hat lange blonde Haare, gepflegte Kleidung, ist geschminkt. Ihren wahren Namen möchte sie nicht nennen, da nicht geklärt ist, ob der Abtransport von "Ausschuss" nun illegal ist oder nicht. Nahrung aus verdreckten Containern zu fischen gehört zum Alltag der 24-jährigen Studentin aus Altenburg in Thüringen. "Nur weil die Backwaren nicht die ideale Form, Farbe oder das ideale Gewicht haben, sind sie doch noch lange nicht als Abfall zu betrachten", sagt sie und packt einige Laibe Brot in ihren Rucksack. "Auch ist es mir egal, wenn mich jemand Müllfresser nennt, denn prinzipiell ist es ja Müll." Inzwischen hat sie Verbündete gefunden, die ihre Ansicht teilen. Sie nennen ihre Tätigkeit "containern". In etlichen Städten durchsuchen die Menschen nachts die Tonnen der Supermärkte und nehmen sich, was ihrer Meinung nach noch essbar ist. Seit etwa einem Jahr gehen immer mehr der "Containerer" auf Internetseiten an die Öffentlichkeit. So berichten Aktivisten auf "container.blogsport.de" von ihren Streifzügen. Oft haben diese Leute eine feste Arbeit und eine Wohnung im bürgerlichen Viertel. Sie wühlen nicht der Armut wegen im Müll, sondern aus Protest. Sie protestieren gegen eine "Konsumkultur, die sich einen Wegwerfwahn leistet", sagt Senni. Denn Essen könnte sich die Studentin ohne Probleme kaufen. Wenn es sein muss, greift sie auch ohne Handschuhe in Tonnen, die verwest riechen. Überwindung koste sie das nicht. Für Gäste hat sie schon oft Essen aus der Tonne gekocht. Diese hätten keinerlei Unterschied bemerkt, da sie nicht wussten, woher Senni ihre Zutaten bezieht. Nur ihrer Großmutter hat sie sich anvertraut, sie erinnere sich an Hunger im Krieg und finde es sehr gut, was ihre Enkelin macht. "Wenn es um Werte und Sparsamkeit geht, sind wir ein und derselben Meinung." Im Elternhaus gab es "immer einen prall gefüllten Kühlschrank, viele Süßigkeiten und nur Markenartikel". Dies wollte sie ändern, als sie nach Schwäbisch Gmünd zog. Sie will von möglichst wenig Geld leben, denn gewollter Überfluss sei nur ein Zeichen von innerer Schwäche. Dann radelt zu einem Supermarkt und schleicht sie sich hinter das Lager. Ein Mitarbeiter nickt ihr kurz zu. Nicht viele der Supermarkt-Mitarbeiter tolerieren das, was Senni tut. "Manche zerstechen mit Absicht Joghurtbecher, kippen Flüssigkeiten oder matschige Speisen über den Rest, um es uns Containerern zu erschweren." Senni schnappt sich eine Holzkiste und durchsucht schnell die drei Tonnen. Mit einem Strahlen packt sie ein Netz Zitronen, Kartoffeln, zwei Packungen Spinat, eine Papaya, einen Kopfsalat, Äpfel, Birnen und eine Handvoll Feigen in ihre Kiste. Die einzigen Dinge, die Senni regulär kauft, sind Fleisch, Fisch und Eier. Argumente für ihren Lebensstil finden die Containern in dem Film "We feed the world". Dieser dokumentiert die Absurdität globaler Nahrungsmittelproduktion. Unter anderem zeigt er auch, dass Wien Tag für Tag so viel Brot wegschmeißt, wie Graz (zweitgrößte österreichische Stadt) verbraucht. Wie viele Lebensmittel von deutschen Supermärkten weggeworfen werden, ist keiner Statistik zu entnehmen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wühlen aus Protest
Autor
Silvia Tynalewski. Rosenstein-Gymnasium, Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2010, Nr. 208 / Seite N6
Projekt
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