Länger im Schloss als jeder König

Eine breite Treppe mit abgetretenen, gräulich-steinernen Stufen, gesäumt von einem mächtigen Geländer führt zu der Wohnung empor. Ulrich Krügers Schritte und Stimme hallen in dem hohen Gemäuer. "Es sind 98 Stufen hinauf in unsere Wohnung, ganz schön anstrengend. Da überlegt man es sich abends schon gut, ob man noch ein Bier aus dem Keller holen geht", sagt er lachend. Mit federnden Schritten läuft er hinauf. Einen Aufzug gibt es nicht und wird es auch nie geben. Der 62 Jahre alte Mann wohnt mit seiner vier Jahre jüngeren Frau Elfriede in einem Schloss. Von 1704 bis 1733 durch Herzog Eberhard Ludwig erbaut, ist es mit seinen 18 Gebäuden und 452 Räumen das größte Barockschloss Deutschlands. Mitten in Ludwigsburg thront es elegant mit seinen zahlreichen Verzierungen, Skulpturen und seiner hellgelben Fassade am Rande der großen barocken Parkanlage.

"Ich lebe schon länger im Schloss als jeder Herzog oder König", erzählt Ulrich Krüger stolz. "Als ich drei Monate alt war, zogen meine Eltern ins Schloss. Mein Vater übernahm damals die Schlossverwaltung." Seine Kindheit war wegen des ungewöhnlichen Zuhauses geprägt von außergewöhnlichen Erlebnissen. 1962 zum Beispiel hielt Charles de Gaulle seine Rede an die deutsche Jugend im Schlosshof. "Als Sohn des Schlossverwalters war ich damals natürlich hautnah dabei und machte auch eine kurze, eher ungewöhnliche Bekanntschaft mit Altbundespräsident Theodor Heuss, der sich unter den Ehrengästen befand. Dieser musste nämlich während der Veranstaltung auf die Toilette. Ich, als damals noch kleiner Junge, stand zufällig am passenden Ort und Heuss drückte mir seine Zigarre zum Halten in die Hand."

1972 trat Krüger in die Fußstapfen seines Vaters. Ursprünglich sei dies nicht sein Ziel gewesen. Nach dem Studium an einer Fachhochschule hatte der Diplomverwaltungswirt schon eine Stelle in der Kommunalverwaltung. Zu diesem Zeitpunkt wollte sein Vater aber in Ruhestand gehen. Es fand sich auch nach langem Suchen kein Nachfolger. So wurde Ulrich Krüger von einem für die Schlösser zuständigen Mitarbeiter des Finanzministeriums gefragt, ob er denn nicht der neue Schlossverwalter werden wolle. "Man gab mir drei Tage Bedenkzeit. Ich bereue meine Entscheidung bis heute nicht."

Der eher kleine Mann hat dunkles, kurzgeschnittenes Haar und trägt eine runde Brille mit dickem Rand. Er sitzt auf einem Sofa im Wohnzimmer seines königlichen Heims. Es ist warm in der Wohnung, die Heizung läuft auf Hochtouren. Damit die Heizkosten nicht ins Unermessliche steigen, sind in fast allen Räumen der Wohnung hölzerne Zwischendecken eingezogen, nur im Wohnzimmer ist die knapp fünf Meter hohe Originaldecke belassen. Die Einrichtung ist modern, es gibt kaum antike Möbel. Ein gläserner, kniehoher Wohnzimmertisch auf einem flauschigen Teppich, geblümte Sofas, ein dunkles Regal an der Wand und eine riesige Zimmerpflanze. Der alte Holzboden glänzt wie frisch poliert. An der Kopfseite des Raumes bieten zwei große Fenster einen Blick auf den Schlosshof mit seinem prunkvollen Brunnen.

"Als Schlossverwalter bin ich, ganz salopp gesagt, zuständig für ein volles Haus und volle Kassen. Ich organisiere Veranstaltungen und bin zuständig für Marketing und Personal", erklärt Krüger. "Also für fast alles. Wahnsinnig aufregend finde ich auch die von Zeit zu Zeit hier stattfindenden Dreharbeiten für Spielfilme aufgrund der barocken Kulisse. Dies ist zwar von meiner Seite her mit einer ganzen Menge Arbeit verbunden: Ich muss aufpassen, dass nichts kaputtgemacht wird und so weiter. Dafür lerne ich aber auch die Schauspieler persönlich kennen. Letztes Jahr im Februar zum Beispiel wurden einige Szenen des zweiteiligen Spielfilmes "Baron Münchhausen" hier gedreht. Dabei habe ich unter anderem Jan Josef Liefers, der den Baron Münchhausen gespielt hat, getroffen." Der alte Boden knarzt laut, als seine Ehefrau leichtfüßig den Raum betritt. Die modische rote Jeans betont ihre schlanke Figur. Ihre gelockten, schwarzen, kurzen Haare umrahmen ihr schmales Gesicht. Braune Augen sehen freundlich und offen hinter einer Brille hervor. "Als ich zum ersten Mal von meinem zukünftigen Mann ins Schloss eingeladen wurde, war ich sehr beeindruckt. Auch bekam ich eine persönliche Schlossführung, er zeigte mir sogar die Gruft", erzählt sie lachend. "Aber jetzt ist es auch für mich ein völlig normales Gefühl, im Schloss zu leben. Unsere beiden Kinder sind hier aufgewachsen, auch für sie war es immer selbstverständlich. Erst durch die Wirkung von außen merkt man von Zeit zu Zeit, dass es doch etwas Besonderes ist. Die Schulfreunde unserer Kinder waren zum Beispiel immer sehr begierig darauf, zu Besuch zu kommen."

Doch Besuch zu bekommen gestaltet sich in einem Schloss nicht immer ganz so einfach, vor allem abends. Rund um die Uhr wird das Schloss von einem Sicherheitsdienst bewacht. Nachts ist das Gelände zusätzlich abgeschlossen. "Wir haben natürlich einen Schlüssel. Aber Besuch muss sich nach 20 Uhr bei der Wache melden, die uns dann anruft und fragt, ob wir den jeweiligen Besuch erwarten. Erst dann werden unsere Gäste eingelassen", berichtet Ulrich Krüger.

Tagsüber sind viele Touristen auf dem Schlosshof unterwegs oder machen Führungen durch die Gemächer. "Wir stören uns nicht an den vielen Schlossbesuchern. Die gehören einfach dazu", sagt Elfriede Krüger unbekümmert. "Im Sommer, wenn die Fenster geöffnet sind, höre ich die Stimmen der Leute auch hier oben in der Wohnung, aber daran habe ich mich schon lange gewöhnt. Dafür sind wir bei zahlreichen Veranstaltungen mittendrin." Im Sommer ist das Gebäude zentraler Spielort der Ludwigburger Schlossfestspiele. In Ordenssaal, Schlosskirche, Ordenskapelle oder Schlosstheater gibt es Konzerte und Aufführungen.

Wenn Ulrich Krüger bald in Pension gehen wird, werden die beiden ausziehen. "Wir dürften zwar im Schloss wohnen bleiben, aber irgendwann muss man auch mal einen Schlussstrich ziehen. Wir haben ein nettes Häuschen hier in Ludwigsburg erworben. Natürlich wird es etwas Neues für uns, und wir sehen dem schon mit gemischten Gefühlen entgegen, aber vielleicht werden wir unser Leben dann noch mehr genießen können, wenn wir nicht mehr mittendrin sind."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Länger im Schloss als jeder König
Autor
Katja Schabet
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2013, Nr. 83, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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