Blumengirlanden für Ramses und Amenhotep

Zwischen Pflanzenbestimmungsbüchern, Samensammlungen und archäologischen Proben untersucht im Institut für Pflanzenbiologie der Universität Zürich die Archäobotanikerin Christiane Jacquat botanische Reste einer archäologischen Ausgrabung. Einige Sonnenstrahlen erhellen das kleine Büro vom Dachfenster aus, durch das man eine große, alte Buche erblicken kann. Neben einem Gestell, in dem sich eine große Anzahl wissenschaftlicher Bücher stapelt, steht ein großer Tisch, auf dem leichte Unordnung herrscht.

Computer, Bücher, Binokular und Dokumente liegen ausgebreitet darauf. In einer Ecke des Arbeitsplatzes stapeln sich jedoch ordentlich Texte und Fotos von farbigen und hellbraunen Pflanzen. Diese nimmt die elegant gekleidete, dunkelhaarige Wissenschaftlerin hervor und legt sie sorgfältig nebeneinander auf den Tisch. Denn was man auf diesen Bildern sehen kann, sind keine unscheinbaren, trockenen Pflanzen, sondern ein rund 3000 Jahre alter Pharaonenschatz, der bis vor drei Jahren verschollen war.

Erst im März 2009, beim Umzug von Gegenständen des ehemaligen Botanischen Museums der Universität Zürich in die Villa Rainhof , wurden einige Pakete für Christiane Jacquat beiseitegelegt. "Als ich die Pakete öffnete und getrocknete Pflanzen in schwarzen Bilderrahmen entdeckte, die mit verblassten handschriftlichen Notizen wie Theben, Ramses II., Amenhotep I. oder Ahmose versehen waren, traute ich meinen Augen zuerst gar nicht", erinnert sich die promovierte Wissenschaftlerin und zeigt auf die braun-weißen, vergilbten Blumen auf den Fotos. So hätten sie beim Auspacken ausgesehen. Erst auf den zweiten Blick sei ihr klargeworden, was sie vor sich hatte. Es waren Teile von Blumengirlanden aus ägyptischen Pharaonengräbern.

Die Überarbeitung des Fundes bestand darin, die Bilderrahmen zu restaurieren, denn sie sollten wie bei ihrem ersten Transport nach Zürich im neunzehnten Jahrhundert aussehen. Ferner waren die Blumengirlanden zu reparieren. Anschließend studierte die Forscherin die Geschichte der Pflanzen und analysierte sie. Sie verglich das Material mit demjenigen von Paris, Leiden, Berlin und London: den einzigen Orten auf der Welt nebst Kairo, wo man auch solche Pharaonenblumenketten besitzt.

"Das Sensationelle am Fund ist, dass nicht bekannt war, dass sich ein solcher Schatz auch in Zürich befindet." Christiane Jacquat erzählt, sie habe vor Begeisterung über ihren Fund einige schlaflose Nächte durchgemacht. Im Moment wirkt die Mutter eines Kindes jedoch kein bisschen müde. Konzentriert überfliegt sie einen der Texte, der neben den Fotos auf ihrem Tisch liegt.

Dank der Ägyptologen, die um 1881 Goldschmuck im Handel fanden und den Verdacht hatten, es könnte sich dabei um gestohlene Pharaonenschätze handeln, konnte man nach Festnahme der Grabräuber das Versteck der Pharaonenschätze in Deir el-Bahari, Ägypten, ausfindig machen. Über den Mumien lagen die Blumengirlanden. Die Girlanden bestehen aus gefalteten Blättern, in die man Blüten oder Blumenblätter steckte und oben zusammennähte. Dabei handelte es sich um verschiedene Blumen wie Seerosen, Mohn oder Flockenblumen. "Ich vermute, dass die Girlanden mit ihrer Farbe und ihrem Geruch die Toten ins Jenseits begleiteten", erklärt Jacquat. Etwas Ähnliches findet man in unserer heutigen Kultur bei Beerdigungen, wo man Blumen auf den Sarg legt.

"Nachdem die Ägyptologen die Gräber von Deir el-Bahari leer geräumt hatten, brachten sie die Fundstücke nach Kairo für die wissenschaftliche Aufarbeitung", berichtet Christiane Jacquat. Einige Zeit später wurden die Girlanden vom Direktor der ägyptischen Altertümer-Verwaltung, Gaston Maspero, dem deutschen Botaniker Georg Schweinfurth übergeben. Leider waren beim Öffnen der Sarkophage und beim Transport der dreitausendjährigen Blumengirlanden viele beschädigt worden oder zu Staub zerfallen. Schweinfurth konnte aber glücklicherweise eine ganze Reihe von Blumen retten und konservieren.

Nachdem er die Funde akribisch dokumentiert, beschriftet und verpackt hatte, schickte er Musterfragmente der Girlanden an Museen in Berlin, Paris, London, Leiden und Zürich. "Dass man die Blumengirlanden auch in Zürich vorfand, hat man also nur dem Austausch von Funden und Informationen zwischen Wissenschaftlern zu verdanken", sagt die mittlerweile zur Spezialistin für Pharaonenpflanzen gewordene Christiane Jacquat. Hans Schinz, damals Direktor des Botanischen Gartens Zürich, empfing die Blumengirlanden in Zürich.

All die Informationen, die Christiane Jacquat in den vergangenen drei Jahren gesammelt hat, sind in Texten festgehalten worden. Leider fühlt man sich in ihrem Büro nicht mehr wie in einer Pharaonengrabstätte, was vor einiger Zeit sicher der Fall gewesen sein muss, denn die Schätze wurden mittlerweile dem Laténium im Kanton Neuchâtel anvertraut, wo sie für eine Ausstellung vorbereitet werden, die vom 19. Mai diesen Jahres bis zum 2. März 2014 dauern wird. Den Katalog dafür hat Christiane Jacquat zusammen mit Ägyptologen und Archäologen geschrieben. "Die Ausstellung spricht sowohl Wissenschaftler als auch interessiertes Publikum an. Ihr Ziel ist es, die Pharaonengirlanden nebst anderen Opfergabengegenständen aus Gräbern dem Publikum zugänglich zu machen", sagt sie.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Blumengirlanden für Ramses und Amenhotep
Autor
Camille Bertossa
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2013, Nr. 83, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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