Die Paris-Shoppingtour ist mindestens so anziehend wie die Mona Lisa

Paris, 6 Uhr. Im Vier-Sterne Hotel Waldorf des 17. Arrondissement weckt ein brandneues iPhone 5 Jimmy Lee wie jeden Morgen mit einem chinesischen Hit, dessen Titel etwa "Kleines Liebeslied" lautet. Jimmy ist mittelgroß, schlank und heißt in Wirklichkeit anders. Er setzt seine Dior-Brille auf und schaut aus dem Fenster auf die Rue Pierre Demours. Er trägt ein Burberry-Hemd und eine Hugo-Boss-Hose und legt einen Gürtel mit einem großen "H" an, "H" wie Hermes. "Für Chinesen ist es wichtig, teure Klamotten zu tragen, sie sind ein Symbol für Erfolg", sagt der chinesische Reiseführer mit deutschem Pass.

Der heute 35-Jährige wurde in der Provinz Liaoning im Nord-Osten Chinas geboren. Um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen, schickten ihn seine Eltern, die in China ein Handelsunternehmen betreiben, nach Deutschland, um Deutsch und Betriebswirtschaft zu studieren. Nach acht Jahren Studium in Berlin und Plauen sah Jimmy seine Zukunft in Europa. Heute ist er rund 120 Tage im Jahr mit Touristen in Europa unterwegs. Seine Kunden kommen wie er aus dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Die deutsche Staatsbürgerschaft, die Jimmy beantragt hat, erleichtert ihm das Reisen.

"Die meisten meiner Kunden sind zum ersten Mal überhaupt außerhalb Chinas. Sie wollen in möglichst wenig Zeit möglichst viel von Europa sehen." Eine von Jimmys zehn Tagen dauernden Europa-Reisen, die die Touristen etwa von Frankfurt aus über Amsterdam und Brüssel nach Paris führt, kostet 2000 Euro. Diskretion ist dieser Klientel wichtig. Daher möchte Jimmy nicht, dass sein richtiger Name genannt wird. "Meine Kunden sind meistens Leute aus dem neuen chinesischen Mittelstand. Diese Leute haben mit der Zeit einiges an Geld zur Seite gelegt und wollen es jetzt für Reisen ausgeben."

Jimmy fährt mit seinen Kunden vor allem in die chinesischen Lieblingsstädte, nach Paris, nach Venedig und Florenz. "London ist zwar auch begehrt, aber Chinesen brauchen dafür ein extra Visum. Deshalb wird London nur selten mit in eine Europa-Reise mit einbezogen." Jimmy trifft seine Kunden im Frühstücksraum. Der Saal ist voller neugieriger Touristen, die zum ersten Mal im Leben ein frisches Pariser Baguette verkosten. Es herrscht lautes Stimmengewirr.

Alles muss rasch gehen, die Gruppe erwartet ein langer Tag. Nach dem Frühstück haben Jimmys Kunden fünf Minuten Zeit, um auf die Toilette zu gehen und sich die Zähne zu putzen. Danach zwängen sich die 50 Reisenden in einen Bus. Die erste Etappe des Tages ist der Eiffelturm. Ihr Bus reiht sich in eine hundert Meter lange Schlange anderer Touristen-Busse ein. Jimmys Touristen sind in der Menge leicht erkennbar, jeder trägt eine blaue Kappe. Damit sie ihren Reiseführer nicht aus den Augen verlieren, hält Jimmy eine gelbe Fahne in die Luft.

Nachdem alle aus 276,13 Metern die Aussicht genossen haben, geht es um acht Uhr weiter zum Arc de Triomphe am Verkehrsknotenpunkt L'étoile. Hier besteht die Hauptbeschäftigung darin, gegenseitig Fotos von sich zu machen. Dann fährt der Bus die Champs Elysées hinab und setzt seine Kunden vor dem Louvre ab. Die Mona Lisa und die Nike von Samotrake sind die wichtigsten Ziele. Dann gibt es Mittagessen aus der Lunchbox. Damit ist das kulturelle Programm abgeschlossen, auf die Touristengruppe wartet der zweite, mindestens ebenso spannende Teil des Tages: die "Paris Shopping Tour".

Die Chinesen interessieren sich ausschließlich für hochpreisige Luxusgüter. "In China sind all diese Dinge im Schnitt 30 Prozent teurer, deswegen kaufen meine Kunden in der Hauptstadt der Mode ein Maximum an Taschen, Kleidern und Schuhen, um sie mit nach Hause zu nehmen." Die Tour beginnt meist in den Galeries Lafayettes, wo alle Luxusmarken zu finden sind. Die Touristen verbringen hier schon mal vier Stunden. "Meine chinesischen Kunden schütteln den Kopf, wenn sie hören, dass viele Europäer, die China besuchen, dort gefälschte Luxusartikel kaufen und nach Europa bringen. Für die chinesischen Europatouristen gilt nur Originalware etwas", erklärt Jimmy. "Fälschungen zu tragen ist ein Zeichen von Armut und damit eine Schande."

Obwohl das chinesische Bankensystem gut entwickelt ist, zahlen die meisten lieber bar und führen hohe Beträge mit sich. Diese Tatsache hat sich natürlich auch bei den Pariser Taschendieben herumgesprochen, chinesische Touristen sind ein beliebtes Ziel. Jimmy warnt seine Gäste zwar eindringlich, aber es kommt immer wieder vor, dass jemand bestohlen wird. Für ihn ist das insbesondere deshalb ärgerlich, weil häufig nicht nur Geld, sondern auch Pässe oder Tickets gestohlen werden und er sich um Ersatz kümmern muss.

Nun sind alle hungrig, gehen aber nicht in ein feines französisches Restaurant, sondern zwängen sich in ein chinesisches Lokal und essen Maultaschen. "In Paris gibt es eine riesige China-Town, in der es viele gute chinesische Restaurants gibt. Zwar ist Essen für Chinesen sehr wichtig, aber europäisches Essen ist ihnen zu fremd." An der Hotelbar plaudern die Chinesen über den Tag, dann gehen sie zufrieden ins Bett. Jimmy trifft noch Vorbereitungen, morgen geht es nach Versailles.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Paris-Shoppingtour ist mindestens so anziehend wie die Mona Lisa
Autor
Anton Barthelmess
Schule
Europäische Schule , Brüssel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2013, Nr. 83, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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