Bienenvölker, Barthühner, Sparfüchse

Stellen Sie sich vor, es gäbe keine Migros, keinen Coop, keinen Denner, Lidl, Spar, Aldi oder sonstige Lebensmittelgeschäfte. Wo soll ich denn mein Essen einkaufen?, werden Sie sich wahrscheinlich fragen. Keine Tiefkühlprodukte, keine Aufbackbrötchen, kein Fertigsandwich, kurzum nichts zu essen. Die Hälfte der Menschheit außer den Übergewichtigen wäre wohl nach einem Monat verhungert ohne ihre sicheren Einkaufsquellen. "Ich bin gerne unabhängig", sagt Markus Lanfranchi, Präsident des Bioforums Schweiz, der in der Schweiz in dem Hundert-Seelen-Dörfchen Verdabbio einen Selbstversorger-Hof betreibt. Selbstversorgung bedeutet: möglichst viel für sich selbst herzustellen und die eigenen Produkte auch selbst zu verbrauchen. Selbstversorger zu sein ist ebenfalls eine Lebenshaltung, wie der freundliche Mann mit den krausen Haaren ernst erklärt: "Es bedeutet Verantwortung für unseren Planeten zu übernehmen. Es heißt ferner auch, die Ressourcen, welche man für das Leben verbraucht, möglichst tief zu halten, um kommenden Generationen die Chancengleichheit zu gewährleisten." Der Hof der Familie Lanfranchi ist mit dem Postauto und einem kleinen Bus von Bellinzona aus gut erreichbar. Schon von Weitem sind die Sonnenkollektoren auf dem Hausdach zu sehen, mit denen die Familie ihren Warmwasserbedarf decken kann. Neben dem neuen, selbst gebauten Haus steht jedoch nicht wie erwartet ein großer Stall, sondern ein riesiges Bassin zum Planschen und Sichabkühlen im Sommer. Im Tessin ist es üblich, dass die Wohnhäuser den Dorfkern bilden. "Früher war man so besser vor Raubtieren geschützt." Die kleinen, meist aus Stein gebauten Ställe mit den Tieren befinden sich außerhalb des Dorfes. Im Inneren des weißen Hauses steht ein großer, gemütlicher Kachelofen und verbreitet eine angenehme Wärme. Neben dem Heizen wird der Ofen auch zum Brotbacken genutzt. Wie viele Selbstversorger es in der Schweiz genau gibt, ist schwer in Erfahrung zu bringen, da es schwierig zu bestimmen ist, ab wann man als Selbstversorger bezeichnet werden kann. "Es gibt auch Bauern, die noch gar nicht auf den Konsumtrip kommen konnten und ein großes Wissen haben, wie man mit sehr wenig Umsatz bestens leben kann. Leider wird diese Lebensart häufig als Zeichen von Armut missverstanden." Der 45-jährige Mann mit den blauen Augen und seine Frau Sabine haben fünf Kinder, von denen aber nur noch drei die ganze Woche zu Hause wohnen. Der älteste Sohn Dylan studiert an der ETH Zürich Informationstechnologie und Elektrotechnik, die älteste Tochter Silva (19) absolviert diesen Sommer ihre Matura, Selina ist in der Fachmittelschule, Rubina geht in die Primarschule und der jüngste Sohn Lüzza in den Kindergarten. Die Familie betreut zwei bis drei Grauvieh-Milchkühe und deren Jungtiere, an die 30 Engadiner Schafe, zwei Wollschweinmütter, zwei Großesel, Appenzeller Barthühner, Pommerenten und ein paar Bienenvölker. Jedes Tier hat seinen Nutzen: die Schafe werden gemolken, aus der Milch wird unter anderem Käse hergestellt, die Schweine fressen die Molkerei-Nebenprodukte und im Herbst die Kastanien, der eine Esel dient als Zugtier für Gespanne, und die Hühner und Enten sind gute Schneckenjäger im Garten. Aber wie ist es möglich, mit so wenigen Tieren eine siebenköpfige Familie zu ernähren? Der größte Verdienst der Familie ist das Geld, das sie nicht ausgeben müssen, weder für Nahrung noch für Energieträger. Einkaufen müssen sie bloß Kleider - außer solchen aus Wolle -, Kaffee, Süßigkeiten und Pasta. Vom Staat erhalten sie im Jahr etwa 20 000 Franken Direktzahlungen bestehend aus Flächen- und Tierhalterbeiträgen. Mit diesem Geld bezahlen die Lanfranchis die Steuern, Versicherungen und andere Ausgaben. Es ist eigentlich ein Nullgeschäft, was sie betreiben. Markus' Frau Sabine ist nebenbei noch zu 30 Prozent als Geburtshelferin tätig. "Um sich auch mal etwas mehr leisten zu können", wie sie erklärt. Die herzliche Familie führt ein bescheidenes, aber glückliches Leben. Der Winter ist eine besonders schöne Zeit: "Die Arbeit ist getan, der Keller ist voll und wir können unsere Erfahrungen weitertragen. Außerdem können wir uns der Familie widmen und Pläne schmieden, was wir noch so alles Spannendes tun könnten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Bienenvölker, Barthühner, Sparfüchse
Autor
Bettina Walker, Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2010, Nr. 208 / Seite N6
Projekt
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