Zünftige in kräftigem Rot

Die "Ehrbarkeit" trägt sie unter ihrem Hemd und im übrigen wenig Gepäck. Drei Jahre und einen Tag ist Herrenschneiderin Lis auf der Walz und ihrer Heimat "fremd geschrieben". Kein Handy, kein Fernseher, kein Computer, noch nicht mal ein Bett, geschweige denn eine Toilette. Unvorstellbar für die meisten Jugendlichen. Aber genau das ist seit einem Jahr Alltag für Lis. Die junge Frau mit dem langen blonden Zopf hat sich freiwillig für ihr enthaltsames Leben entschieden. Sie hat ihren Nachnamen, samt Jeans und T-Shirt abgelegt und daheim gelassen. Für insgesamt drei Jahre heißt sie nun Lis, fremde Herrenschneiderin im Freien Begegnungsschacht und wird nichts anderes am Körper tragen als die traditionell rote Zunftkleidung. Lis, die in Schleswig-Holstein aufgewachsen ist, ist eine der beiden Herrenschneider, die zurzeit auf Wanderschaft sind. Nach ihrer Lehre in Hamburg in einer Kostümwerkstatt hat sie sich dem Freien Begegnungsschacht angeschlossen, einer der sieben Gesellenvereinigungen in der Bundesrepublik, und sich somit verpflichtet, drei Jahre und einen Tag ihrem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer zu kommen. Sie ist ihrer Heimat "fremd geschrieben", wie es im Gesellenjargon heißt. Auch Durchreisen ist nicht erlaubt. Neben dem Schacht, mit dem Lis unterwegs ist, erlauben nur noch zwei weitere Schächte Frauen das Wandern. Für die traditionelleren Schächte, wie die "Freien Vogtländer Deutschlands", scheidet Lis nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern auch wegen ihres Berufes aus. Hier dürfen nur Bauhandwerker wandern. Natürlich kann man auch unabhängig von einer Gesellenvereinigung auf Walz gehen. Alles, was Lis unterwegs mit sich führt, steckt entweder in einer der unzähligen Taschen ihrer weinroten Kleidung oder in ihrem Charlottenburger, einem länglichen Stoffbündel. "Natürlich nur das Allernötigste", und mit einem Lachen fügt sie hinzu: "Bis auf all den unnötigen Kram". Aus ihrer Brusttasche zaubert sie eine kleine Fuchs-Fingerpuppe aus Filz hervor. Der "Ruhefuchs", wie sie ihn nennt, sei erst seit kurzem ihr Wegbegleiter, der Inhalt ihrer Taschen wechsele ständig. Mit einem Zwinkern zu ihrem Mitgesellen Patrick zieht sie aus einer anderen Tasche einen großen Kosmetikpinsel. "Der Bauchpinsel - auch sehr sinnvoll. Der ist, um seinen netten Reisekameraden den Bauch zu pinseln, wenn sie nicht ständig sagen, wie gut sie einen finden." Die beiden kennen sich schon länger, sie sind in der gleichen Gesellenvereinigung. Nun sind sie zusammen auf den Kochshof bei Leverkusen gereist, um dort für Kost und Logis beim Renovieren des alten Gebäudes, das unter Denkmalschutz steht, zu helfen. Der Fuchs wandert wieder in die Brusttasche ihres Jacketts zurück. Lis lehnt sich in ihren Stuhl und zupft die rote Jacke zurecht. Diese ist, ebenso wie ihre Weste, mit Perlmuttknöpfen besetzt. Die drei glänzenden Scheiben an der Manschette stehen für die drei Jahre, die man auf Walz ist, die sechs am Jackett für die sechs Arbeitstage, und der Achtstundentag wird durch die acht Knöpfe an der Weste gekennzeichnet. Wie alle anderen Wandergesellen trägt sie Zunfthosen mit breitem Schlag. Den Beruf des Zünftigen erkennt man bereits an der Farbe der Kleidung: Holzberufe zum Beispiel tragen Schwarz, Steinmetze und andere Steinberufe Sandfarben und Schneider eben ein kräftiges Rot. Die Farbe des Hutes ist jedoch bei allen gleich: Schwarz. Unter der Weste tragen die Gesellen noch ein weißes Hemd und die "Ehrbarkeit", eine Art schmale Krawatte. Deren Farbe kennzeichnet wiederum die Gesellenvereinigung, der man angehört. "Wenn man so was Lustiges gelernt hat wie ich, ein Handwerk, bei dem man sich nicht dreckig machen muss, dann muss man auch gar nicht mit einer zweiten Kluft reisen." Wieder ein verschmitzter Blick zu Patrick. Der ist nämlich Zimmerer und weiß somit anders als Lis um das Problem Schmutz. Ansonsten befinden sich in ihrem Bündel noch drei weiße Hemden, Schlafsachen, ein bisschen Unterwäsche und ihr Werkzeug, also Schere, Nadel, Fingerhut, Maßband und der Pfriem, der auch Ahle oder Ort genannt wird und dem Stechen von Löchern in dicken Materialien dient. Neben ihrem Bündel liegt ein dicker, gewundener Knotenstock: der Stenz. Es heißt, nicht der Geselle findet den Stenz, sondern der Stenz findet den Gesellen. Deshalb ist es unter den Wandernden verpönt, geradewegs in den Wald zu gehen und sich dort den nächstbesten abzuschneiden, geschweige denn gar einen zu kaufen. Ein festes Regelwerk gibt es nicht. Verhalte dich so, dass der nächste Wandergeselle herzlich willkommen ist. "Den Verstand einsetzen, damit kommt man weiter." Ein paar Kleinigkeiten gibt es trotzdem. Unter anderem darf sie nicht länger als drei Monate an einem Ort bleiben. Wenn Lis arbeitet, unterscheidet sich ihr Alltag kaum von dem eines normalen Angestellten. Sie versucht den örtlichen Gesellentarif zu erhalten und bekommt eine Unterkunft vom Meister gestellt. Zeitweilig arbeitet sie nun in einer Schneiderei mit, bis es keine Arbeit mehr gibt oder die Straße wieder ruft. Dann geht es weiter zum nächsten Betrieb "immer auf dem direktesten Weg natürlich", schmunzelt Lis. "Man weiß morgens nicht, wo man abends schläft." Die 26-Jährige muss sich mit Frieren, Kälte und Schweißwetter, das Nicht-Mitgenommen-Werden und Alleinsein, wenn man nicht allein sein will herumschlagen. "Was auch noch sehr schlimm ist habe ich gerade in Bayern gemerkt: Wenn Leute deinen Humor nicht verstehen." Sie kommt viel herum, Deutschland, Frankreich, Niederlande, Schweiz, Österreich. Der gute Ruf eilt den Wandergesellen voraus. Seit dem 15. Jahrhundert begeben sich Ausgelernte auf Wanderschaft, um ihr Handwerk zu vervollkommnen, andere Techniken zu erlernen, aber auch zur allgemeinen Weiterbildung: Lebenserfahrung, Persönlichkeitsbildung, Anstand, Bescheidenheit. Das Prinzip hat sich kaum verändert. Und es funktioniert: Noch immer zieht es junge Menschen auf die Straße, Schätzungen zur Folge sind es derzeit um die 700. Genau weiß das allerdings niemand. Und das, obwohl es zu Zeiten der Globalisierung eigentlich kein Problem sein dürfte, sich neue Kniffe anzueignen. "Lebenserfahrung ist das Stichwort. In allen Punkten. Die meiste Zeit verbringt man mit sich selbst, wer mit sich ein Problem hat und nicht gerne alleine ist, wird unterwegs nicht glücklich werden." Für die fremde Herrenschneiderin stand schon immer fest, dass sie einmal ein Handwerk erlernen möchte und damit drei Jahre umherziehen will. Nun hat sie sich ihren Traum erfüllt. "Deutschland ist mein Wohnzimmer", bekräftigt Lis. Allerdings ohne Sofa und Fernseher.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zünftige in kräftigem Rot
Autor
Annika Hanke, Trifels-Gymnsium, Annweiler
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2010, Nr. 208 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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