Sie waren genervt und überfordert

Für mich war das gar keine Krankheit, ich hab' das gar nicht so richtig verstanden, ich war viel zu jung", erinnert sich die 21-jährige Laureen Müller, während sie am Gartenteich des Einfamilienhauses in Flieden im Landkreis Fulda in der Sonne liegt. So entspannt war es aber nicht immer, denn ihre Schwester war magersüchtig, als Laureen 16 war. "Jeder hat sich über Julia aufgeregt. Sie hat die ganze Aufmerksamkeit bekommen, weil sie fast nichts mehr gegessen hat." Die Mutter der drei Schwestern fragte während des Essens immer wieder nach, wenn Julia nichts aß, und Julia saß jedes Mal mit derselben Körperhaltung am Tisch: verschränkte Arme, Beine übereinandergeschlagen, gesenkter Blick. "Wenn man sie nicht in Ruhe gelassen hat, ist sie komplett ausgerastet", sagt Laureen. Ihr gegenüber verhielt sich Julia damals relativ normal, da die heutige Studentin die Einzige in der Familie war, die dem sonderbaren Verhalten ihrer ein Jahr jüngeren Schwester keine Aufmerksamkeit schenkte. Dass dies die richtige Entscheidung war, ist ihr heute bewusst: "Damals war ich einfach nur genervt und wollte mich damit nicht auseinandersetzen." Die Beziehung zu ihren Eltern hatte sich drastisch verändert. Die zwei Schwestern wurden automatisch in den Hintergrund gedrängt, da Julia ihre Eltern durch ihr Verhalten vollkommen beanspruchte. "Meine kleine Schwester war damals 13 und hat das alles nicht so realisiert, aber ich hab' mich sehr zurückgelassen gefühlt", sagt Laureen, die zu jener Zeit in der Metalmusik ihren einzigen Rückzugsort sah, da sie sich bei ihren Eltern nicht mehr erwünscht fühlte. Julia selbst hat das alles ebenfalls nicht verstanden, aber aus anderen Gründen: "Meine Eltern haben mich total genervt, besonders als sie mit mir zu einer Ärztin sind, die meinte, dass ich in eine Klinik muss. Ich wollte doch einfach nur ein bisschen abnehmen, mehr nicht." Nach drei Monaten wurde Julia schließlich in die Kitzbergklinik in Bad Mergentheim eingewiesen. "Meiner Schwester wurde geholfen, und zu Hause kehrte endlich wieder etwas Ruhe ein", sagt die Älteste der drei. Als Julia in die Klinik kam, wog die heutige Abiturientin bei einer Größe von 1,65 Meter 44 Kilo. Das magersüchtige Mädchen hatte freiwillig einem Klinikaufenthalt zugestimmt. "Als ich dann dort war, habe ich sofort ein wirklich sehr dürres Mädchen gesehen und mir gedacht, dass ich so nicht werden möchte", sagt Julia. Wie viele andere Magersüchtige hatte aber auch Julia manchmal ihre Tricks, mit denen sie versuchte, die Ärzte zu hintergehen: "Vor dem Wiegen bin ich oftmals extra nicht auf die Toilette gegangen, damit ich automatisch mehr wiege." Hätte sie dort nicht jeden Tag die vorgeschriebene Angabe an Gewicht zugenommen, wäre Zimmerarrest erteilt worden. Die eigene Schwester in einer solchen Klinik zu besuchen war ein sehr seltsames Gefühl für Laureen, die zurzeit in Karlsruhe internationale BWL studiert: "Ich fand es einfach nur erschreckend, als wir mit Julia dort einen Tierpark besucht hatten und sie abgehauen war, weil sie keine 50 Kilo wiegen wollte. Sie war plötzlich total außer sich." Die Patientin war in den Wald, in dem sich der Tierpark befand, abgehauen. Die Familie suchte Julia vergeblich, bis sie nach einer halben Stunde völlig verweint zum Auto kam. Julia war außer sich und wollte absolut nicht mehr in die Klinik gehen. Die Eltern aber blieben hart. Und es gab viele Dinge, die Julia Kraft gaben: "Ich habe viel Post bekommen, angenehme Telefonate führen können und viele persönliche Dinge geschickt bekommen. Ich glaube, ich war die Einzige, die jeden Tag etwas geschickt bekommen hat", sagt die mittlere der drei Schwestern. Zu Hause wurde das Familienleben weniger stressig, da man sich nicht mehr ausweglos Gedanken darüber machen musste, wie man dem an Magersucht erkrankten Mädchen helfen könnte. "Für meine Eltern drehte sich aber trotzdem alles nur darum", sagt Laureen und fügt hinzu: "Aber ich konnte endlich wieder entspannt essen, man hatte sich sonst immer so von Julia beobachtet gefühlt." Der lang ersehnte Lichtblick war für die Familie in Sicht, als die Schwester und Tochter nach ihrem sechswöchigem Klinikaufenthalt mit einem Gewicht von 48 Kilogramm nach Hause kam. "Ich fand's so schön und hab' gehofft, dass sie endlich wieder meine ganz normale Schwester ist", sagt Laureen. Bis heute ist alles ohne Zwischenfälle gut verlaufen. "Für mich spielt das alles gar keine Rolle mehr, ich kann es hinter mir lassen. Andere sehen diese Krankheit aber leider immer noch in mir, so dass ich manchmal einfach verunsichert bin, wenn ich jemanden ganz normal fragen möchte, ob ich in einer Hose dick aussehe", erklärt Julia. Ihre Schwester sieht das etwas anders: "Ich glaube, Julia ist gar nicht bewusst, dass sie direkt magersüchtig war, sie sieht das ja alles mit anderen Augen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie waren genervt und überfordert
Autor
Katharina Müller, Marienschule, Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2010, Nr. 214 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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