Die Hündin holt Wäsche und öffnet viele Türen

Für die kleinwüchsige Domi ist der Golden Retriever "Miss Sophie" weit mehr als nur eine Haushaltshilfe. Wenn Dominique Kogut ihre Hündin Miss Sophie geduldig lächelnd und aufmunternd anleitet, um ihr Grundlagen wie "Sitz" und "Mitkommen" beizubringen, geht der Golden Retriever mit den großen Augen und dem langen glänzenden Fell ihr nur fast bis zur Schulter. Es ist ein warmer, fast sommerlicher Tag in Hümmerich im Westerwald. Das Wetter ist perfekt, um auf dem Kiesweg und auf dem Feld mit den Hunden zu trainieren. Ihr ganzes Gesicht legt sich in kleine Falten, wenn Domi lacht. Die blauen Augen strahlen, und sie zeigt ihre schönen, weißen Zähne. Sie amüsiert sich zum Beispiel darüber, wenn sich Leute in "Upps! Die Pannenshow" zum Affen machen. Die 27-Jährige konnte auch darüber lachen, als ein acht Kilo schwerer Terrier sie neulich bei einem Spaziergang fast mit seiner Leine aus ihrem Kinderrollstuhl mit den bunten Rädern riss. Domi ist 98 Zentimeter groß und damit ungefähr so groß wie ein vierjähriges Kind. Sie wiegt 32 Kilo, "um die Weihnachtszeit herum auch mal ein oder zwei mehr". Domi ist eine junge Frau mit erblichem Minderwuchs. "Ich bin einfach viel langsamer gewachsen als alle anderen, wann da genau das Ende war, weiß ich nicht", sagt die gebürtige Bochumerin mit einem Achselzucken. Domi hatte schon immer Probleme, lange Strecken zu laufen - seit 2006 sitzt sie auf Grund eines Schadens am Hüftgelenk im Rollstuhl, bedingt durch ihre Kleinwüchsigkeit. Sie ist auf Hilfe angewiesen, auf dem Weg zur Terrasse des Vita-Hundezentrums im Westerwald schiebt eine Freundin ihren Rollstuhl wie einen Kinderwagen die Stufe hinunter. Hier im Assistenzhundeverein ist Tatjana Kreidler die Hausherrin und so etwas wie eine Hundeflüsterin. Die Tiere, die sie ausbildet, scheinen an ihren Lippen zu hängen, wenn sie mit ihnen spricht, sie vergöttern sie regelrecht und folgen ihren Anweisungen wie selbstverständlich. Tatjana, eine Diplomsozialpädagogin, spricht mit einer beherrschten, leisen Stimme, die nicht nur Hunde, sondern auch Menschen zur Aufmerksamkeit zwingt. "In meinem Fokus steht die Beziehung mit dem Hund. Es geht mir eher um ein natürliches Führen des Tieres als um den Gehorsam." Einer ihrer Hunde ist momentan die zweijährige Miss Sophie. Der Golden Retriever wird im Vita Assistenzhunde e.V. für Domi ausgebildet, um ihr später einmal bei alltäglichen Dingen zur Seite zu stehen, die für andere selbstverständlich und automatisch vonstattengehen. Die 25000 Euro teure Ausbildung der Tiere erstreckt sich über deren ganzes Leben - schon bei ihrer Geburt wird für sie eine Pflegefamilie ausgesucht, in der sie damit aufwachsen, Menschen überallhin zu begleiten. Um auch in Bäckereien, Restaurants und Büros mitkommen zu können, tragen sie spezielle blaue Abzeichen um ihr Halsband. Später werden sie ihrem Frauchen oder Herrchen auch auf Schritt und Tritt folgen, um ihm in jeder Notsituation helfen zu können. "Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Rollstuhl. Sie kommen nach Hause und sitzen vor der verschlossenen Tür. Der Schlüssel fällt Ihnen aus der Hand. Was tun Sie? Sie können sich nicht bücken und den Schlüssel einfach aufheben." Solche und ähnliche Schwierigkeiten, die die Broschüre des Assistenzhundevereins schildert, kennt auch Domi. "In meiner alten Wohnung war es sehr eng, da musste ich schon aufpassen, meine Tasche nicht fallen zu lassen, weil es ewig dauern würde, aus dem Rollstuhl herauszuklettern und sie wiederzubekommen." Auf solche Situationen wird Miss Sophie momentan sowohl mit Domis als auch mit der Hilfe von Hundetrainerin Tatjana Kreidler vorbereitet. Auch Türen, deren Klinken für Domi oft zu weit oben liegen, wird die Hündin in Zukunft auf den Zuruf "Missy! Tür!" öffnen können. Irgendwann wird ihr Assistenzhund sogar Domis Wäsche für sie aus der Wäschetrommel herausholen. "Meine Arme sind zu kurz, um einfach mal eben alles per Hand rauszuholen. Ich muss praktisch in die Waschmaschine reinkriechen." Um den Hund auf so etwas zu spezialisieren, wirft Tatjana Kreidler erst die Wäsche in die Maschine. Dann streckt sie die Hand hinterher und fordert das Tier durch Kommandos dazu auf, die Wäsche herauszuziehen. Für Tatjana Kreidler ist der Hund mehr als nur ein Helfer, "er ist in der Beziehung mit dem Behinderten hauptsächlich ein Freund. Das Großartige am Hund, was ihn vom Menschen unterscheidet, ist, dass er frei von Urteilen ist und keinen Druck macht. Das und die Verantwortung, die der Behinderte mit dem Tier übernimmt, gibt ihm viel Selbstbewusstsein zurück. Das öffnet auch eine Tür in die Gesellschaft." Domi allerdings steht auch jetzt schon mit beiden Beinen in der Gesellschaft. Unter anderem hat sie zwei Semester in Aberdeen in Schottland Mediengestaltung studiert, hat ein Praktikum bei der Polizei gemacht und war zweieinhalb Jahre Azubi in einer kleinen Werbeagentur in Aachen. Mittlerweile wohnt sie in Bochum und arbeitet seit Mai in Dortmund bei einer Event- und Marketingagentur. Um ihre Möbel nach und nach in ihre neue Wohnung zu transportieren, fuhr sie die Strecke auch gern öfters allein in ihrem blauen, umgebauten Honda Jazz. Sie hat viele Hobbys und liebt Musik. Sie spielt seit vierzehn Jahren Geige, singt im Gospelchor und liebt Musicals. Momentan nutzt sie allerdings ihre ganze Energie, um die kostspielige Ausbildung für Miss Sophie zu finanzieren. Sich an den Hund und ihren neuen Job zu gewöhnen ist für Domi momentan das Wichtigste. "Ich lass' alles passieren und habe keine langfristigen Ziele. Es ist mir wichtig, zu wissen, dass ich viele Leute um mich habe, dass der Hund da ist und dass ich selbständig was unternehmen kann." Einen Lebensgefährten hat Domi noch nicht gefunden, auch ob sie jemals heiraten und Kinder haben wird, lässt sie auf sich zukommen. Für solche Gedanken hat Domi bei ihrem vollen Programm sowieso keine Zeit. "Ich bin ein Mensch, der nicht den ganzen Tag zu Hause sitzt. Deswegen durfte mein Hund auch keine Schlaftablette sein. Er soll auch abends mit ins Café kommen, wenn ich Freunde treffe", sagt sie mit einem Lächeln, das ihre tiefen Grübchen zeigt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Hündin holt Wäsche und öffnet viele Türen
Autor
Marlene Krusemark Gelehrtenschule des Johanneums, Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2010, Nr. 214 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180