Integrativer Kindergarten

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Freudiges Stimmengewirr. Vier Kinder malen Mandalas. Die anderen spielen Memory und mit Bauklötzen. Im St.-Martinus-Kindergarten spielen behinderte und nichtbehinderte Kinder miteinander. Die Kooperation zwischen der Lebenshilfe und dem Kindergarten der Katholischen Kirchengemeinde Unterbettringen, einem Stadtteil von Schwäbisch Gmünd, besteht seit 1996. Dabei hat sich die Integrationsgruppe erst nach und nach entwickelt.

Zuerst wurde eine kleine Gruppe der Lebenshilfe in dem Gebäude des Martinus-Kindergartens untergebracht. „Zu Beginn haben wir einfach immer wieder mal die Türe aufgemacht“, erklärt Erzieherin Daniela Jahn. Als sie merkten, dass die Kinder sehr positiv darauf reagierten, beschlossen sie, die Gruppen einfach zusammenzuführen. Die Reaktionen auf das Projekt sind positiv. „Wenn wir von den Grundschullehrern Rückmeldung über die Kinder bekommen, sagen sie eigentlich immer, dass die Kinder der Integrationsgruppen ein besseres Sozialverhalten als ihre Mitschüler haben“, sagt Stephanie Müller, die 32-jährige Leiterin der Lebenshilfegruppe.

 

„Die Stimmung ist einfach super“

Neben ihr und Daniela Jahn sind noch Sandra Christmann und Bianka Gold, die Leiterin der Regelgruppe, im Martinus-Kindergarten tätig. „Die Stimmung zwischen den Kindern ist einfach super und die behinderten Kinder gehören voll dazu“, sagt Bo Zillmann. Der Zivildienstleistende wendet sich Antonio zu, der drängend an seinem Ärmel zieht, weil er ihm sein gerade gebautes Hexenhaus zeigen will.

„Die Kinder mit Behinderung lernen viel von den anderen“, sagt Stephanie Müller. Auf der anderen Seite üben sich die Regelkinder in Toleranz. Neben dem Martinus-Kindergarten gibt es in Bettringen noch eine weitere integrative Gruppe, die Villa Wirbelwind. Zurzeit ist die Gruppe des Martinus-Kindergartens wegen Umbauarbeiten im Turnraum des Sterntaler-Kindergartens untergebracht. Dieser dritte Kindergarten der Lebenshilfe unterscheidet sich von den beiden anderen, weil dort ausschließlich behinderte Kinder sind. „Für manche Kinder wäre es nicht gut, wenn sie den ganzen Tag in einem normalen Kindergarten verbringen müssten“, erklärt die Erzieherin. „Kinder mit Schwerstmehrfachbehinderung können den Lärm oft gar nicht ertragen.“ Außerdem sei es für manche schwierig, sich in einer großen Gruppe zu konzentrieren. Diese Kinder sind daher im Sterntaler-Kindergarten.

Freude über die kleinen Schritte

In einer der drei Gruppen sind nur mehrfach schwerstbehinderte Kinder, die dort ab dem zweiten Lebensjahr betreut werden. „In unserer Gruppe muss man sich über die kleinen Schritte freuen“, sagt die Erzieherin Caroline Hartmann und streicht der zweijährigen Alina auf ihrem Schoß liebevoll über den Kopf. Die Gruppe besteht aus drei Mädchen. Die anderen zwei, Simone und Lea, sind drei Jahre alt. In ein paar Wochen jedoch wird ein neues Kind in die Gruppe kommen. „Fünf ist die absolute Obergrenze“, sagt Ingrid Schneider, die mit Caroline Hartmann für das Wohl der Kleinen sorgt. Die Arbeit ist nicht mit der Arbeit in einem Regelkindergarten zu vergleichen. „Dort hat man das Gefühl, dass einem wegen des Lärms der Kopf platzt“, erklärt die 29-jährige Erzieherin. Hier sei es anders. „Wir hatten schon Kinder mit Magensonden oder mit Luftröhrenschnitt.“ Die Erzieherinnen stehen in engem Kontakt zu den Eltern. „Für diese ist es oft sehr schwer loszulassen. Es dauert eine Weile, bis sie die freie Zeit genießen können“, sagt Caroline Hartmann.

Eine gestörte Körperwahrnehmung

Einen geregelten Tagesablauf gibt es in dieser Gruppe nicht, da dieser von den Kindern bestimmt wird. Viel Zeit verbringen die beiden Frauen mit der Pflege der Kinder. „Sie haben oft eine gestörte Körperwahrnehmung“ , sagt die junge Frau. Nebenbei nimmt sie die Hand der kleinen Alina und streicht ihr sanft über ihr Gesicht, damit sie sich selber spüren kann. Lea gibt einen quietschenden Laut von sich und krabbelt einem Ball hinterher, der bei jeder Bewegung pfeifende Geräusche von sich gibt. „Es kommt einfach so viel zurück. Da vergisst man schnell die Anstrengung“, sagt Ingrid Schneider. „Man spürt, dass sie einen mögen, wenn sie einen nur anlächeln.“ Natürlich sei die Arbeit nicht immer einfach. „Manchmal kann es sein, dass ein Kind den ganzen Tag weint, und man weiß einfach nicht, warum.“

Die Kinder haben meist lange Krankenhausaufenthalte hinter sich. Die kleinen Hände sind vernarbt von den vielen Infusionen. „Es dauert eine Weile, bis sie merken, dass ihnen hier nichts passiert.“ Regelmäßig kommen Sonderschullehrer und Krankengymnasten, um die Kinder individuell zu fördern. Außerdem besteht eine Kooperation mit dem angrenzenden Regelkindergarten. Einmal in der Woche kommen von dort Kinder zum Sterntaler-Kindergarten, im Gegenzug dazu gehen drei bis vier behinderte Kinder nach nebenan. Dabei geht es viel um das Gemeinschaftsgefühl.

Die Erzieherinnen stehen in engem Kontakt

„Die Behinderung zeigt ihnen oft genug Grenzen auf. Daher muss man es ihnen ermöglichen dazuzugehören“, sagt Schneider und fügt hinzu, dass die Kinder bei allem Hilfestellung brauchten. Wenn man die Atmosphäre hier mit der Integrationsgruppe vergleicht, wird deutlich, warum es nicht für alle Kinder sinnvoll ist, sie in einen gewöhnlichen Kindergarten zu integrieren. Die Ruhe tut den Kleinen einfach gut. Nach einer Weile kommt es oft vor, dass sie in die anderen Gruppen wechseln. „Lea kann vielleicht sogar schon bald zu uns in die Gruppe kommen“, sagt Stephanie Müller. Die Erzieherinnen der einzelnen Gruppen stehen in engem Kontakt.

„Es ist normal, verschieden zu sein“, lautet der Slogan der Lebenshilfe. Genau das lernen die Kinder hier im freien Spiel, wo jeder mit seinen Besonderheiten akzeptiert und integriert wird. „Kinder haben noch keine Vorurteile“, sagt Stephanie Müller. „Genau deshalb ist es wichtig, dieses Motto schon im Kindesalter umzusetzen.“ (Die Namen der Kinder wurden geändert.)

Informationen zum Beitrag

Titel
Integrativer Kindergarten
Autor
Von Julika Barth, Rosenstein-Gymnasium, Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2010, Nr. 80 / Seite N6
Projekt
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