Titelkampf mit Puppe und Flossen

In ihrer Freizeit dreht sich alles ums Schwimmen: Brustschwimmen, Rettungsschwimmen, 24-Stunden-Schwimmen. Nadja trainiert fast täglich und steht oft auf der Siegertreppe. Zieh, Nadja, zieh!" "Hopp Nadja, du packst das!" Anfeuerungsrufe schallen durch das Schwimmbad "La Ola" in Landau, wo die Landesmeisterschaften im Rettungsschwimmen des Bezirks Rhein-Mosel ausgetragen werden. Auf einer der sechs Bahnen kämpft die 13-jährige Nadja Tücks aus dem Eifelort Hallschlag bei Prüm um die Qualifikation zu den deutschen Meisterschaften im Rettungsschwimmen. Im Schwimmbad ist es heiß und stickig, es riecht nach Chlor, und man sieht unzählige Mädchen und Jungen in Schwimmsachen am Beckenrand stehen, die ihre Vereinskameraden aus den einzelnen Ortsgruppen anfeuern. Nadja erkämpft sich nach und nach immer mehr Vorsprung, schlägt als Erste am Beckenrand an. Obwohl es locker aussieht, wie sie sich ihren Weg durchs Wasser pflügt, steckt viel harte Arbeit und Ehrgeiz dahinter. Morgens ist Nadja ein normale 13-jähriges Mädchen, das durch ihre Größe von 1,80 Meter und lange blonde Haare auffällt. Nadja besucht die siebte Klasse des Regino-Gymnasiums in Prüm. Die Schule macht ihr Spaß. Später möchte sie Sport- und Englischlehrerin werden. Wenn Nadja von der Schule nach Hause kommt, wird gemeinsam mit ihrer nur ein Jahr jüngeren Schwester Annika Mittag gegessen, und danach werden die Hausaufgaben erledigt und wird für Arbeiten gelernt. Abends hingegen steht für Nadja fünf-, während der Wettkampfphase sechsmal in der Woche Training auf dem Plan. Dafür fährt ihre Mutter Marita ihre Töchter ins 45 Minuten entfernte Köln zum Training ihres Vereins, der SG Erft. Beim Training stehen Disziplinen wie 50, 100 oder 200 Meter Brust, Freistil oder Delphinschwimmen im Mittelpunkt. Nadja liegt am meisten das Brustschwimmen. In Warendorf ist sie NRW-Meisterin ihrer Altersklasse über 50 Meter und über 100 Meter Brust geworden. Trotz des Leistungssports bleibt Zeit für ihre Freundinnen und für ihren zweiten Verein, die DLRG Stadtkyll, "auch wenn es, was die Termine angeht, manchmal schon etwas knapp wird, wenn sich die Wettkämpfe vom Datum her überschneiden". Für Kinder ab 9 Jahren bietet die DLRG Rettungswettkämpfe an. Die Besten der Landesebene erhalten das Ticket zu den deutschen Meisterschaften im Rettungsschwimmen. Nadja war 2008 auf den deutschen Meisterschaften in Paderborn, wo sie den 8. Platz belegte. 2009 war sie mit ihrer Mannschaft auf den "Deutschen" in Itzehoe mit dabei. Auch dieses Jahr möchte Nadja bei den deutschen Meisterschaften, die in Heidenheim stattfinden werden, einiges erreichen. Um überhaupt die Teilnahme ermöglichen zu können, musste Nadja im angrenzenden Bezirk Rhein-Mosel beim Wettkampf mitschwimmen, weil sie sonst den Qualifikationswettkampf der SG Erft zu den deutschen Jahrgangsmeisterschaften des DSV verpasst hätte. Aufgrund dieser Möglichkeit, den Einzelbezirkswettkampf "nachzuschwimmen", konnte Nadja sich die Teilnahme an den in Berlin stattfindenden deutschen Meisterschaften über 100 Meter Brust sichern, wo sie Zehnte wurde. Zum Einzelwettkampf der DLRG gehören drei Disziplinen: 50 Meter Retten einer Puppe, 50 Meter Retten einer Puppe mit Flossen und 100 Meter Hindernis. Dabei kommt es natürlich auf Schnelligkeit, aber auch auf Geschick an, denn die Puppe, die einen Menschen simulieren soll, darf nicht untergehen, und als Schwimmer darf man ihr nicht die Atemwege zuhalten. Beides führt im Wettkampf zu Strafpunkten. In der dritten Disziplin, dem Hindernisschwimmen, lief es für Nadja besonders gut. Freude in Nadjas Gesicht und Jubel um sie herum. "Deutscher Rekord über 100 Meter Hindernis!" Wenig später enttäuschte Gesichter, die ganze Freude war umsonst, denn der Rekord wird nicht gültig sein, da auf einer 25-Meter-Bahn anstatt einer 50-Meter-Bahn, der Langbahn, geschwommen und die Zeit nicht mit einer elektronischen Messanlage gestoppt wurde, aber immerhin war die Qualifikation zu den Landesmeisterschaften 2010 in Landau damit erreicht. Damit Nadja überhaupt in Landau an den Start gehen konnte, musste sie eine stressige Reise auf sich nehmen, denn am Freitag vor den Landesmeisterschaften im Rettungsschwimmen wurden in Berlin die deutschen Jahrgangsmeisterschaften ausgetragen. Um sonntagmorgens pünktlich in Landau sein zu können, nutzte sie den Samstag, um von Berlin nach Landau zu reisen. Morgens früh flog Nadja nach Köln, von wo ihr Vater sie nach Landau fuhr. Die lange Reise hat sich gelohnt. Nadja belegte im Einzelschwimmen auf den Landesmeisterschaften den ersten Rang. "Ganz schön stressig, aber aufhören möchte ich in keinem der Vereine, da mir das Schwimmen riesigen Spaß macht." Ein weiteres Highlight dieses Jahr war für Nadja das "24-Stunden-Schwimmen" der DLRG in Saarburg bei Trier. Beim 24-Stunden-Schwimmen geht es darum, innerhalb von 24 Stunden möglichst viele Kilometer zu schwimmen. Nadja nahm mit einer Mannschaft von zehn Jugendlichen teil. Hier kommt es nur indirekt auf Schnelligkeit an, wichtiger ist die Kondition, da Nadja achtmal ins 24 Grad kalte Freibadwasser springen musste, um jeweils eine Stunde durchzuschwimmen. Am Ende ist es auch nicht der Sieg, der zählt, sondern die Tatsache, dass man durchgehalten hat, denn egal ob bei Sonne, Regen, Dunkelheit, die Bahnen werden tapfer gezogen. Nadjas Mannschaft belegte sogar den dritten Platz.

Informationen zum Beitrag

Titel
Titelkampf mit Puppe und Flossen
Autor
Eva Hoetgen, Hermann-Josef-Kolleg, Steinfeld
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2010, Nr. 220 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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