Marek macht seinen Freundschaftspreis

Kaum betritt man den riesigen Markplatz von Krakau und kaum hat man einen Blick auf Tuchhallen und Marienkirche geworfen, schon sind sie da: Souvenirverkäufer. Laut bieten sie ihre Ware dar. Marek ist einer von ihnen. In seiner zerflederten Jeansjacke bietet der 18jährige Schüler selbstgemalte Bilder auf einer Holzstellwand an. Egal, ob sie nun mit Öl, Blei- oder Kohlestift gemalt sind, hier findet sich ein Bild von jeder Sehenswürdigkeit Krakaus. "Ich mache das jetzt schon seit zwei Jahren mit einem Freund. Wir malen die Bilder und verkaufen sie auch zusammen, das Geld bekommt der, der es verkauft hat. An einem guten Tag mache ich so 120 Zloti, also etwa 30 Euro." Empfindet er sich als störend? "Nein. Ich glaube, ich nerve hier niemanden. Ich dränge mich ja nicht auf, und auch beim Preis lasse ich ziemlich mit mir reden." Ein älteres, asiatisches Paar mustert die detailgetreuen Bilder. "Kundschaft", lächelt Marek und grüßt. "Dzien dobry" - "Guten Tag". Ohne viele Worte und ein wenig schüchtern präsentiert er seine Ware. Das Paar hat sich schnell entschieden: ein Bild von der Marienkirche. Marek macht seinen typischen Freundschaftspreis, packt das Bild in eine Tüte und wünscht noch einen schönen Tag. Noch während er winkt, bemerkt er fachmännisch: "Es ist ganz wichtig, dass man den Leuten Freiraum lässt, ihnen ein gutes Gefühl gibt und sie nicht drängt, dann kaufen sie auch eher was." Bis zu fünf Stunden steht Marek hier mehrmals in der Woche, egal ob es regnet oder schneit. "Solange die Bilder trocken bleiben, ist alles o.k., wenn es langweilig wird, rufe ich meine Freundin an, die besucht mich dann. Im Sommer und in der Weihnachtszeit bin ich länger hier, sind ja auch mehr Touristen da. Das Einzige, was wirklich nervt, sind diese verdammten Verkäufer, die mit Trillerpfeifen versuchen, die Aufmerksamkeit der Leute zu erwecken." Arbeiten viele Jugendliche als Straßenverkäufer? "Auf jeden Fall. Viele machen Gelegenheitsjobs. Ich brauche das Geld, weil ich mit meinen Freunden ins Pub oder Billard spielen will. Bei der letzten Party habe ich mir zum Beispiel ein Piercing stechen lassen." Die Schule vernachlässigt er. "Ich habe eine Woche geschwänzt, um bei einem Blumenladen arbeiten zu können. Meine Lehrerin hat gemeint, wenn das noch mal vorkommt, fliege ich von der Schule. Aber ich werde morgen wieder blaumachen, da ist mir das Geld dann doch lieber. Bloß meine Mutter regt sich auf und meint, ich werfe meine Zukunft weg."

Informationen zum Beitrag

Titel
Marek macht seinen Freundschaftspreis
Autor
Tom Henrik Pinsker, Internatsschule Schloss Hansenberg, Geisenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2010, Nr. 220 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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