Den Fluchtweg hat der Hobbystrahler im Blick

Der Kristall ist Eis, das bei besonders tiefen Temperaturen gefroren ist und nicht mehr auftauen kann." So definierte der römische Gelehrte Gaius Plinius Secundus den Begriff des Kristalls. Heute, 2000 Jahre später, weiß man natürlich, dass die Schätze der Gebirge kein erstarrtes Eis, sondern Mineralien sind, die über Jahrmillionen unterirdisch entstanden sind. Ruedi Bissig, ein großgewachsener, stämmiger Mann mit listigen, gletscherseeblauen Augen begann mit 28 Jahren nach diesen Gebilden zu suchen. Die Strahlerei, wie das Kristallsuchen in der Schweiz genannt wird, wurde zu seinem Hobby. Der heute 52-jährige Schulhausmeister verbrachte schon als Kind viel Zeit in den Innerschweizer Alpen, wo er noch heute in einem Bergdorf am Südende des Vierwaldstädter Sees lebt. "Alles, was glänzt und glitzerte", faszinierte ihn. Früher ging er bei fast jeder Wetterlage auf die Suche nach Kristallen. Er wollte noch nie zuvor gesehene Mineralien entdecken, sie säubern und im Säurebad aufbewahren. Damals waren es bis zu 50 Tage im Jahr, die er seinem Hobby widmete. Heute sind es nur noch 20 bis 25. "Ich bin zu einem Schönwetterstrahler geworden", bekennt Bissig mit einem kecken Lachen und dreht sich auf den Ledersohlen seiner Haussocken der beleuchteten Vitrine hinter ihm zu. Die Bergkristalle und Mineralien, die die ganze Wohnung geschmackvoll dekorieren, sind alles eigene Funde. "Jeder Kristall erzählt seine eigene Geschichte." Gefährliche Geschichten teilweise. Da der Hobbystrahler im erodierten Gebiet an den Nordflanken nach Kristallen sucht und dort wegen des Schnees und des Eises Dauerfrost herrscht, befindet er sich immer im Steinschlaggebiet. Daher ist es notwendig, einen Helm zu tragen und, bevor die Arbeiten beginnen, nach Fluchtwegen oder stabilen Absätzen im Fels Ausschau zu halten. "Denn irgendwann kommt ein Stein, auch wenn es nur ein golfballgroßer ist, da muss man genau wissen, wohin man sich retten kann." Der abenteuerliche Ausdruck in Bissigs Gesicht hat einer tiefen Falte zwischen seinen Augenbrauen Platz gemacht. Leider kehrt jedes Jahr mindestens ein Strahlerkollege nicht von seinem Arbeitstag in den Klüften zurück. Auch das Klettern kann zur Todesfalle werden. Am sichersten ist es deshalb, wenn man zu zweit unterwegs ist. Der eine kann beobachten, der andere arbeiten. Und bei einem Zwischenfall unterstützt man sich gegenseitig. Denn Handys haben in diesen Höhen keinen Netzempfang. Meist begeben sich die Kristallsucher in Gebiete, in denen schon vor Hunderten von Jahren "Strahlen" gefunden wurden. In solchen Regionen hält das Strahlerauge dann nach Quarzbändern im Gestein Ausschau. Diese Bänder sind meist Indizien für eine Kluft. Leider sind nur ungefähr neun von zehn Klüften mit den begehrten Mineralien gefüllt. Doch die Klüfte sind rar geworden. Noch bis vor 30 Jahren war es erlaubt, mit Dynamit ganze Felspartien wegzusprengen, um an Kristalle zu gelangen. Die meisten Gebiete sind schon sehr abgesucht. Wegen der Klimaerwärmung schmelzen die Gletscher ab und geben immer mehr Gestein frei, das sie während Millionen von Jahren unter sich begraben hatten. Bissig kann nun den Gletscherrand absuchen und so im besten Falle auf bereits offene Klüfte stoßen. Findet er eine Kluft, beginnt die eigentliche Arbeit mit Meißel, Hammer oder dem Strahlereisen, einem multifunktionalen Strahlerwerkzeug, das auch als Gehstock dienen kann. "Eine Stockwinde, eine Schaufel, mehrere feine Holzstäbchen - eben alles, was auf dem Bau auch gut gebraucht werden kann", sagt Bissig und zeigt seinen Werkzeugbeutel. Meist dauern die Arbeiten an einer Kluft mehrere Monate, ja sogar Jahre. Um die eigene Entdeckung zu schützen, gibt es unter den Strahlern eine Vereinbarung: "Lässt man sein Werkzeug an der Fundstelle, besprüht einen nahen Felsen mit seinen Initialen und schreibt die Patentnummer darunter, ist die Kluft gekennzeichnet und reserviert." Die Fundstelle und ihre nähere Umgebung darf ab jetzt von keinem anderen bearbeitet werden. Da alle, die sich in diesen Höhen aufhalten, seien es Kletterer, Wanderer oder eben Strahler, von diesem Verhaltenskodex wissen, "ist es eine Frage des Respekts dem Finder gegenüber, die Kluft nicht weiter zu bearbeiten oder leer zu räumen, solange sie markiert ist". Mit dem nötigen Quentchen Glück stößt der Strahler auf Quarze, Hämatite, Chlorite oder andere Mineralien, wobei die wertvollsten diejenigen sind, auf denen noch ein zweites Mineral zu wachsen begonnen hat. Folgt man dem Gesetz, so müsste man alles mit einem Wert von über tausend Franken, was ungefähr 675 Euro entspricht, der Korporation des Patentortes melden. Doch dies werde nur gemacht, wenn es nicht anders gehe, gibt Bissig zu. Auch reden Strahler meist nicht mit anderen Strahlern über ihre Entdeckungen: "Wir Strahler sind ein geheimnisvolles Volk. Denn leider lässt der Glanz der Kristalle den Neid der Mitstrahler nicht erblassen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Den Fluchtweg hat der Hobbystrahler im Blick
Autor
Stephanie Arnold. Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2010, Nr. 220 / Seite N6
Projekt
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