Hej då, Tyskland!

"Auch wenn Schweden nicht weit von Deutschland entfernt ist, hat man manchmal das Gefühl, dass hier alles ganz anders ist", sagt Camilla Barth, Ärztin und Mutter von sechs Kindern. Sie ist mit ihrer Familie nach Skandinavien gezogen. Ein guter Schritt, findet sie und lobt die Familienfreundlichkeit. Jedes Jahr verlassen Zehntausende Menschen Deutschland und verlegen ihren Wohnsitz in ein anderes Land. Auch Camilla Barth ist aus Deutschland weggezogen und lebt seit vier Jahren mit ihrem Mann und den gemeinsamen sechs Kindern im Alter von fünf bis zwanzig Jahren in Borås, einer Stadt in Südwestschweden. Hier arbeitet die promovierte Internistin in der Abteilung für Kardiologie des Krankenhauses und fühlt sich sehr wohl. Auch ihr Ehemann, ebenfalls Internist, arbeitet in derselben Klinik. "Die Arbeitsbedingungen sind in Schweden besser", sagt sie, "die Arbeitsbelastung ist in Deutschland wesentlich höher, und die Ausbildungsstrukturen sind schlechter." In Schweden hat Camilla Barth auch ihren Facharzt in Innerer Medizin abgeschlossen. Während ihrer Ausbildung wurde sie von einem Oberarzt begleitet, der immer wieder schaute, welche Fähigkeiten sie erwarb; außerdem unterstützte das Krankenhaus die Entwicklung eigener Wünsche bezüglich der Fachrichtung: "Man kann hier problemlos in anderen Abteilungen hospitieren, das ist sogar teilweise gefordert. So kann man verschiedene Bereiche kennenlernen." Einmal in der Woche findet eine Fortbildung in Kardiologie statt. Auch der Austausch mit den anderen Stationen läuft problemlos, da man bei wöchentlichen Treffen genug Zeit hat, alles Anstehende zu besprechen. Die Deutsche ist im Krankenhaus nicht die Einzige, die aus einem anderen Land kommt. Der Ausländeranteil liegt bei etwa 25 Prozent. Die Ärzte kommen aus den verschiedensten Ländern: aus Griechenland, Polen, Afghanistan, Afrika, Südamerika und eben auch aus Deutschland. Über eine Annonce wurden Ärzte aus dem Ausland gesucht und eingestellt; doch nicht jeder Bewerber wurde auch genommen. Die Barths hatten jedoch Glück: Im Mai war das Vorstellungsgespräch, im September zogen sie nach Schweden. Eine Personalsekretärin suchte ihnen in der Nähe des Krankenhauses eine Wohnung. Die vermittelte Drei-Zimmer-Wohnung entsprach allerdings nicht den Bedürfnissen der achtköpfigen Familie. Hier gab es nicht einmal einen Geschirrspüler, und - anders als Deutschland - es ist dem Mieter auch nicht erlaubt, diesen zu installieren. Außerdem musste die Wäsche in einem Gemeinschaftssalon gewaschen werden, den alle 30 Mieter des Hauses nutzten. Doch die Personalsekretärin war weiterhin behilflich bei der Haussuche, bis ein großes Haus zur Miete in einem Vorort gefunden war, etwa zehn Minuten vom Krankenhaus entfernt. Und schließlich konnte in diesem Jahr auch der Traum vom Eigenheim verwirklicht werden. Vor dem Berufseinstieg in Schweden war allerdings ein dreimonatiger Sprachkurs Pflicht. Der war bereits an die zukünftige Arbeit angepasst, beinhaltete aber nicht nur medizinische Fachsprache, sondern auch Informationen über schwedische Literatur, Persönlichkeiten und diverse Ausflüge. "Einmal beispielsweise mussten wir eine Einkaufsliste im Supermarkt abarbeiten. Der Kurs war also auch praktisch orientiert, damit man sich im Alltag zurechtfindet", berichtet Camilla Barth. Wenn man den Kurs beim ersten Mal nicht besteht, darf man die Abschlussprüfung wiederholen. Die schwedische Sprache empfand die Ärztin aber nicht als Hürde, weil diese der deutschen von der Grammatik her ähnlich und weniger wortreich ist. "Die schwedische Sprache ist nicht so kompliziert wie die deutsche Sprache, dafür ist aber die Betonung umso wichtiger, um verstanden zu werden. Im vergangenen Jahr erschien ,Atemschaukel' von Herta Müller auf Schwedisch unter dem Titel ,Andningsgunna'. Da haben wir uns amüsiert." Außer dem guten Fortbildungsangebot und dem Arbeitsklima genießt die Medizinerin die familienfreundliche Atmosphäre des Landes. Hier haben alle Kinder Anspruch auf einen Kitaplatz ab dem zweiten Lebensjahr sowie auf einen Hortplatz bei Schuleintritt, dabei sind -diese wesentlich preisgünstiger als in Deutschland. "Auch die Betreuungszeiten sind viel flexibler. Wenn man zur Fortbildung geht oder länger arbeiten muss, kann man auch kurzfristig die Betreuungszeiten ändern. Das Beste ist jedoch die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit, so können wir beide arbeiten gehen." Im Sommer hat außerdem jeder das Recht auf vier zusammenhängende Wochen Urlaub. Neben all dem reizt Camilla Barth auch die Natur in Schweden: "Man hat hier ein ganz anderes Naturbewusstsein und kann wirklich alles unternehmen. Schon in der Schule unternehmen die Kinder Orientierungsläufe im Wald und lernen, wie man Feuer macht. Es spielt sich sehr viel draußen ab, und man lebt mit den Jahreszeiten: Beeren pflücken, Pilze sammeln oder Jagen. Auch wenn Schweden nicht weit von Deutschland entfernt ist, hat man manchmal das Gefühl, dass hier alles ganz anders ist." Ebenfalls gefällt der modebewussten Frau der etwas verspieltere Kleidungsstil: "Ich nähe sehr gerne. Klar, dass man den schwedischen Stil nach vier Jahren auch ein bisschen übernimmt. Und die Tuniken und die langen Ketten gefallen mir gut." Sie vermisst wenig. Aber manchmal wünscht sie sich etwas mehr Kultur: "Den Sommerurlaub nehmen hier eben alle wahr. Die Busse fahren seltener. Im Krankenhaus wird die Bettenzahl reduziert. Man geht baden oder Boot fahren, viele Schweden verbringen den Sommer in ihrem Ferienhäuschen.""Hej då, Tyskland!" "Auf Wiedersehen, Deutschland!" Das Auswandern hat sich für die Barths gelohnt. "Wegen der familienfreundlichen Atmosphäre und der guten Arbeitsbedingungen kann ich mir zurzeit nicht vorstellen zurückzukommen." Ihr größter Traum ist es aber, eines Tages in einem Entwicklungsland zu arbeiten und "noch einmal andere Medizin kennenzulernen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Hej då, Tyskland!
Autor
Ria Henzel, Eckener-Gymnasium, Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2010, Nr. 226 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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