Es ist sehr anstrengend, als Aktmodell zu arbeiten

Guten Morgen miteinander. Wie ihr seht, habe ich meine Arbeitskleidung schon an", begrüßt Blanka Walter die Schülerinnen des Rosenstein-Gymnasiums, während sie nackt vor ihren Kursteilnehmerinnen steht. Männliche Interessenten hatten sich nicht gemeldet. Was für das Aktmodell reine Routine ist, daran müssen sich die Schülerinnen erst gewöhnen. Doch nachdem die erste Hemmschwelle überwunden ist, geht es gleich ans Zeichnen.

Blanka bietet allen sofort das Du an und schlägt vor, mit einer Blindzeichnung zu beginnen, bei der die Schülerinnen die Umrisse ihrer Pose genau wahrnehmen, aber nicht auf ihr Papier schauen sollen. Die Schülerinnen im Kunstraum des Gymnasiums beantworten die Arbeitsanweisung mit ungläubigem Gelächter. Es scheint ihnen absurd, dass dabei etwas Brauchbares entstehen könne. Aber das 47 Jahre alte Aktmodell meint nur: "Lieber schnelle, flotte Kritzeleien als so rumeiern." Das Blindzeichnen sei der optimale Einstieg, um wieder in die Materie vom Vortag hineinzufinden, wo bereits die ersten Grundlagen gelegt wurden.

"Eigentlich kann jeder dieses Handwerk erlernen", ist sie überzeugt. Die meisten würden sich anfangs nur nichts zutrauen, am Ende komme aber immer etwas Ordentliches dabei heraus. Wobei man das Aktzeichnen nicht unterschätzen dürfe. "Es ist neben dem Tierezeichnen das schwierigste Thema in der Kunst und bedarf stetiger Übung, um es zu erlernen", sagt die schlanke Frau aus ihrer mittlerweile zwanzigjährigen Erfahrung. Täglich steht sie Akt und Porträt oder unterrichtet das Zeichnen und Modellieren dieser Modelle an Volkshochschulen, Berufsschulen, Gymnasien sowie Museen. Dabei besucht sie mehr als 200 verschiedene Schulen.

"Ich bin autodidaktisch in die Kunstwelt eingestiegen", erzählt die redefreudige Künstlerin, als sie erhöht auf zwei zusammengeschobenen Schultischen sitzt und nach einigen Minuten ihre Pose wieder verändert. Eigentlich habe sie Köchin gelernt. Doch nachdem sie diesen Beruf aus gesundheitlichen Gründen schon bald nicht mehr ausüben konnte, lernte sie ein Künstlerehepaar kennen, das sie fragte, ob sie nicht für sie Modell stehen möchte. Ich habe mich dann an vielen Schulen beworben und mir mein Wissen über fünf Jahre hinweg aufgebaut." Ihr dunkelblondes krauses Haar hat sie zu einem Dutt zusammengefasst, so dass nichts ihren Körper bedeckt, wenn die Schüler konzentriert an ihren Zeichnungen mit Bleistiften, Pastellfarben, Aquarellfarben, Kohlen oder Tusche arbeiten.

In ihren Kursen legt die alleinlebende Künstlerin Wert darauf, dass die anatomischen Grundlagen sowie verschiedene Zeichenmethoden in unterschiedlichen Techniken und Herangehensweisen erklärt und geübt werden. Seit einigen Jahren ist das Aktzeichnen auch im Abitur zugelassen, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Pflichtthema, dem Künstler Max Ernst.

Das Aktmodell aus Ebersbach im Landkreis Göppingen am Fuße der schwäbischen Alb sieht dies äußerst positiv, da sie überzeugt ist: "Wer Aktzeichnen kann, kann auch alles andere zeichnen." Gerne gibt sie Tipps für Bewerbermappen. "Nicht radieren, die Mappen fliegen sofort raus. Groß zeichnen, denn wer groß zeichnen kann, kann auch klein zeichnen. Doch wer klein zeichnen kann, kann noch lange nicht groß zeichnen." Nun schaut Blanka zu Boden und fragt ihren Chivas: "Na arbeiten wir ein bisschen?" Daraufhin schaut sie der schwarzbraune Dobermann mit seinen braunen Augen aufmerksam an. Als sein Frauchen sich jedoch kurzerhand auf seine am Boden liegende Hundedecke legt und ihn bittet, sich neben sie zu legen, verhält er sich wenig kooperativ. Deshalb beschließt man, die nächste Zeichnung eben ohne ihn anzufertigen. In der Kunstgeschichte stehe der Hund für häuslichen Frieden und Kunsttreue. Deshalb ließen sich schon früher immer wieder Künstler mit Hund darstellen. So wurde Picasso oft mit seinem Dackel abgebildet. Bei Blanka erfüllt der Hund, den sie immer dabei hat, verschiedene Funktionen. "Ich setze ihn als Modell ein, aber gleichzeitig ist er mein Bewegungsausgleich zum Modellstehen." Vor allem wenn sie zwischen zwei Schulen ein bisschen Zeit habe, gehe sie gerne mit ihm laufen. "Das denkt man vielleicht gar nicht, aber es ist sehr anstrengend, als Aktmodell zu arbeiten."

Alle ihre bekannten Aktkollegen seien älter als 35 Jahre, da es die Jüngeren einfach nicht mehr machen möchten. Natürlich müsse man anfangs eine Hemmschwelle überwinden. Das sei bei ihr nicht anders gewesen. "In den ersten drei Wochen habe ich richtig geschwitzt", erzählt sie schmunzelnd. "Doch später ist es zur Routine geworden."

In der kurzen Pause streift sie sich ihre Jeans und ihren rot-weiß gestreiften Pullover über, um mit Chivas ein paar Minuten an die frische Luft zu gehen, während sich die Schülerinnen beim Bäcker etwas kaufen oder ihr mitgebrachtes Vesper verzehren. "Am Anfang ist es schon komisch, wenn eine nackte Frau vor einem steht, aber da gewöhnt man sich schnell dran, und dann ist es irgendwie auch normal", sagt Maren aus der zehnten Klasse. Es sei nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern auch etwas Neues, bei dem man schnell gute Fortschritte machen kann.

Frisch gestärkt geht es in die nächste Runde. Jetzt werden Torsos mit Kreide und Kohle gezeichnet. Dafür wickelt sich die Künstlerin ein weißes Tuch um die Hüfte und erklärt noch einmal Schritt für Schritt die Vorgehensweise. "Mit hellen Flächen beginnen. Lichtpunkte lassen und mit blauer Kreide Akzente setzen", wiederholt sie, bis es auch die Letzte verstanden hat.

In der Stunde verdient sie zehn bis zwanzig Euro. Sie habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht, bei denen fremde Leute unangemessene Bemerkungen gemacht hätten. Nach kurzem Überlegen gibt sie jedoch lächelnd zu bedenken: "Ich glaube, die trauen sich auch einfach nicht, etwas zu sagen." Aber darüber mache sie sich gar keine Gedanken mehr.

Informationen zum Beitrag

Titel
Es ist sehr anstrengend, als Aktmodell zu arbeiten
Autor
Anika Vogt
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2013, Nr. 89, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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