Gestreckt wie eine Rakete

Ein Bett steht in der Ecke, in der anderen ein Schreibtisch mit Schulsachen. Rechts ist ein Spiegelschrank, vor ihm liegen Zeitschriften und Klamotten. Insgesamt eben ein Schlafzimmer, wie man es in München erwarten würde, in einer netten altmodischen Familienwohnung wie dieser. Und doch stimmt hier etwas nicht: Mittendrin steht eine metallene Stange, an Boden und Decke befestigt. Es ist das Sportgerät der sechzehnjährigen Isabella von der Recke. Dreimal die Woche verbringt sie eine gute Stunde damit zu trainieren.

Viele Menschen denken, wenn sie die Wörter Stange und Tanz hören, sofort an Rotlichtmilieu und kaum erwachsene Mädchen, die sich um einen vertikalen Metall-Balken winden. Dass sie öfters mit solchen voreingenommenen Meinungen zu tun hat, kann auch die sportlich angezogene Schülerin bestätigen: "Mädchen sind meistens offener, wenn ich ihnen davon erzähle, und interessieren sich für die tänzerische Seite. Aber bei Jungs kommt dann so etwas wie: Kann man da auch eine Privatvorstellung haben? Sie denken immer, dass ich strippe."

Seit eineinhalb Jahren ist das blonde Mädchen jetzt schon bei der "Munich Poledance Academy" am Hauptbahnhof. Ihr macht diese außergewöhnliche, ursprünglich aus China kommende Sportart sichtlich Spaß. "Ich finde es toll, wie man Tanzen und anstrengenden Sport kombinieren kann und dabei wirklich seinen ganzen Körper trainiert." Das Ergebnis des Trainings ist gut zu erkennen, Isabella hat eine schlanke Figur und eine selbstbewusste Ausstrahlung. "Das Einzige, was manchmal etwas blöd ist beim Poledancen, sind die Schwebefiguren, die wir trainieren. Da kann es schon auch einmal passieren, dass man kopfüber von der Stange hängt und darauf wartet, dass jemand einem herunterhilft. Wenn dann niemand kommt und der Kopf immer röter wird, kann das ziemlich peinlich werden", lacht sie.

Entdeckt hat sie die Sportart durch eine Bekannte, die Poledance macht und Fotos davon auf ihr Facebook-Profil hochlud. Nun geht Isabella einmal in der Woche eine Stunde lang trainieren und zahlt für einen sechswöchigen Kurs gut 160 Euro, die sie sich durch Babysitten verdient. Wenn der Kurs vorbei ist, meldet sie sich gleich für den nächsten an. "Zuerst wärmen wir uns 20 Minuten lang auf, und dann arbeiten wir an der Choreographie, die wir im Moment einstudieren und die etwa fünf Minuten dauert." Sie besteht aus verschiedenen Figuren, zum Beispiel dem "Knee Hold", bei dem man sich nur mit einem Bein an der Stange festhält und den Rest des Körpers vom Pole wegstreckt, oder dem "Rocketman", bei dem sich der Körper wie eine Rakete nach oben streckt und nur von einem Arm an der Stange gehalten wird. "In den letzten Minuten dehnen wir uns dann nochmal, um die Muskeln zu entspannen."

Da Stoff an der Stange rutschen würde, trägt Isabella eine kurze Sporthose und ein Sportoberteil. Der Unterricht sei unterhaltsam. "Meine Lehrerin macht die Figuren immer genau so vor, wie man sie nicht machen sollte, und gibt ihnen dann total verrückte Namen, wie zum Beispiel abstürzende Taube."

Obwohl das Interesse am Poledance in Deutschland immer mehr wächst, sogar auch unter Senioren und Männern, gibt es noch nicht viele Studios, die die Tanzart anbieten. In München sind es gerade einmal zwei. Das könnte sich ändern. Seit 2010 gibt es den Deutschen Pole Sport Verband, der Turniere und Meisterschaften unterstützt.

Auch nach dem Abitur möchte Isabella weiter machen: "Jetzt habe ich schon so viel Zeit damit verbracht, die Grundlagen zu lernen, dass ich auf keinen Fall nun aufhören möchte, wo es erst richtig losgeht." Sie ist stolz darauf, diese schwierige Sportart zu können. "Letztendlich ist Poledance eigentlich nur eine coole neue Sportart. Ich kann jedem raten, sich seine eigene Meinung darüber zu bilden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Gestreckt wie eine Rakete
Autor
Jennifer Perryman
Schule
Elsa-Brandström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2013, Nr. 89, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180