Dornenreicher Alltag

Zwei Gärtnermeister im Rems-Murr-Kreis haben sich auf die Zucht von Kakteen und Sukkulenten spezialisiert und sogar Kunden in Japan. Viele der Pflanzen sind streng geschützt und anspruchsvoll in der Anzucht.

Fast 600 Kilogramm bringt er auf die Waage bei einer Körpergröße von 3,20 Metern. Laut Body-Mass-Index besitzt er starkes Übergewicht. Dennoch ist er schlank und wohlgeformt. Sein Teint ist grün, trotzdem ist ihm nicht übel. Sein stark gefurchter Körper ist übersät mit langen, goldgelben Dornen. Trichocereus terscheckii ist ein Säulenkaktus und steht kurz vor dem Transport. Doch wie transportiert man den dornenbewehrten Riesen?

Mit solchen und vielen ähnlichen Herausforderungen sehen sich der 53-jährige Matthias Uhlig und sein zwei Jahre jüngerer Geschäftspartner Uwe Mergel regelmäßig konfrontiert. Die beiden führen die Spezialgärtnerei Uhlig-Kakteen für Kakteen- und Sukkulenten im Rems-Murr-Kreis bei Stuttgart. Der Begriff "Sukkulente" kommt von dem lateinischen Wort succus, das Saft bedeutet. Sukkulenten sind Pflanzen, die in ihren Blättern, ihrem Stamm oder ihren Wurzeln Wasser speichern. Die bekanntesten Sukkulenten, die jedes Kind kennt, sind die Kakteen. In ihrer Pflanzenfamilie ist die Sukkulenz, also die Speicherung von Wasser, am stärksten ausgeprägt, sie machen aber nur einen Bruchteil aller wasserspeichernden Pflanzen aus.

Kakteen und Sukkulenten waren das große Hobby von Karlheinz Uhlig, Matthias Uhligs Vater, der 1959 die Gärtnerei gründete. Die beiden Gärtnermeister Matthias Uhlig und Uwe Mergel lernten sich während ihrer Zeit als Junggärtner kennen und übernahmen 1991 die Gärtnerei. Als zweite Gärtnerei auf der ganzen Welt und erste Deutschlands wurden sie 1996 als Cites-Nursery registriert, was bedeutet, dass sie nur kontrolliert vermehrte Pflanzen anbieten. Es werden keine Pflanzen von Naturstandorten entfernt und verkauft. Alle Kakteen und viele Sukkulenten sind nämlich streng geschützt. Die Gewächshäuser der Gärtnerei liegen versteckt am Rande der kleinen Ortschaft Kernen-Rommelshausen und besitzen gerade einmal 4000 Quadratmeter Fläche. Doch so klein die Gärtnerei auf den ersten Blick auch erscheinen mag: "Als ganz, ganz kleine Firma mit umgerechnet fünf bis sechs Vollarbeitskräften im Jahr haben wir Kontakte in alle Welt", sagt Uwe Mergel stolz. "Wir senden sogar manchmal Pflanzen bis nach Japan." Der eher kleine, kräftige Mann steht in Jeans und bequemem Pullover im Eingangsbereich der Gewächshäuser. Sein Blick ist auf den Eingang gerichtet. In Regalen stehen ordentlich gestapelte, mit unterschiedlichsten Spezialerden gefüllte Säcke und sorgfältig nach Größe sortierte Töpfe zum Verkauf bereit. Fremdländischer Geruch nach Pflanzen und Erde hängt in der Luft. Leicht abgestanden, erinnert er an die feuchten Tropenhäuser im Zoo, aber ohne deren Schwüle und Stickigkeit.

Durch die verglasten Gewächshauswände fällt auch an wolkenverhangenen Wintertagen viel Licht herein. Die mehr als 3000 verschiedenen, sich derzeit im Bestand befindenden Pflanzenarten stehen sauber getopft und nach Größen und Arten sortiert auf langen Tischen, die die Gewächshäuser durchziehen. Dazwischen gibt es schmale Gänge, die an den Pflanzen vorbeiführen: von winzig klein bis meterhoch, von blättertragend mit flaschenartig gewölbtem Stämmchen bis dornenübersät mit tiefen Rippen im Pflanzenkörper. Jede Pflanze ist mit einem Etikett versehen, auf dem die genaue Pflanzenart und der Verkaufspreis vermerkt sind. Neben der Bestellung der Pflanzen durch das Internet können die Kunden Pflanzen vor Ort kaufen. Im Sommer nutzen dies im Schnitt etwa 30 bis 40 Leute am Tag, im Winter sind es weniger.

In einem gesonderten Gewächshausbereich befindet sich das Herz der Gärtnerei: die eigene Anzucht. Ausgesät wird in Kisten mit spezieller Anzuchterde. Die Aufzucht der gekeimten Jungpflanzen ist heikel. "In diesem Stadium sind die Pflanzen am sensibelsten, und es erfordert viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Die Jungpflanzen dürfen es weder zu nass noch zu trocken, weder zu warm noch zu kalt haben. Es gibt keine konkreten Anleitungen, und wir müssen in diesem Bereich viel Pionierarbeit leisten, was ich aber sehr spannend finde", erklärt Matthias Uhlig. Der 53-Jährige sitzt in seinem kleinen Büro, das gleich neben der Anzucht liegt, am Schreibtisch. Neben dem Computer türmen sich Stapel mit Formularen, Angebotslisten und Pflanzenkatalogen; dazwischen auch ein Langenscheidt Italienisch-Kurs. Über der Tür, an der dicke Winterjacken hängen, tickt laut eine Quarzuhr.

Matthias Uhlig ist ein großer, schlanker Mann mit kurzgeschnittenem schwarzen Haar und gepflegtem Bärtchen. Nachdenklich spricht er von seinen Amerika-Reisen zu den Naturstandorten der Kakteen. "Ich wollte mich immer mit eigenen Augen davon überzeugen, dass es den Pflanzen bei der dortigen Trockenheit gelingt, erfolgreich zu keimen und das empfindliche Jungpflanzenstadium zu überstehen. Ich wusste zwar, dass es im Schutz von Sträuchern und in feuchtigkeitsspeichernden Klüften funktioniert, aber so richtig glauben konnte ich es einfach nicht. Also habe ich mich vor Ort auf die Suche gemacht und fand es bestätigt. Ich finde das wahnsinnig faszinierend", berichtet er begeistert.

Als Fachmann für Sukkulenten ist Matthias Uhlig Autor dreier Sachbücher, in denen er seine jahrelange Praxiserfahrung zur Zucht und Pflege von wasserspeichernden Pflanzen weitergibt. Sein erstes Buch "Kakteen & andere Sukkulenten" erschien 2005. Darüber hinaus veröffentlicht er Artikel in Fach- und Gartenzeitschriften. "Es ist ein tolles Gefühl, wenn ich meine gewonnenen Erkenntnisse an Praktikanten und Kunden weitergeben kann. Es freut mich, wenn die Leute Freude an ihrem grünen Hobby haben."

Bei einer solchen Freude am Beruf stellt auch ein übergewichtiger Säulenkaktus für die Kakteengärtner kein Problem dar. Zum Transport wird er in ein dickes Vlies gewickelt, das mit viel Klebeband fixiert wird. Nur noch die Wurzeln schauen aus dem Paket heraus. Das Ver- und Entladen muss ein Kran übernehmen. Ein Lkw bringt den Kaktus zum Zielort, hier soll er Teil einer privaten Innenraumbepflanzung werden. Fünf Personen sind nötig, um den Pflanzenkörper in die Senkrechte zu bringen. Die Wurzeln werden eingegraben, die Pflanze von Klebeband und Vlies befreit. Trichocereus terscheckii hat den Transport unverletzt überstanden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Dornenreicher Alltag
Autor
Katja Schabet
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2013, Nr. 95, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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