Vokabelvertiefung im Biergarten von Querétaro

Cuánto mides?" lautet eine der am häufigsten gestellten Fragen. "¡Mira la güera!", wird Anna Reuther fast täglich auf dem Weg zur Arbeit hinterhergerufen. Die 21 Jahre alte, gebürtige Unterfränkin, ist 1,83 Meter groß und hat lange, dunkelblonde Haare und lindgrüne Augen. Damit fällt sie im Land der Kakteen und des Tequilas auf.

In Querétaro, etwa 200 Kilometer nordwestlich von Mexiko-Stadt gelegen, hat sie im August ihre Mission begonnen: "Mexikanern ein bisschen deutsches und fränkisches Sprach- und Kulturgut zu vermitteln." Die Kolonialstadt, in der 2011 die deutsche U-17-Nationalmannschaft ihre Vorrundenspiele der U-17-WM austrug, ist bekannt für ihre historische Innenstadt und das Aquädukt "Los Arcos" und besitzt außerdem eine Deutschschule. Dort hat Anna ein Jahr lang unterrichtet. Die Schule trägt den Namen "Heidelberg Institut" und ist eine Privatschule, die sich ausschließlich dem Deutschunterricht widmet.

Die Stelle als Deutschlehrerin hat Anna zufällig im Internet auf einer Praktikumsplattform gesehen und "spaßhalber einfach mal angefragt". Anna ist sprachbegabt, reiselustig und angetan von Lateinamerika. Eine Woche später war der Arbeitsvertrag unterschrieben, das Romanistik-Studium unterbrochen. "So eine Gelegenheit kommt schließlich nicht zweimal im Leben."

Anna unterrichtete Anfänger bis Fortgeschrittene im Einzel- oder Gruppenunterricht. Der Gruppenunterricht fing um 16 Uhr an, der Einzelunterricht nach Absprache. Samstags war ebenfalls Unterricht angesagt, der bei Anna um acht Uhr begann.

Welche Schwierigkeiten musste sie meistern? "Die Umstellung vom Fränkischen ins Hochdeutsche", sagt Anna. "Außerdem ist der europäische Magen die Schärfe der Chilischoten nicht so ganz gewohnt, und die hygienischen Zustände sind teilweise doch etwas anders als in Deutschland. Im Übrigen muss man als hellhäutige Europäerin schon ein bisschen aufpassen, wie man sich so kleidet - sonst hat man gleich sämtliche Machos an der Backe kleben." Neben dem Unterricht veranstaltete Anna auch außerschulische Aktivitäten mit den Schülern. Sie fuhren beispielsweise nach Guadalajara, etwa 300 Kilometer westlich von Querétaro, um die "feria internacional del libro" zu besuchen. Das ist eine der größten Buchmessen Lateinamerikas. Hier können die Schüler neben überwiegend spanischer Literatur auch aktuelle deutsche Bestseller lesen oder in Exemplare der deutschen Belletristik schnuppern. Während die Schüler lesen, dürfen sich Anna und ihre deutschen und österreichischen Kolleginnen ein bisschen im Blitzlichtgewitter sonnen. Auf der Messe sind sie neben den ganzen Büchern die Attraktion schlechthin.

Warum es in diesem Land, das viele nur mit Drogenkrieg oder Männern mit Sombrero assoziieren, Menschen gibt, die freiwillig lernen, warum der Genitiv dem Dativ sein Tod ist, liegt am exzellenten Ruf der deutschen Technik. So sind in Mexiko Unternehmen wie Siemens, Bosch oder VW vertreten. Die meisten von Annas Schülern sind Studenten technischer Fächer, die später bei einem dieser Unternehmen durchstarten wollen. Oder zumindest "una maestría", also einen Master, in Deutschland machen möchten. Hierfür sind natürlich Deutschkenntnisse notwendig, die sie bei Anna oder einer der zehn anderen Lehrkräfte erwerben. Viele Schüler erhoffen sich so bessere Karrierechancen. Neben der Arbeit mit dem Buch steht das spielerische Lernen in der Gunst der Schüler hoch im Kurs, zum Beispiel in Form von "Memory" mit deutschen Eigenschaftswörtern. Auch das Erklären und Erraten von Begriffen beim Tabu-Spielen fanden die Schüler äußerst "chido", also "cool". Zudem bereitete Anna einmal in der Woche einen aktuellen Film vor, der auf Deutsch mit meist spanischen Untertiteln gezeigt wird.

Neben dem Unterricht gab es die Möglichkeit, das Gelernte beim Deutsch-Stammtisch, den die Schule einmal im Monat veranstaltet, anzuwenden. So findet man in Querétaro einen österreichischen Biergarten, in dem die Schüler bei Bratwurst und Weißbier gemütlich zusammensitzen und ein bisschen auf Deutsch plaudern können. Was ist der größte Unterschied zwischen dem deutschen Schulalltag und dem mexikanischen? "Ein lockerer Umgang mit Pünktlichkeit und ein kumpelhaftes Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler."

Ihre Freizeit nutzte Anna zum Reisen. Das Land ist immerhin fast fünfmal größer als Deutschland. Faszinierend fand sie den Trip nach Mexiko-Stadt - die Stadt ist gigantisch groß und ein einziges "desmadre", also ein heilloses Durcheinander. Xochimilco, Coyoacán und das Céntro Histórico mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten beeindruckten Anna sehr, noch spektakulärer findet sie die Pyramiden von Teotihuacán, etwa eine dreiviertel Stunde mit dem Auto von Mexiko-Stadt entfernt. Ebenso spannend war die Reise in die Sierra des Bundesstaates San Luís Potosí, als Anna mit Freunden übers Wochenende nach Real de Catorce fuhr. Die verlassene Minenstadt ist ein "pueblo fantasma", eine Geisterstadt, und zählt nur eine Handvoll Einwohner. Hinein kommt man nur durch einen zwei Kilometer langen Tunnel, den "Ogarrio-Tunnel". Die Fahrt nach unten in die Wüste, zu zwölft auf einem gemieteten Jeep, die engen Serpentinen entlang - "das war schon echt spannend".

Einmal wollte sie mit Freunden nach Bernal fahren. Das ist ein "pueblo mágico", ein magisches Dorf, wo der drittgrößte Monolith der Erde steht. Enrique, ihr Fahrer beziehungsweise "chófer" , versprach, sie um Punkt 10 Uhr abzuholen. "Ein großer Fehler, sich auf solche Versprechen zu verlassen." Erst gegen 13 Uhr machten sie sich auf den Weg. "Aber auch an solche Dinge gewöhnt man sich, und wenn etwas wirklich mal um Punkt stattfinden soll, zum Beispiel auf der Arbeit, wird dies einfach mit dem Zusatz ,hora alemana', also ,deutsche Uhrzeit' vermerkt."

Statt Salz und Pfeffer stehen hier Salsa und Limón auf den Tischen bereit, um den Tacos, Quesadillas, Käsetortillas, und Gorditas, Maisfladen, die entsprechende Note zu verleihen. Himmlisch lecker, aber höllenscharf. Und Mexiko wäre nicht Mexiko, wenn man im Land der Kakteen, die dort "tunas" heißen, nicht auch ebenjene essen würde. Anna hat in Querétaro "un chingo de amigos", einen Haufen Freunde, gefunden. Spätestens in den Sommersemesterferien möchte sie der "tierra de las tunas" wieder einen Besuch abstatten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vokabelvertiefung im Biergarten von Querétaro
Autor
Felix Reuther
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2013, Nr. 95, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180