Wie Objekte behandelt

Eine wunderschöne Flora erwartet jeden, der den Botanischen Garten in Grahamstown, Südafrika, betritt. Immer wieder neue Grüntöne. Eine Brücke führt von einem steinigen Weg auf eine Wiese, wo Bäume Schatten spenden. "Zum Glück bin ich gerade noch rechtzeitig dagewesen, bevor der Typ sich wirklich an ihr vergriffen hat", sagt Lubabalo Boma aufgewühlt. Der Mitschüler des Täters zeigt dabei auf den Ort des Geschehens. Sein Finger weist auf ein Rasenstück hinter stacheligen Büschen, das an den Zaun eines Schulgebäudes grenzt. Der Vergewaltigungsversuch sei direkt neben dem Bach passiert unter einem weit zum Boden geneigten Baum, der wohl Sichtschutz geboten habe.

"Das Mädchen war schon früher am Abend völlig dicht. Ihr Blick war total leer. Sie wusste nicht mal mehr, wie sie hieß. Deshalb habe ich mir Sorgen gemacht, weil ich wusste, dass man meinem Freund nicht trauen kann, schon gar nicht, wenn sie so willig war", erklärt der 18-Jährige von der Volksgruppe der Xhosa. Während er seine Arme verschränkt, schweift sein Blick über die rosa Blüten, die im Bach treiben. "Als er bei mir war, habe ich ihn gefragt, was er mit dem jungen Mädchen aus unserer Schwesterschule anfangen wollte. Aber er meinte, sie würden nur chillen. Deshalb habe ich auch darauf bestanden, dass wir zusammen in Richtung Stadt gehen. Ich hatte gehofft, ihre Brüder auf dem Weg anrufen zu können, aber das Mädchen ist plötzlich weggerannt, zum Botanischen Garten, da musste ich einfach schnell handeln."

Der Garten liegt am Stadtrand. Durch die vielen Pflanzen ist es dort auch in der Dämmerung schon fast komplett dunkel. Selbst der eigentlich klare und zum Greifen nahe scheinende Sternenhimmel bringt nicht genug Licht hinein. "Als ich sie eingeholt hatte, sah ich nur seinen breiten Rücken, der das arme Mädchen unter sich halb zerdrückte. Sie weinte laut, als er sich an ihr zu schaffen macht", beschreibt er aufgeregt gestikulierend. Lubabalo berichtet, dass er sofort hingelaufen sei und den Mann von dem Mädchen weggezerrt habe. "Der Kerl ist dann weggelaufen, und das Mädchen war mir unendlich dankbar." Er atmet tief durch und blickt auf die kantigen Felsen am Ende des Sandwegs.

Er lehne jeglichen Missbrauch ab. Das sei für seine Kultur eher die Ausnahme, berichtet er beschämt. "Mein Kumpel war natürlich trotzdem überrascht, dass es mich überhaupt stört, dass er das Mädchen vergewaltigen wollte. Er meinte, sie sei doch selbst schuld, so, wie sie ihn provoziert habe." Er sei auch von seinen Klassenkameraden gefragt worden, warum er dem jungen Täter nicht geholfen habe, das Mädchen zu vergewaltigen, anstatt es zu befreien. Sie hätten gesagt, es sei ja genug für beide gewesen.

Nombali Sira von der Volksgruppe der Xhosa, Schülerin auf derselben Schule wie das Opfer, kennt das Problem. "Frauen werden wie Objekte behandelt. Sie werden zum Beispiel auch einfach gegen Mitgift verheiratet." Der Mann erwarte von der Frau, nachdem er für sie bezahlt habe, dass sie alles tue, was er von ihr verlange. Falls das nicht passiere, dürfe er sie schlagen. Auch häusliche Vergewaltigungen seien keine Ausnahme. "Und wenn man wirklich aus Liebe heiraten will und das Geld nicht hat, dann hat man Pech gehabt." Nombali selbst habe vor einem Jahr heiraten wollen. "Jedoch hatte mein Freund nicht genug Geld, mich meiner Familie abzukaufen", sagt sie traurig. Lubabalo Boma und Nombali Sira werden am nächsten Tag wieder ihre Schulen besuchen. Der Alltag geht weiter.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie Objekte behandelt
Autor
Gladys Vinyard
Schule
Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium , Qickborn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2013, Nr. 100, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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