Die ganze Palette der Gefühle

Scheidungsverfahren sind oft emotional. Margit Meuter ist Richterin und entflechtet Konflikte.

Im Wartezimmer des Bezirksgerichtes Affoltern am Albis, einem Bezirkshauptort 20 Kilometer südwestlich von Zürich, sitzen ein Mann und eine Frau, beide Ende 40. Sie sitzt kerzengerade an der einen Ecke des hölzernen Tisches, er, in einem gut sitzenden Anzug, an der anderen. Beide starren aneinander vorbei. Sie streiten nicht. Sie reden nicht. Sie sind hergekommen, um sich scheiden zu lassen. Die Stille ist beinahe greifbar, das Licht der Neonröhre kalt. Noch eine Viertelstunde, dann wird es so weit sein. Der Auditor, der Rechtsreferendar, wird sie in das kleine, moderne Gerichtszimmer rufen, und nach einer Verhandlung oder bei Uneinigkeit nach mehreren Verhandlungen, die zwischen 15 Minuten und sieben Stunden dauern, werden sie eines von rund 22 000 Schweizer Paaren sein, die sich 2013 scheiden lassen.

Im Gerichtszimmer sitzt Richterin Margrit Meuter auf einem schwarzen Lederstuhl hinter dem Richterpult. Links und rechts von ihr stehen zwei elegante Stühle, reserviert für den Gerichtsschreiber und den Auditor. Vor ihr, etwas abgesenkt, befindet sich der ovale schwarze Sitzungstisch, um den sich zwölf Stühle gruppieren. Meuter ist eine zierliche Frau mit kurzen Haaren. Die Ehefrau und Mutter von zwei Kindern trägt eine Brille, ist 51 Jahre alt und arbeitet seit 17 Jahren am Gericht in Affoltern am Albis. Ihre Aufgabe ist es, dem ehemaligen Paar zuzuhören und sich verschiedene Auslegungen des Falles und deren Konsequenzen zu überlegen. "Ordnung in ein Beziehungschaos zu bringen, ist für mich jedes Mal eine spannende Aufgabe", sagt Meuter. Ordnung heißt für sie, Konflikte auf gerechte, juristisch korrekte Art zu entflechten. Spannend ja, aber auch aufwühlend. Oftmals sind die Paare, denen sie im Gerichtszimmer begegnet, verzweifelt, oder die Kinder werden instrumentalisiert, um den Partner schlecht hinzustellen. In solchen Situationen benötigt die Juristin eine dicke Haut. "Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass sich jemand nicht richtig verhält, dann sage ich es meistens." Derartige Äußerungen sollen jedoch gut überlegt sein. Zuerst fragt sie sich stets, was es nützt, wenn sie ihre eigene Meinung kundtut, und wie sie es sagen soll. Denn rasch könne dies kontraproduktiv sein.

Bevor die Paare geschieden werden, konsultieren sie getrennt - oder wenn sie sich einig sind, gemeinsam - einen Scheidungsanwalt. Einer von ihnen ist Stephan Breidenstein, der keine hundert Meter vom Bezirksgericht Affoltern entfernt eine Anwaltskanzlei betreibt. Im Sitzungszimmer sinniert der große, braunhaarige 47-Jährige bei einer Tasse Kaffee über seine Beratungstätigkeit. Er ist seit 19 Jahren verheiratet und hat drei Kinder. Dass ein Mensch den Expartner, den er mal geliebt hat, mit allen Mitteln zu verletzen versucht, sei manchmal hart zu ertragen. "Ich habe in den zwölf Jahren, die ich hier schon als Scheidungsanwalt tätig bin, noch keinen einzigen Fall erlebt, in welchem das Paar wieder zusammengekommen ist. Meiner Meinung nach geben die Paare ihre Beziehung nicht zu früh auf, sondern beginnen zu spät, an ihr zu arbeiten", lautet Breidensteins nüchternes Fazit.

Der erste Gerichtstermin ist in der Schweiz üblicherweise eine sogenannte Einigungsverhandlung, bei der versucht wird, in Form eines Gesprächs gemeinsam mit dem Richter und manchmal einem Anwalt zu einer Einigung, einer Scheidungskonvention, zu gelangen. Nur wenn dies nicht gelingt, wird das Paar zu einem weiteren Gerichtstermin vorgeladen. So muss es beim Paar im Wartesaal der Fall gewesen sein. Zuerst erläutert der Kläger seine Klage, Klagebegründung genannt; danach reagiert der Beklagte darauf, das nennt man Klageantwort. Eventuell gibt es danach noch einen zweiten Parteivortrag, dieser heißt vom Kläger Replik und vom Beklagten Duplik. Die Parteien können ihre Standpunkte selbst oder durch einen Scheidungsanwalt vortragen lassen; Stephan Breidenstein hält sich zu diesem Zweck oft am Bezirksgericht auf. Danach gibt es oftmals eine Pause. Die Richterin vergegenwärtigt zusammen mit dem Auditor und dem Gerichtsschreiber die Problemstellung und untersucht die Akten. Beim nächsten Termin am Bezirksgericht versucht die Richterin zusammen mit den Parteien und deren Anwälten zu einer Einigung zu gelangen, zu einem sogenanntem Vergleich. Grundlage dieser Vergleichsgespräche bildet ein von Gericht ausgearbeiteter Vergleichsvorschlag. Gibt es danach immer noch keine Lösung, übernimmt das Gericht die Regie. Die Richterin verfasst ihr Urteil.

Die Stimmung der Paare bei diesen Gerichtsterminen ist unterschiedlich. "Es gibt eine riesige Palette von Gefühlen, das geht von Hass über die absolute Gleichgültigkeit bis zur kollegialen Freundschaft", sagt Meuter. Andere Paare wiederum verlangen getrennte Einvernahme oder sogar Polizeischutz. "Die emotionale Befindlichkeit der Parteien hängt auch davon ab, wie weit das Paar schon ist, ob es also schon einige Punkte abhaken konnte oder ob alles noch ganz frisch ist, und ebenfalls davon, was alles vorgefallen ist", sagt sie. "Es ist klar, dass die Parteien ihre Emotionen bis zu einem gewissen Grad zeigen müssen, denn wenn man so aufgeladen ist, muss man zuerst wieder herunterkommen, sonst kann man gar nicht auf einer vernünftigen Basis miteinander sprechen."

Auch Anwalt Breidenstein ist es gewohnt, dass seine Klienten ironische oder sarkastische Pfeile gegeneinander abschießen. Obschon in der Schweiz seit 2000 keine Gründe mehr für eine Scheidung angegeben werden müssen, sickern diese in den meisten Fällen dennoch durch. "Die Scheidungen laufen meistens nach dem gleichen Schema ab", sagt Breidenstein. "Man hat sich auseinandergelebt, weil jeder zu stark mit sich selbst beschäftigt ist und nicht mehr spürt, wo sich der andere emotional befindet. Daraus folgt, dass man sich nicht mehr nahe ist, und dann passieren Fehler, Verletzungen, vielleicht Beleidigungen oder Streit." Die Ehepartner rutschten langsam vom Liebespaar zur Wohngemeinschaft. Man funktioniere zwar noch als Familie, aber individuell gebe es eine wachsende Entfernung. "Häufig sucht sich ein Partner irgendwann eine Beziehung an einem anderen Ort, die aber eigentlich gar nicht der Grund für die Scheidung ist", sagt Breidenstein.

Dürfen Richter Mitleid haben? "Ja, es ist traurig, zuzusehen, wie Männer und Frauen weinen und sich nicht erklären können, wie es so weit kommen konnte", sagt Meuter. Sie hat auch eine Erklärung dafür, warum sich Frauen häufiger scheiden lassen, nämlich in 56 Prozent aller Fälle. "Frauen analysieren die Befindlichkeit zu Hause häufiger." Sie würden sich öfters fragen, ob sie geschätzt würden. "All das Emotionale ist bei den Frauen wichtiger. Bei Männern muss eher das Rundherum stimmen", etwa, ob die Wohnung geputzt sei oder das Abendessen pünktlich zubereitet.

Trotz alldem findet die erfahrene Richterin die Institution Ehe weiterhin als sinnvoll. "Nicht die Rechtsform ist das Problem, wenn eine Beziehung auseinanderbricht, sondern die Einstellung der Leute, wie sie die Ehe und ihr Verhältnis zum Partner sehen." In den langen Korridoren leuchtet nur noch ein schwaches Licht, das Wartezimmer ist jetzt leer. Die Verhandlung hat begonnen. "Es ist wichtig, eine Scheidung in Zukunft nicht nur als Scheitern anzusehen, sondern auch Chance für einen Neuanfang", sagt Meuter. "Dann könnten viele Leute besser damit umgehen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die ganze Palette der Gefühle
Autor
Aline Metzler
Schule
Kantonschule Limmatal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2013, Nr. 100, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180