Sie kam und blieb, denn sie war schließlich verliebt

Als ich 1984 das erste Mal nach Deutschland zog, war ich total überrascht und ein wenig enttäuscht. Denn so wie Kiel hatte ich mir eine typische deutsche Stadt nicht vorgestellt", sagt Toni Stolzenberg. In ihrem Kopf hatte sie das Bild von Fachwerkhäusern und grüner Idylle. "Trotz der für mich skandinavisch und englisch wirkenden Hafenstadt habe ich mich sofort wohl gefühlt." Für die damals 20-Jährige war es nicht der erste Deutschland-Besuch, denn seit ihrem zwölften Lebensjahr hatte sie eine Brieffreundin in Hamburg, der sie regelmäßig einen Besuch abstattete. "Heute klingt es selbst für mich etwas seltsam, aber was mich damals so von diesem Land überzeugte, waren die vielen Kerzen, die man auch zu Hause in seinen Zimmern anzündete." In England habe es dies nicht gegeben, genauso wenig wie die Krimskrams-Läden, in denen man Duftkerzen erwerben konnte.

Die zierliche 48-Jährige mit blonden schulterlangen Haaren sitzt in ihrem gemütlichen Wohnzimmer. "Ich habe mich schon immer für die deutsche Sprache interessiert und viel Spaß beim Lernen gehabt. Denn ich empfinde sie als eine sehr schöne und gar nicht harte Sprache." Nach ihrem Abitur im nördlichen England studierte sie Russisch und Deutsch in Durham. Während ihres Auslandsjahrs unterrichtete sie an einem Gymnasium in Kiel Fremdsprachen. "Bei meinem ersten Telefonat mit meinem zukünftigen Vermieter hatte ich mir alles genauestens aufgeschrieben, da ich damals sehr ungern auf Deutsch telefonierte, und war vorbereitet, ihn mit allen seinen Titeln, denn er muss wohl ein studierter Mann gewesen sein, anzureden. Nachdem ich dies dann getan hatte, sagte er nur: ,Moin, moin, ich heiße Wolfgang'", lacht Toni noch heute.

Der Professor ließ sie und zwei weitere Auslandsschüler zwar bei sich wohnen, kümmerte sich aber wenig um sie. Dann hatte Toni das Glück, bei einer anderen Familie unterzukommen. Dort durfte sie kostenfrei im Keller wohnen, allerdings unter der Bedingung, dass sie ihn renovierte und mit Möbeln bestückte. "Daraufhin kannte ich nach meinen ersten zwei Wochen in Deutschland den örtlichen Baumarkt auswendig und war stolz, als erste neue Vokabel Holzschutzlasur gelernt zu haben." Bald begegnete sie einer deutschen Variante der Müllentsorgung. "Ich war begeistert, mit wie wenig Geld ich damals den Kellerraum gestalten konnte. Anscheinend war es gerade Zeit für Sperrmüll. Und so suchte ich mir alle möglichen Möbelstücke auf eine etwas andere Art und Weise aus." Damals lernte sie auch ihren Mann kennen, der ihr als Betreuer der Fremdsprachenassistenten im Großraum Kiel geschrieben hatte und mit "Herr Stolzenberg steht Ihnen zur Verfügung" endete. "Als wir uns das erste Mal trafen, war es sozusagen Liebe auf den ersten Blick."

Sie entdeckte ihr Talent für den Lehrerberuf, so dass sie ihre ursprüngliche Idee, Übersetzerin in Brüssel zu werden, erst einmal auf Eis legte. In England beendete sie ihr Studium und zog 1986 zu ihrem Freund Hans-Joachim, der in Kiel sein Geschichtsstudium beendete. "Ob ich für immer in Deutschland bleiben würde, darüber haben wir nicht nachgedacht. Schließlich war ich verliebt." Dass ihre Eltern darunter gelitten haben, dass ihre Tochter für die damaligen Verhältnisse weit weg zog, wurde ihr erst später bewusst. "Auch heute bin ich noch der Meinung, dass es die richtige Entscheidung war, hier zu bleiben, auch wenn ich das spontane ,Come around for a cup of tea' hin und wieder vermisse", sagt Toni. "Ich arbeitete also zunächst als Englischlehrerin an einer Privatschule, bevor mein Mann und ich Anfang der neunziger Jahre nach Wahlstedt in die Nähe von Bad Segeberg zogen." Dort wuchsen ihre drei Kinder Felix, Domenik und Emily auf, die heute 19, 16 und 14 Jahre alt sind.

"Besonders seitdem die Kinder da sind, ist Deutschland mein Zuhause und meine Heimat. Wenn ich in England bin, dann ist das Gefühl von Zuhause natürlich auch da, aber mich hält dort nicht mehr viel. Meine Familie und der größte Teil meiner Freunde lebt in Deutschland. Zu den anderen kann man dank des Internets auch in Kontakt bleiben." Das sei nicht so wie früher, wo sie mit einem kurzen Telefonat in der Woche auskommen musste. Außerdem sei durch das Fliegen England "nur ein Augenzwinkern entfernt". So reist die Familie drei bis vier Mal im Jahr zu ihren Eltern in den Heimatort Sheffield. "Auch meine Mutter kommt. Als mein Vater noch lebte, kamen sie uns regelmäßig gemeinsam besuchen." Nur ihr Bruder habe sie noch nie besucht. "Er sagte immer, Deutschland sei ihm viel zu kalt und zu dunkel", lacht sie.

Die Kommunikation stellte noch nie ein Problem dar, da die Kinder der Familie zweisprachig erzogen wurden. "Felix hat, da er der Älteste ist, das am meisten nutzen können, da ich mit ihm noch etwas mehr Zeit hatte. So richtig wichtig war es ihm aber nicht, zumindest nicht so lange, bis die Harry-Potter-Bücher erschienen." Denn da er perfekt Englisch sprach, konnte er seine Nase schon vor seinen Freunden in die Bücher stecken, die sehnsüchtig darauf warteten, bis die deutsche Version erschien.

"Wenn ich mit fremden Leuten etwas länger rede, so fragen sie meist erst nach längeren Gesprächen, was mit mir nicht in Ordnung wäre. Dass ich aus England komme, darauf kommen die wenigsten", grinst sie. "Nur bei den Redewendungen, da kann ich auch nach 28 Jahren in Deutschland immer noch etwas dazulernen. Wir saßen als Familie am Esstisch als ich laut sagte: Du hast doch nicht mehr alle Socken im Schrank."

Durch die Kulturunterschiede gibt es ein ganz besonderes Weihnachtsfest. "Wir feiern Weihnachten bei meinen Schwiegereltern mit traditionellem Essen und besinnlicher Stimmung. Ein wenig konservativ, so wie die Deutschen halt manchmal sind." Sie schmunzelt. Am nächsten Morgen hängen dann an den Betten der Familienmitglieder "stockings", gefüllt mit Geschenken, es gibt etwas Englisches zum Mittag und es wird fröhlich gefeiert. So, wie Toni es als Kind kennengelernt hat.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie kam und blieb, denn sie war schließlich verliebt
Autor
Lea-Sophie Zwoch
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2013, Nr. 100, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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