Aufhören zu verdrängen

In ihrer Schule wurde die nationalsozialistische Vergangenheit totgeschwiegen. Das störte Helma Kilian. Sie erinnert an das Leben der im Zweiten Weltkrieg deportierten und ausgewanderten Juden aus Gambach, einem Dorf in der Wetterau.

Am meisten liegt mir daran, die Erinnerung an die geflohenen Juden aufrecht zu erhalten." Ohne auch nur einen Moment nachzudenken oder Daten in ihren gesammelten Aufzeichnungen nachzuschlagen, erzählt Helma Kilian mit fester Stimme und durchdringendem Blick die vielen bewegenden Geschichten der Juden, die aus Gambach fliehen mussten und sich an den verschiedensten Orten der Welt eine neue Existenz aufgebaut haben.

Angefangen haben ihre Recherchen bei den Ursprüngen der Hausnamen ihres Heimatdorfes Gambach in der Wetterau. Die ehemalige Postangestellte durchstöberte die Bedelisten von 1808, in denen festgelegt war, wie viele Steuern jeder Dorfbewohner zahlen musste, und stellte fest, dass die Menschen damals noch keine Straßennamen kannten, sondern den Häusern einzelne Nummern und Namen gaben, die abhängig von der Familie waren, die das Haus bewohnte. Ein Beispiel für einen solchen Namen ist "Jirrekäths", der sich von der Jüdin Katharina ableiten lässt. Der Begriff Bedelisten leitet sich von dem früheren Wort Bede ab, was Geld- oder Naturalabgabe bedeutet. 1867 tauchten zum ersten Mal Straßennamen in schriftlichen Quellen auf, doch dank mündlicher Überlieferung haben sich die Häusernamen bei alten Gambachern bis heute gehalten. Über die Hausnamen stieß Kilian auch auf jüdische Namen, mit denen sie sich weiter beschäftigte.

"Ende der achtziger Jahre begegnete ich auf der Straße einem Mann, der mich nach dem Haus der Bambergers fragte", berichtet Helma Kilian. Es war der Sohn einer aus Gambach geflohenen Familie, der auf der Suche nach seinen Wurzeln war. Sie zeigte ihm das Haus und unterhielt sich lange mit ihm. Seit diesem Tag versucht Helma Kilian die Geschichte jeder jüdischen Familie in Gambach aufzuschreiben, um auch den Angehörigen der Geflohenen ein Stück ihrer Vergangenheit zurückzugeben. Im November 2007 fand in Gambach eine Ausstellung über das Leben der Juden statt, die Helma Kilian mit vielen anderen an der Ortsgeschichte interessierten Bewohnern organisierte. Die Ausstellung fand im ganzen Dorf viel Zuspruch, besonders bei den älteren Menschen, die die geflohenen Juden teilweise aus Erzählungen von Verwandten und Freunden noch kannten.

Auf der anderen Seite löste sie aber auch sehr viel Empörung darüber aus, was den Mitmenschen zu dieser Zeit angetan wurde. Der 88 Jahre alte Benno Löwenstein, ein alter Gambacher, der heute in Argentinien lebt, erzählt auf einer bewegenden und aufrührenden CD, die während der Ausstellung einige Male abgespielt wurde, welche Erinnerungen er noch an Gambach besitzt und wie er als kleiner Junge die Flucht ins Ausland miterlebte.

Helma Kilian hat bis heute Kontakt zu ihm. Sie setzte sich auch in seinem Namen dafür ein, dass das Grab seiner Mutter auf dem jüdischen Friedhof Gambach gesäubert wurde und in Stand gehalten wird. Obwohl Herr Löwenstein als Junge aus Deutschland floh, hat er die deutsche Sprache nie völlig verlernt. "Bedauerlicherweise sind sehr viele amtliche Unterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus zerstört", erklärt Helma Kilian resigniert. Trotzdem kann man heute sicher sein, dass 30 Gambacher Juden deportiert und ermordet wurden. Wie sehr diese Zahl erschreckt, spürt man an der Stimmung des Gesprächs, die mit einem Mal eiskalt wird. In den Jahren 1949 bis 1955 besuchte Kilian das Gymnasium in Butzbach. "In der Schule wurde die Vergangenheit totgeschwiegen. Darüber gesprochen wurde einfach nicht viel", bedauert sie. Dies ist auch ein Grund, warum sie es sich bis heute zur Aufgabe macht, diese Zeit und das Unfassbare, was geschah, aufzuarbeiten.

Helma Kilian steht im ständigen Kontakt mit 15 Angehörigen der geflohenen Juden, sei es über Briefe oder Telefon. Bei den Versuchen, Kontakt mit den Angehörigen oder sogar direkt mit den Geflohenen aufzunehmen, gab es allerdings auch Rückschläge. Viele sind verschlossen und nicht bereit, über das Geschehene zu reden. Andere haben alles verdrängt, um so auch die Wunden und Schmerzen zu vergessen. Besonders bei der Befragung der älteren Dorfbewohner ist sie oft auf Schweigen gestoßen. Sei es aus Angst, Scham oder mangelndem Interesse. "Feindschaft oder Hass von Seiten Geflohener ist mir noch nie widerfahren. Sie machen zum größten Teil nicht die Deutschen allgemein für das verantwortlich, was passiert ist. Es scheint fast, als wären die Menschen dankbar, nicht einfach vergessen zu werden."

2004 besuchte die engagierte und aufgeschlossene Frau mit ihrem Mann die von Gambach auf die Philippinen ausgewanderte jüdische Familie Hahn. Durch vorangegangenen Briefkontakt kam es zu diesem Treffen, das Kilian die Lebensgeschichte dieser Familie noch einmal näherbrachte: Fritz Hahn betrieb in Gambach eine Autowerkstatt, die in der früher sogenannten Reichskristallnacht von den Nazis vollkommen zerstört wurde. Bei der Verwüstung verletzte sich einer der Täter und starb später an diesen Verletzungen. Der unschuldige Fritz Hahn musste für die Arztkosten des dann Verstorbenen aufkommen.

Einige Zeit später wurden alle Gambacher Juden zwischen 17 und 70 Jahren in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Unter ihnen war auch Fritz Hahn. Nach seiner Entlassung wanderte er 1939 mit seiner Familie auf die Philippinen aus. Dort baute er sich eine völlig neue Existenz auf. Heute noch leitet sein Sohn Alfred Hahn eine gutgehende Autoproduktionsfirma in Manila.

Helma Kilian beschreibt diese Begegnung als schön, und es macht sie sichtlich froh, dass diese Menschen an einem anderen Ort der Welt glücklich leben und das trotz des vielen Unglücks und der Ungerechtigkeit, die ihnen angetan wurde. Die 75-Jährige hat ihre gesammelten Geschichten über die Juden in Gambach als Dokumentation "Jüdisches Leben in Gambach 1629-1942" herausgebracht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Aufhören zu verdrängen
Autor
Isabelle Schilling
Schule
Weidigschule , Butzbach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2013, Nr. 106, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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