Durch das Gelände fahren Kampfpanzer

Viel trinken, trinken, trinken, sagt der Israeli mit dem dunkelbraunen Cowboyhut und dem blauen T-Shirt, nachdem er die vier deutschen Touristen willkommen geheißen hat. Das Trinken sei lebenswichtig, sonst würde man hier in der Wüste innerlich austrocknen, ohne es zu merken, erklärt er. Es ist ein trockener Sommermorgen mit Temperaturen von über 20 Grad Celsius. Die Gruppe, bestehend aus dem Israeli, seiner Frau und den zwei Kindern und den zwei Erwachsenen aus Deutschland, befindet sich am Rand der Wüste Negev, an einer Autobahntankstelle vor Be'er Sheva. Die Stadt wird auch das Tor zur Wüste genannt. Der Israeli, der die Gruppe führt, heißt Dvir Efrat. Mit ihm brechen sie zu einer Reise durch halb Israel auf, vor ihnen liegen 300 Kilometer Wüste. Efrat hatte der Familie - mit dem Vater steht er geschäftlich in Kontakt - schon lange angeboten, einen Teil seines Landes zu zeigen, das für viele immer nur in Verbindung mit militärischen Konflikten gesehen wird.

Am Rand der Straße stehen Beduinenzelte. Efrat, der als Verkaufsrepräsentant für eine deutsche Firma in Israel tätig ist, erklärt: "Auch wenn sie den einfachen Lebensstil bevorzugen, lassen sich die Beduinen mittlerweile auch in Städten nieder. Einige von ihnen sollen vermögend sein."

Sie passieren Be'er Sheva in östlicher Richtung. Das Bild wechselt von Sanddünen zu einer steinigen, kargen Landschaft. Der Verkehr nimmt ab. Nur noch selten sieht man ein anderes Auto. Bei einem Zwischenstopp geht es zu Fuß durch eine kleine, grüne Oase mit wilden Ziegen, bis zu einem Steinplatz: Vor ihnen liegt ein gigantisches Wüstental. "Wer das gesehen hat, muss sich nicht mehr den Grand Canyon anschauen", sagt ein junger Tourist mit karierten Shorts überwältigt.

Dieser Ort namens Midreshet sei von großer Bedeutung für das israelische Volk, sagt Efrat. Dabei zieht er eine Flasche Wasser aus dem Rucksack und nimmt einen kräftigen Schluck. In der Mitte des Platzes liegen zwei Steingräber, in der Inschrift kann man den Namen David Ben- Gurion lesen. Auf seinen Wunsch hin wurde er hier zusammen mit seiner Frau begraben. Es war sein Lieblingsplatz in der Negev. Der erste Premierminister Israels liebte die Ruhe der Wüste. Er regierte über zwei Amtsperioden und wurde vom Times Magazine zu einer der wichtigsten Personen des 20. Jahrhunderts gewählt. Zu dieser Ehre kam er unter anderem aufgrund seiner Tätigkeit als Premierminister, Verteidigungsminister und Gründer der Rafi-Partei und Nationalen Liste.

Auf der Weiterfahrt sieht die Gruppe auf der rechten Straßenseite, mitten im Nirgendwo, ein Gefängnis mit blauen Türmen und Stacheldraht. Wer bricht hier schon freiwillig aus? Ringsum endlose Weite. Das Thermometer steigt auf 40 Grad. Hinter jeder Kurve zeigt sich die Landschaft anders, immer aber eindrucksvoll. Einige Kilometer führt die Straße an einem Luxushotel vorbei und dann zwischen zwei Felswänden hindurch. Dahinter offenbart sich erneut endlose Weite.

Während der Fahrt mit dem goldenen Subaru Kombi und dem blauen Citroën C4 kommt es zu einem für die Deutschen ungewöhnlichen Ereignis. In unmittelbarer Nähe passieren sie einen Panzerübungsplatz ohne Zaun oder andere Absperrungen. Durch das offene Gelände fahren zahlreiche Kampfpanzer. Später gerät die dazugehörende Kaserne ins Blickfeld, vor deren Zufahrt ein ausrangierter Panzer in gutem Zustand steht. "Ich hoffe, ihr fühlt euch hier sicher", betont Efrat immer wieder. Er weiß um die Sorgen der Gäste. Nur wenige Tage zuvor wurde in der Nähe ein Bus mit israelischen Soldaten in die Luft gesprengt, es kam zu mehreren Toten. Daher ist es kein Wunder, dass die Anspannung groß ist. Auf dieser Route durch die Wüste sei die Gruppe sicher, da sie das Grenzgebiet zu Ägypten, also die Zone des Anschlags, meidet. Die Präsenz der Armee ist hier an jedem Ort spürbar. Sie ist für jeden Israeli Teil seines Lebens. Sowohl Männer als auch Frauen werden für zwei bis drei Jahre zum Militärdienst eingezogen. Nach Feierabend trifft man selbst bei McDonald's Soldaten mit dem Sturmgewehr. Wer hier in einer Mall einkaufen will, wird zwangsläufig wie am Flughafen kontrolliert.

Gegen Mittag rastet die Gruppe an einer Straßenkreuzung in einem von Palmen umgebenen Restaurant. Hier gibt es Gebäck, Joghurt und Säfte aus eigener Herstellung mitten in der Wüste. Zahlreiche Soldaten suchen im Schatten der Palmen Schutz vor der Sonne. Manche erholen sich auf Feldbetten. Ihr Auftrag ist nicht, das Restaurant zu überwachen oder gut zu essen, sondern die Straße zu sperren. In 30 Kilometer Entfernung befindet sich die Grenze zu Ägypten, wo der Terroranschlag stattfand. Der nächste Stopp ist in einem Wadi. Wenn es mal regnet, entwickelt sich das Trockental innerhalb kürzester Zeit zu einem reißenden Fluss. "Schaut euch die Steine an, sie sind abgerundet wie in einem Flussbett."

Weiter südöstlich erreicht die Gruppe das Grenzgebiet zu Jordanien. Die Grenze verläuft im Jordantal in ein bis vier Kilometer Entfernung von der Straße. Hinter der Grenze ragt eine gewaltige Bergkette empor. Erneut wird Militär gesichtet: diesmal Flugabwehrposten und ein Grenzkontrollfahrzeug.

In Eilat im Golf von Aqaba am Roten Meer liegt der südlichste Punkt Israels und das Reiseziel der Gruppe. Der beliebte Ferien- und Badeort mit vielen Hotels ist von strategischer Bedeutung für Israel. Selbst wenn der israelische Küstenstreifen kaum zwölf Kilometer lang ist, gilt Eilat im Vierländereck von Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien und Israel als Tor nach Asien. "Ab ins kühlende Meer", fordert Efrat zum Abschluss auf, die Deutschen lassen sich nicht zweimal bitten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Durch das Gelände fahren Kampfpanzer
Autor
Philipp Weiß
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2013, Nr. 106, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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