Ein Hauch Karibik und die Alpen im Hintergrund

Neuseeland gilt als das Paradies auf Erden. Auch die Deutsche Ute Schnackenberg unterlag diesem Zauber: "Die Strände ähneln der Karibik, während dir die Berge gleichzeitig das Gefühl geben, in den österreichischen Alpen zu sein. Es ist wie ein einziger Traum." Seit vier Jahren lebt die Schwäbin in Auckland, der mit knapp 1,4 Millionen Einwohnern größten Stadt. "Ich weiß noch genau, dass ich hier zuvor Urlaub gemacht hatte und schlichtweg überwältigt war. Danach wollte ich nur noch hierher ziehen", sagt die blonde Mittvierzigerin. "Ein Jahr später hatte ich meinen Plan verwirklicht." Doch nicht nur Deutsche suchen sich in Neuseeland ein neues Zuhause. "Mehr als 30 Nationalitäten arbeiten bei uns", berichtet Martin Schneider, Vorstand eines deutschen Unternehmens, der seit 25 Jahren in Auckland lebt. Als Gründe für die Beliebtheit Neuseelands nennt Wendy Kozel, die vor 47 Jahren aus Amsterdam fortgezogen ist, neben der Schönheit des Landes vor allem die englische Sprache und die Offenheit der Menschen, was das Einwandern erleichterte. Dass es jedoch nicht immer freiwillig vonstattengeht, kennt sie aus eigener Erfahrung: "Ich wollte damals nicht weg. Ich war 17 und hatte viele Freunde zu Hause, als meine Eltern plötzlich entschieden auszuwandern. Ich konnte weder Englisch, noch hatte ich große Lust, die Einheimischen kennenzulernen, da ich meine Freunde vermisste. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens." Ihr Blick schweift über Meer und Wälder: "Aber jetzt würde ich für nichts auf der Welt von hier wieder weg wollen." Nun wohnt die 1,63 Meter große Frau in einem Vorort von Auckland mit ihrem Mann Richard, 66, und ihren drei Söhnen. Wenn sie am Wochenende an den Strand fahren, strahlen ihre blauen Augen. "Es ist hier viel ruhiger als in meiner Heimat; überall ist viel Plat,z und die Menschen leben weit verteilt", sagt Shizue Marshall. Mit ihren schwarzen Haaren und einer Körpergröße von 1,55 Metern fiel die Japanerin anfangs noch unter den Einwanderern auf, doch nun kommen die meisten Einwanderer aus Asien. Sie fliehen vom Lärm der heimischen Großstädte und der wachsenden Arbeitslosigkeit. So drängen sich immer mehr chinesische Take-Aways neben deutschen Bratwurstständen an den Straßen Aucklands. "Die Europäer sehen wir gerne. Sie sind qualifizierte Fachleute, die unseren Wohlstand fördern", sagt der Neuseeländer Grant Plasted, "während die Asiaten oft kein Englisch sprechen können. Sie finden dann keinen Job, und wir müssen für sie bezahlen." Er wohnt in der Innenstadt und arbeitet bei einer nationalen Bank, wo viele Arbeitsplätze durch Einwanderer besetzt worden sind. Neben den Einwanderern versucht sich noch eine andere Bevölkerungsgruppe in die Gesellschaft zu integrieren: die Maori. Sie sind die Ureinwohner, die seit der Niederlage gegen die weißen Eroberer viel von ihrer Kultur einbüßen mussten. "Vor allem der Verlust unserer Sprache, indem es uns verboten wurde, sie an den Schulen zu unterrichten, hat uns hart getroffen", sagt Zara Pomare. Ihre Eltern sind Maori und leben in Roturua, 200 Kilometer von Auckland entfernt. Sie ist nach Auckland gezogen in der Hoffnung, dort Anschluss an die westliche Welt zu finden. "Meine Tradition ist mir wichtig, doch man muss auch nach vorne schauen." Die Kette, die sie stolz um ihren Hals trägt, ist ein Familienerbstück. "Damit ich mich immer an meine Ahnen erinnere." Wie ihre Brüder hat sie den stattlichen Körperbau ihrer Vorfahren geerbt, den viele Maori nutzen, um beim Rugby, dem Nationalsport, ihr Glück zu versuchen. Lächelnd zeigt sie die Narben auf ihrem Arm, die vom Rugbyspielen mit ihren Brüdern entstanden sind. "Mein größter Traum ist es, eines Tages für die All Blacks der Nationalmannschaft zu spielen", sagt ihr Bruder. "Ich will in Auckland studieren und mich danach selbständig machen", erklärt seine 20-jährige Schwester. Dabei profitiert sie von den Subventionen der Regierung, die den Maori die Bildung finanziert. Dies sorgt bei manchem Neuseeländer für Unmut: "Von unseren Steuergeldern wird deren Bildung finanziert. Lange mache ich da nicht mehr mit", beschwert sich Grant Plasted mürrisch. Diese Meinung überraschte Ute Schnackenberg: "Es ist schon komisch, wenn man ans andere Ende der Welt fliegt und dort auf dieselben Probleme trifft wie zu Hause. Aber irgendwie ist es doch anders. Ich denke, dass liegt an der Offenheit der Menschen. Es ist hier alles viel einfacher als drüben in Deutschland." Geschichtslehrer Brandon Marshall erklärt dieses Phänomen so: "Die Verschlossenheit in Deutschland und anderen europäischen Ländern liegt an deren langjähriger Tradition. Neuseeland ist noch sehr jung. Selbst die Maori sind eigentlich nur Einwanderer, die vor 700 Jahren die damalige neuseeländische Bevölkerung vertrieben haben." Marshall ist seit 1982 mit der Japanerin Shizue verheiratet. "Anfangs waren wir noch eine Seltenheit. Eine Beziehung zwischen einer Japanerin und einem Neuseeländer sei undenkbar, behaupteten meine Eltern, als ich ihnen meine Verlobte vorstellte. Doch nun findet man immer mehr interkulturelle Familien. Die oft proklamierten Unterschiede zwischen den Kulturen sind gar nicht vorhanden. Viele Vorurteile sind nur durch den Medienhype entstanden. Letztendlich", sagt er mit einem Zwinkern, "stammen wir doch alle von den Affen ab."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Hauch Karibik und die Alpen im Hintergrund
Autor
Patrick Agte. Internatsschule Schloss Hansenberg, Geisenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2010, Nr. 226 / Seite N6
Projekt
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