Manche Sänger haben alle zwei Wochen eine andere Figur

"Wir erfinden alle Dinge neu, weil wir im Theater etwas Einzigartiges repräsentieren wollen", schwärmt die Gewandmeisterin des Stuttgarter Staatstheaters von ihrem Beruf zwischen Premieren und Wiederaufnahmen. Meist arbeitet die Damenschneiderei gleichzeitig an Kostümen für vier Stücke. Historische Kostüme und Sänger auf Diät kosten besonders viel Mühe.

Von einer zärtlichen Hand geführt, zeichnet die weiße Kreide feine Striche auf den grau gemusterten Stoff. Durch eine markante, hellbraune Hornbrille begutachtet Susanne Weiß-Dickoré das Ergebnis. Gerade hat die 52-Jährige die Umrisse einer Jacke auf den riesigen Stoff übertragen, damit eine Sängerin der Staatsoper Stuttgart in drei Wochen in ihre Arbeitskleidung schlüpfen kann. Der schlanke Körper der Gewandmeisterin präsentiert sich im kurzen schwarzen Jersey Rock und im warnwestenorangenen Oberteil. Während ihrer Arbeit von 9.15 bis 18.30 Uhr stehen ihre zierlichen Beine fest auf dem Boden der Damengewandmeisterei der Staatstheater Stuttgart. Schon viele Tage ihrer Berufstätigkeit verbrachte sie damit, Schnitte von rosa Tutus für zierliche Gummipuppen oder von nachtblauen Empirekleidern für Frauen zu entwerfen, die mit solch voluminösen hohen Stimmen trällern, dass sie selbst von den Würmern im Wattenmeer noch gehört werden.

"Um 14 Uhr haben wir eine Anprobe mit der Opernsolistin Diana Haller für Nabucco", plant Susanne Weiß-Dickoré. Mit "wir" meint sie ihre Kollegen, zwei Kostümbildner, eine freiberufliche Produktionsleiterin und zwei Schneiderinnen. Die Aufgabe der ganzen Mannschaft ist es, das Kostüm das erste Mal der Sängerin anzuprobieren, um Ausbesserungen und Anpassungen machen zu können, damit es rechtzeitig fertig ist. Denn wäre das Kostüm bis zur Generalprobe noch nicht bühnenreif, hätte dies verheerende Folgen.

"Irgendwie klappt es aber immer mit gegenseitiger Hilfe. Notfalls muss man Überstunden machen. Denn bis zur Generalprobe müssen alle Kostüme fertig sein. Dass es nicht so war, ist eigentlich noch nie vorgekommen", sagt die 30-jährige Schneiderin Astrid Kuru. Auch Silke Willrett, eine der Kostümbildner, kennt mit ihren 38 Jahren die Regeln am Theater: "Es muss ganz klare Dispositionen geben. Die Termine sind meistens ein Jahr im Voraus bekannt. Denn die Sänger singen heute hier, morgen in Rom und Weihnachten auf den Bahamas. Wir sind sehr international." Damit die Kostüme in der vorgegebenen Zeit - meistens vier bis sechs Monate für eine ganze Oper - hergestellt werden können, bedarf es einer guten Arbeitseinteilung. Dabei kann eine Inszenierung zwischen einem bis eintausend Kostüme pro Inszenierung benötigen, je nachdem, ob das Stück einen kompletten Chor oder doch nur wenige Tänzer vorsieht.

Die Kostümbildner überlegen nach Absprache mit dem Regisseur und den Bühnenbildnern, wie die Kostüme aussehen sollen. Die Gewandmeister müssen dann diese Überlegungen in Schnittmuster übersetzen und die Stoffe zuschneiden, die anschließend von den Schneiderinnen zusammengenäht werden. Der Produktionsleiter organisiert diesen ganzen Ablauf und muss bei allem den Daumen auf das Budget halten.

"Die Anprobe der Opernsolistin heute ist auf 14 Uhr angesetzt. Trotzdem müssen wir spontan sein. Sobald das Telefon klingelt und es heißt, dass sie da ist, werden wir zur Anprobe gehen müssen. Das kann pünktlich oder aber auch verspätet sein", erklärt die Gewandmeisterin. Es ist kurz nach 14.30 Uhr. Das Telefon hat noch keinen Laut von sich gegeben. Stattdessen taucht eine Frau auf, die mitteilt, dass die Opernsängerin den Anprobetermin vergessen hat und bereits nach Hause gefahren ist. Dann muss die Anprobe eben auf den nächsten Tag verschoben werden.

Dass sie flexibel sein muss, macht der selbstbewussten und lebensfreudigen Gewandmeisterin nichts aus. Das ist das, was sie an ihrem Beruf schätzt. "Jeder Tag bringt wieder eine neue Überraschung mit sich. Wir machen nie zweimal dasselbe. Wir erfinden alle Dinge neu, weil wir im Theater etwas Einzigartiges repräsentieren wollen", schwärmt Susanne Weiß-Dickoré.

Bei zwei neuen Balletten und sechs Oper-Neuproduktionen in einer Saison geht ihr nie die Arbeit aus. Dazu kommen noch zahlreiche Ballette und Opern aus dem Repertoire, für die sie und ihre Kolleginnen ständig Kostüme reparieren, modernisieren oder leicht abändern müssen, sowie viele Wiederaufnahmen, für die sie fast so viel Arbeit wie für eine Premiere investieren müssen. In der Regel arbeitet die Damenschneiderei nebeneinander an den Kostümen für vier Stücke. Ein einfaches Kleid beansprucht dabei ungefähr eine Woche, ein historisches Kleid dahingegen zwei Wochen.

Noch vor der ersten Benutzung werden andauernd Änderungen an einem Kleid vorgenommen. Susanne Weiß-Dickoré spricht aus Erfahrung: "Die Kostüme müssen oft geändert werden, nämlich dann, wenn die Sängerin beschließt, dass sie mal wieder eine Diät machen möchte, wenn sie Liebeskummer hat, wenn sie in Probezeiten großen Stress hat oder wenn eine Schwangerschaft kaschiert werden muss. Es gibt Personen die alle zwei Wochen eine neue Figur haben."

Wenn die ursprüngliche Besetzung plötzlich krank wird, muss kurzfristig das Kostüm an die Vertretung angepasst werden. "Sind die Unterschiede der Figur zu groß, müssen wir im Fundus nach etwas suchen, was sich in die Aufführung einfügt, oder etwas einkaufen." Wenn dann aber erst einmal die Kostüme für ein Stück fertig sind und sie die Generalprobe ohne Schwierigkeiten überstanden haben, können die Frauen ihre Werke entspannt aus Sicht der Zuschauer bei der Premiere in Aktion sehen.

Leider hat die Tätigkeit in der Textilverarbeitung auch seine Schattenseiten. Die Nachfrage an Gewandmeistern und Schneidern geht immer weiter zurück. Denn richtige Kundschaft gibt es in Deutschland fast nicht mehr. Nur bei großen exquisiten Modeanbietern oder am Theater kann man noch tätig sein. Selten kann man auch für Menschen mit schwierigen Figuren oder für reiche Kundschaft Abendkleider, Hochzeitskleider oder maßgeschneiderte Anzüge entwerfen und nähen.

Als Alternative bietet sich noch die Industrie, wo die Arbeit jedoch oft einseitig und monoton ist. Die 47-jährige Elvira Lorenz, eine der 18 Schneiderinnen, die heute in der Damenschneiderei der Staatstheater Stuttgart arbeiten, war zu Beginn ihrer Tätigkeit in der Industrie beschäftigt. Ihre Aufgabe war es, täglich 1600 Taschenbeutel anzufertigen, weshalb sie schnell wieder kündigte. Anschließend kam sie hier ans Theater, was sie sehr überzeugte, da sie schon immer etwas Kreatives machen wollte.

Alle Kolleginnen stimmen ihr in diesem Punkt zu. Außerdem ist es für sie alle immer ein schöner Anblick, wenn sie ihre mühevoll angefertigten Kleider an den Sängerinnen und Tänzerinnen bewundern können. Das sagt auch Gewandmeisterin Susanne Weiß-Dickoré: "Es ist vor allem ein tolles Gefühl, wenn man das Ergebnis seiner Arbeit auf der Bühne präsentiert bekommt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Manche Sänger haben alle zwei Wochen eine andere Figur
Autor
Alina Schlien
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2013, Nr. 111, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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