Sieben Stunden im Zug für den Harfenunterricht

Ich bin doch eigentlich ganz normal, nur mein Instrument ist außergewöhnlich." Mit diesen Worten beginnt die 16-jährige Jule Beck von ihrem etwas anderen Talent zu erzählen. Mit ihrer lockeren, offenen Art, ihrem großen Wissen über Musik und ihren langen Fingern wird schnell klar, dass sie nicht nur im kleinen Familienkreis ihre etwa zwei Meter große Harfe zum Klingen bringt. "Ich hatte im vergangenen Dezember locker 15 Konzerte, und die Samstage an der Hochschule für Musik in Würzburg kamen auch noch dazu", erzählt die lebensfrohe Brünette mit ihren auffällig großen, braunen Augen und den langen Haaren.

Seit Jule in den Pfingstferien 2012 die Aufnahmeprüfung für ein Vorstudium bestanden hat, pendelt sie jeden Samstag zwischen ihrem ländlichen Heimatort Roßwälden bei Göppingen und der Hochschulstadt Würzburg. Dort wird sie von Gisèle Herbet, Professorin für das Fach Harfe, unterrichtet. Das Vorstudium beinhaltet neben der Harfenkunst Musiktheorie und das Erlernen eines zweiten Instruments. "Klavierspielen sollte mir eigentlich leichtfallen, bis jetzt kann ich mich dafür aber noch nicht so begeistern", gibt Jule zu.

Während sich andere Schüler in ihrem Alter nach einer anstrengenden Schulwoche mit ihren Freunden treffen, investiert Jule den ganzen Samstag in ihr Vorstudium. Dazu gehört auch die Zugfahrt, die für Hin- und Rückfahrt allein schon sieben Stunden in Anspruch nimmt. Doch auch diese Zeit lässt sie nicht ungenutzt. Stets hat sie ein Buch bei sich und liest, worauf auch das riesige Bücherregal in ihrem Zimmer hindeutet.

Mit vier Samstagen im Monat ist es jedoch nicht getan. Damit sie mit den anderen Talenten an der Hochschule mithalten kann, sind ein bis zwei Stunden Übung am Tag das Minimum. "Trotz allem habe ich sehr viel Spaß daran. Ich mache es ja freiwillig und finde immer noch genügend Zeit für meine Freunde und andere ganz alltägliche Dinge." Um alles unter einen Hut zu bringen, muss Jule große Disziplin aufbringen. Von Montag bis Donnerstag drückt sie von 7.50 bis 16 Uhr in der Freien Waldorfschule am Engelberg bei Schorndorf die Schulbank.

Danach wird zu Hause schnell etwas gegessen, um genügend Kraft für das Üben an der Harfe, aber auch am Klavier zu haben. Jules Freizeit beginnt danach noch lange nicht. Nun setzt sie sich an den Schreibtisch und erledigt ihre Hausaufgaben oder lernt für Klausuren. Hinter diese Aufgabe kann sie nicht immer einen Haken setzen, denn an manchen Abenden ist sie für Auftritte gebucht. Diese reichen von Firmenfesten, Gartenpartys über Hochzeiten und Taufen bis hin zu Vernissagen. Um den versäumten Schulstoff aufzuholen, bleiben ihr der Freitagnachmittag und der Sonntag. Unverzichtbar die Hilfe ihrer Zwillingsschwester Inken, die dieselbe Klasse besucht. Gemeinsam möchten sie im Jahr 2016 das Musikabitur an der Waldorfschule erreichen.

Dass bei all dem Stress, der noch drei Jahre dauern wird, Zeit für ein einigermaßen normales und harmonisches Familienleben bleibt, grenzt für Jule an ein Wunder. Dies hat sie vor allem der großen Unterstützung der gesamten Familie zu verdanken. "Meine Mama ist die Managerin und Papa mein Chauffeur." Leider kann die zierliche Jule ihre 40 Kilogramm schwere Harfe nicht selbst von einem Ort zum anderen bewegen. Hierfür sind der Papa und ein großes Auto vonnöten. Die jeweilige Gage wird meistens am Telefon ausgehandelt, doch "das tu ich nicht so gerne, deswegen übernimmt es meine Mama". Auch Zwillingsschwester Inken wird oft mit eingebunden, während ihre kleine Schwester bislang noch nicht involviert ist. "Inken begleitet mich oft bei Konzerten mit ihrem Cello, Rieke war, glaube ich, erst einmal dabei." Ihr Opa unterstützt sie des Öfteren finanziell. Doch den Großteil ihrer teuren Instrumente versucht Jule selbst zu finanzieren. Jeden Cent, den sie bei Konzerten verdient, ihre Ersparnisse sowie ihre Preisgelder wandern in einen großen Topf, der für die Abzahlung der 13 500 Euro teuren Harfe und des Klaviers verwendet wird. Auch ihre Privatstunden in Würzburg, die sie vor dem Vorstudium nahm, wurden bis auf eine von ihr selbst bezahlt. "Bei der letzten ging mir das Geld aus, und meine Eltern mussten sie bezahlen, aber insgesamt versuche ich ihnen so wenig wie möglich auf der Tasche zu liegen." Zwar wäre es für die Eltern kein Problem, die Kosten zu übernehmen, dennoch finden sie es bemerkenswert, dass Jule in dieser Hinsicht so selbständig ist und versucht, alles selbst zu bezahlen. Ihre Mutter arbeitet als Sekretärin bei einem Automobilkonzern, ihr Vater ist Vertriebsingenieur.

Die Idee, Harfe zu spielen, kam ihr während eines Konzertbesuches mit ihrer Mutter. Damals war Jule gerade mal sieben Jahre alt, ihren Eltern nach zu jung für die Harfe, deshalb ließen sie sie zwei Jahre lang Leier spielen. Mit zehn Jahren konnte sie sich endlich durchsetzen, woraufhin ihr Vater einen Baukurs für Harfen besuchte. So entstand ihre erste eigene Harfe und die große Leidenschaft. "Irgendwann wurde mir meine Harfe mit vier Oktaven zu klein, und ich stieg auf eine sechsoktavige Harfe um. Auf dieser spiele ich heute noch."

Mit diesem Instrument hat sie schon viele nationale und internationale Erfolge erzielt. Beispielweise erreichte sie den ersten Platz auf Regional- und Landes- sowie den zweiten Platz auf Bundesebene des Wettbewerbs "Jugend musiziert". Trotzdem sagt Jule: "Wettbewerbe sind nicht alles, viel wichtiger ist es für mich, Spaß an der Sache zu haben."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sieben Stunden im Zug für den Harfenunterricht
Autor
Jennifer Anders, Tabea Knoblauch
Schule
Justus-von-Liebig-Schule , Göppingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2013, Nr. 111, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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