Wir fahren in den Wald

Frühmorgens treffen sich die Schüler. Sie wandern durch den Pfälzerwald zu einer Hütte und gönnen sich erst mal eine Weinschorle. Das gefällt ihnen besser als Diskothekenbesuche.

Samstag Morgen um 5.30 Uhr in der Pfalz. Normalerweise die übliche Uhrzeit, um ins Bett zu gehen. Aber heute wird ausnahmsweise aufgestanden. Nach einem schnellen Frühstück geht es los: Heute wird gewandert im Pfälzer Wald. Was sich wie die Wochenendaktivität eines Frührentners anhört, ist der Plan dreier Jugendlicher. Zunächst steht eine kurze Busfahrt auf dem Programm, es geht über Landau nach Frankweiler. Wie die Gruppe so an der Haltestelle wartet, ist nicht gleich zu erkennen, dass sie wandern will. Mit den Rucksäcken, Jeans und Turnschuhen könnte für die 18-Jährigen auch eine Fahrt zur Schule anstehen.

Doch die Vorfreude in den Augen lässt auf mehr schließen. "Auf der Hütte essen wir erst mal Leberknödel mit Sauerkraut", rufen zwei Teilnehmer voller Vorfreude, hier selbstverständlich dialektbereinigt. "Warum sich erst samstagabends treffen, wenn man doch schon vormittags was unternehmen kann", sind sie sich einig. Zwischen die von der Gruppe mittlerweile als langweilig empfundenen Diskothekenbesuche soll sich heute ein traditioneller und abwechslungsreicher Ausflug mischen.

Das Ziel ist die Pfälzer-Wald-Hütte Landau, die, zwischen Eichen, Buchen und Kastanien auf einer Anhöhe im Haardtrand gelegen, an den Wochenenden viele Wanderer mit ihrem gastronomischen Angebot lockt. Überall im Wald trifft man Wanderer aus allen Regionen Deutschlands. Es wird neben dem pfälzischen auch im rheinländischen, hessischen und badischen Dialekt gegrüßt, einige fragen nach dem Weg. Mit manchen gibt es ein Wiedersehen auf der Hütte. Um diese so früh wie möglich zu erreichen, marschiert die Jugendgruppe sofort los, als sie im beschaulichen Weinstraßenort Frankweiler angekommen ist. "Zum Glück habe ich eine Jacke dabei", spricht der groß gewachsene, auf jede Situation vorbereitete Thomas aus, was im Wald alle denken. Der milde Sonnenschein dringt an diesem frischen Samstagmorgen noch nicht durch das Blätterdach. Vorbei geht es an einem alten Gehöft entlang eines Bachlaufes das Tal hinaus. "Das sollte man eigentlich öfter machen", sagt der blonde, stets Tatendrang versprühende Max, nachdem er einen tiefen Atemzug der klaren Luft eingesogen hat. "Kurze Pause!", sind sich alle einig, als sich nach einer Biegung die erste Steigung offenbart. Nachdem jeder eine Brezel gegessen und etwas getrunken hat, nehmen sie die letzte Etappe in Angriff. Schon bald erscheint hinter einer Biegung die Hütte. Die Tische im Freien werden gerade trocken gewischt und die letzten Fensterläden geöffnet. "Hat jemand Durst?" Diese Frage ist wohl eher rhetorisch gemeint, alle holen sich erst einmal eine Weinschorle im Pfälzer Schoppenglas. Bald treffen andere Wanderer ein.

Ein älteres Ehepaar entdeckt das Schild "heute Zwiebelkuchen". Das könnten wir uns auch holen, beschließt die Gruppe und ändert ihre Pläne fürs Mittagessen. "Um die Mittagszeit ist hier immer viel los", erklärt ein Wanderer am Nachbartisch. Obwohl draußen mittlerweile drei Viertel der Tische belegt sind, kommt es hinter der Theke nicht zu Hektik und davor nicht zu Warteschlangen. Der gastronomische Betrieb der Wanderhütten wird seit jeher von den Mitgliedern des Pfälzerwald-Vereins übernommen. Alles läuft eingespielt. "Dreimal Zwiebelkuchen", ruft der Mann hinterm Tresen in die Küche und lässt den Wein aus dem Kanister. Bei einem Rundumblick fallen hauptsächlich Gäste im Rentenalter und junge Familien auf. Die einen machen eine Mountainbiketour, andere eine Wanderung.

Gerade trifft eine Gruppe Wanderer aus dem Rheinland ein und nimmt am Nachbartisch Platz. "Und was studieren Sie so?", fragt eine Frau und ist erstaunt, dass alle noch Schüler des Landauer Eduard-Spranger-Gymnasiums sind. "Wir sind aus Düsseldorf", erzählt sie, "und extra hierhergekommen, weil wir das gemütliche Ambiente einfach toll finden." Am Nachmittag müssen die Jugendlichen los, der Abschied fällt mindestens genauso schwer wie der Abstieg.

Es ist nicht nur um einiges kühler geworden, sondern auch bewölkter und fängt leicht an zu nieseln. Der Rückweg ist dabei nicht einfach der lästige Teil des Nach-Hause-Gehens. Viele Leute lernt man erst dort kennen. Die meisten fragen nach dem Weg, vergewissern sich, ob sie noch richtig sind, oder wollen wissen, wie lange sie noch laufen müssen. "Sie kommen wohl auch von der Hütte", stellt ein entgegenkommendes Pärchen fest. Nach kurzem Gespräch über das Wetter geht wieder jeder seines Weges. An der Bushaltestelle setzt leichter Regen ein. Jetzt ist doch jeder froh, bald zu Hause zu sein. Trotzdem möchten alle so schnell wie möglich eine Neuauflage dieses Tages.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wir fahren in den Wald
Autor
Benedikt Holl
Schule
Eduard-Spranger-Gymnasium , Landau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2013, Nr. 116, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180