Schrauben in luftiger Höhe

Von hier oben sieht alles so klein aus, man denkt, das ganze Land überblicken zu können." Mit diesem Gefühl steht Thomas Kirsch in mehr als 100 Metern Höhe. Der 48 Jahre alte Elektriker ist bei der Firma Juwi im rheinhessischen Wörrstadt unter anderem für die Wartung von Windrädern zuständig.

Von außen sieht man die Rotorblätter, die Gondel und den Turm. Dieser erweckt den Anschein, als könne man sich darin kaum bewegen, doch Thomas Kirsch erklärt: "Der Turm verläuft zwar nach oben hin schmaler, aber man hat immer reichlich Platz, um sich zu bewegen. Der ganze Turm ist erleuchtet und muss mit einem Notbeleuchtungssystem ausgestattet sein, damit ich auch bei einem Stromausfall mit Licht wieder hinuntersteigen kann. Man steigt an immer versetzten Stufen den Turm hinauf, aber nur mit Sicherung und zu zweit." Kirsch beschreibt die gängigste Bauform der Windräder. 100 bis 130 Meter hoch und mit neuester Technik ausgestattet können sie 850 bis 1000 Haushalte mit Strom versorgen.

Wenn eine Anlage nicht von einer neueren mit einer besseren Technik und höherer Stromerzeugung ersetzt wird, kann sie bis zu 25 Jahre halten, wenn sie regelmäßig gewartet wird. Und das ist Kirschs täglicher Job: "Bei der Wartung muss ich mich streng an ein Protokoll halten, dabei werden die Elektrik, Werte, Schrauben, der Motor und all das, was an einem Windrad kaputtgehen könnte, überprüft. Wenn etwas kaputt ist, können wir es meist reparieren. Dass ein Windrad so kaputtgegangen ist, dass es unbrauchbar wurde, kam bei mir noch nicht vor." Besonderen Wert lege man auf die Sicherheit. "Man würde nie allein oder ohne Sicherung den Turm hinaufsteigen. Denn es klingt erst einmal nicht so gefährlich, eine Leiter hochzuklettern. Aber wenn man bedenkt, dass diese Leiter hundert Meter in die Höhe geht, denkt man doch noch einmal darüber nach."

Am Tag schafft Kirsch zwei bis drei Anlagen. Ist die Sicherung angebracht, steigt er mit einem Partner die Stufen bis ganz nach oben hinauf und überprüft alle Werte, kontrolliert Schrauben und zieht sie wenn nötig nach. Er sieht nach der Elektrik und nach dem Motor und repariert, was zu reparieren ist. Ist alles im Protokoll Vorgeschriebene abgearbeitet, steigen die beiden wieder runter und fahren zum nächsten Windrad. Diese Untersuchung wird bei jeder Anlage zweimal im Jahr gemacht, die Kontrolle außen am Windrad alle zwei Jahre. Diese Wartung ist ein wenig komplizierter und aufwendiger. Zuerst steigen die beiden innen den Turm hoch und befestigen die Drahtseile für die Seilbühne. Diese ist an vier Seilen befestigt. Dann geht's runter vom Turm, um danach direkt wieder mit dem Aufzug hinaufzufahren, diesmal allerdings an der Außenseite des Windrads. Oben angekommen werden die einzelnen Rotorblätter gründlich auf Haarrisse, abgeplatzte Lackstellen und mögliche Blitzeinschläge untersucht. Für ein Blatt brauchen die Wartungsarbeiter, entweder zu zweit oder zu dritt, jeweils fast zwei Stunden.

Zum Glück ist Kirsch bis jetzt noch nichts passiert, dennoch gibt es Risiken. "Höhenangst ist bei unserem Beruf undenkbar, genauso wie fehlende körperliche Fitness. Wir sind zwar immer gesichert, aber wir müssen mit beiden Händen arbeiten, das heißt, wir müssen fähig sein, auch in 70 Metern Höhe noch freihändig stehen zu können." Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen kam es bei Wartungen schon zu Unfällen, wie die Internetseite www.retter.tv berichtet. "Natürlich kommen solche Unfälle vor, aber dafür haben wir alle unsere Sicherheitsausbildung. Einmal im Jahr üben wir in Teams solche Gefahrensituationen und wie wir diese lösen", erklärt Kirsch. "Außerdem dürfen wir nur mit optimalem Gesundheitszustand, den wir jährlich mit einer ärztlichen Untersuchung nachweisen müssen, eine Anlage besteigen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schrauben in luftiger Höhe
Autor
Lea Berndt
Schule
Gymnasium Nieder-Olm , Nieder-Olm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2013, Nr. 116, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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