Ohne Vertrauen läuft nichts

Sucht, Schulden, keine Ausbildung: Gründe, in einem Obdachlosenheim zu stranden, gibt es viele. Das Durchschnittsalter der Bewohner ist drastisch gesunken. Ein Besuch im Aachener Don-Bosco-Haus.

Der 17-Uhr-Zug rattert vorbei, Busse quietschen, Autos stauen sich im Nachmittagsverkehr. An der vielbefahrenen Trierer Straße gegenüber dem Bahnhof Rothe Erde in Aachen liegt das Don-Bosco-Haus, eine Einrichtung für wohnungslose Männer und Frauen. Der Asphalt vor dem zweigeteilten Mehrfamilienhaus ist brüchig. Müll liegt auf den einst begrünten Flächen, die schon lange nicht mehr grün sind, sondern aus zertrampelter Erde bestehen. Vom schmutzigen Bahnhofsdurchgang geht ein Geruch nach Urin und Zigarettenrauch aus. Das mattgrün gestrichene Haus bietet Unterkunft, Betreuung und Hilfe für 47 Bewohnerinnen und Bewohner. 41 Wohnheimplätze sind belegt.

"Diese Zahl schwankt, je nach Jahreszeit", erklärt der Heimleiter Christoph Schoelen. "Im Winter bewerben sich mehr Leute als im Sommer." Dies spiegelt auch die Geschichte von Jens wider. Der 23-Jährige lebte drei Monate auf der Straße, bis es ihm im November schließlich zu kalt wurde. Nun wohnt er seit vier Monaten im Don-Bosco-Haus. Er trägt ein Shirt und eine Jogginghose von Adidas. Auf den hellbraunen Haaren sitzt eine Mütze. Jens hat einen Drei-Tage-Bart und leicht schiefe Zähne, das Auffälligste jedoch sind seine blauen Augen, von denen das Rechte starr schief nach unten gerichtet ist. Ab und zu lacht er nervös. Als er vom Grund seiner Obdachlosigkeit erzählt, wird er ernst und senkt seinen Blick. "Meine Mutter schickte mich zum Einkaufen, und als ich zurückkam, waren die Schlösser unserer Wohnung ausgetauscht." Er zuckt mit vermeintlicher Gleichgültigkeit die Schultern, ein Kontrast zu der traurig klingenden Stimme.

Jens schaute immer mal wieder bei seiner Mutter vorbei, etwa wenn er Geld oder einen Übernachtungsplatz benötigte. Dabei geriet er mit ihrem neuen Freund aneinander. Irgendwann schien Jens' Mutter mit der Streitsituation nicht mehr klarzukommen und warf ihren Sohn aus der Wohnung. Jens belasten die familiären Umstände bis heute.

Das seit 1960 existierende Don-Bosco-Haus bietet ihm und den anderen Bewohnern Vollverpflegung: Es gibt Doppel- und Einzelzimmer, drei Mahlzeiten am Tag, einen Weckdienst. Die Kleidung der Männer und der zurzeit einzigen Bewohnerin wird gewaschen und gebügelt. Dies wird von öffentlichen Mitteln finanziert, zusätzlich bekommen die Bewohner der zum Caritas-Verband gehörenden Obdachloseneinrichtung ein Taschengeld in Höhe von 103,14 Euro im Monat und können Bekleidungsgeld beantragen. Die Sozialarbeiter versuchen durch Gespräche und Vermittlung an weitere Institutionen individuelle Hilfe zu leisten.

Jens lobt den für ihn verantwortlichen Sozialarbeiter. "Er hat mir dabei geholfen, meine Spielsucht zu überwinden. Sie war zwar kein direkter Grund für meine Obdachlosigkeit, aber heute kann ich an einem Spielautomaten vorbeigehen, das hätte ich früher nicht geschafft", berichtet er ein wenig stolz. Nun hat er es sich als Ziel gesetzt, die mittlere Reife nachzuholen und später in eine eigene Wohnung zu ziehen. Deshalb hat er sich auf einer Abendrealschule beworben. Da er Defizite in einigen Fächern hat, besucht Jens einen Vorkurs. Ab Herbst wird er in einen Realschulabschlusskurs gehen.

Oft hält sich Jens nicht im Haus auf. "Ich laufe meistens draußen herum, ab und zu fahre ich mit der Bahn und gucke mir andere Städte an." Im Haus gefällt ihm der Aufenthaltsraum gut. Er ist mit Fernseher, Kicker, Dartscheibe und Gesellschaftsspielen ausgestattet. Man blickt in den Garten, in dem im Sommer ein Grillfest stattfindet. Der Raum ist wie das Treppenhaus und die meisten Räume hellgelb gestrichen. Zwei Männer im Alter von etwa 50 Jahren spielen Schach. Ein anderer sitzt mit Kaffee und aufgeschlagener Zeitung ein paar Tische weiter. Es riecht nach Essen, da nebenan die Küche liegt. Jens gesellt sich mit einem Grinsen zum diensthabenden Betreuer und einigen Bewohnern und steigt in die nächste Partie Dart ein. "Mit einigen Bewohnern komme ich gut aus, mit einigen schlecht. Aber das ist doch immer so", findet Jens. "Ich wohne in einem Doppelzimmer, das ist schon okay."

Patrick sieht das ein wenig anders. Der 27-Jährige lebt seit sechs Monaten im Obdachlosenheim, hat aber nur wenig Kontakt zu anderen Bewohnern und möchte den auch gar nicht haben. Er kam ins Don-Bosco-Haus auf Grund seiner Drogensucht. Mit einer bunten Sweatshirt-Jacke, blau gemusterter Kappe und Engelbert-Strauß-Hose sieht er aus wie ein Jugendlicher, den man im Einkaufszentrum treffen könnte. Sein jung wirkendes Gesicht wird von dunklen krausen Haaren umrandet. Patricks Hautfarbe lässt auf einen Migrationshintergrund schließen. "Richtig", bestätigt er. Sein Vater stammt aus Marokko, seine Mutter aus Deutschland. Der gebürtige Kölner lächelt.

Nach seiner Entgiftung zog er von Köln nach Aachen. "Mir war klar, dass ich nicht so schnell eine Wohnung und eine Arbeit finden würde, und der Umzug war notwendig", erklärt er. "Meine Freunde an meinem früheren Wohnort sind alle in der Drogenszene, und ich wäre sicherlich wieder rückfällig geworden." Jetzt habe er viel weniger soziale Kontakte, bedauert Patrick. Allerdings hat er eine Freundin, bei der er einen Großteil seiner Zeit verbringt. An der Einrichtung schätzt er besonders die Freizeitaktivitäten wie die Sportangebote.

Einmal im Jahr fährt Christoph Schoelen mit einer Gruppe von Bewohnern zum einwöchigen Urlaub an die Nordsee. "Vor drei Jahren hatten wir mal einen dabei, der noch nie zuvor das Meer gesehen hatte", erinnert sich der Diplom-Sozialarbeiter. "Mit 23 Jahren noch nicht das Meer gesehen zu haben, das ist doch wirklich selten heutzutage."

Auch Patrick bewohnt ein Doppelzimmer. Der 20 Quadratmeter große Raum, dessen Möblierung an eine Jugendherberge erinnert, bietet Platz für zwei Betten, zwei Kleiderschränke und Regale, auf denen in Patricks Fall Fernseher und Playstation stehen. Sein Zimmergenosse ist seit sechs Tagen nicht mehr aufgetaucht, obwohl seine Habseligkeiten noch im Zimmer sind. "Gelegentlich tauchen Leute einfach unter, ohne sich vorher abzumelden. Das passiert meistens, weil ein Haftbefehl aufgrund von nicht bezahlten Schulden oder Kriminalität gegen sie erlassen wurde, wovon wir bei der Aufnahme von den Bewohnern nichts erfahren. Dann kann es schon mal vorkommen, dass die Polizei vor unserer Haustür steht", sagt Schoelen.

Das Haus nimmt Wohnungslose zwischen 18 und 65 Jahren auf. Das Durchschnittsalter der Bewohner ist innerhalb der vergangenen Jahre drastisch gesunken, mittlerweile liegt es bei 25 Jahren. Das Wichtigste zur Aufnahme sei die Bereitschaft, am Hilfsprozess selbst aktiv mitzuwirken, sagt Schoelen. "Ohne Vertrauensbasis geht da nichts. Die meisten landen wegen Suchtkrankheiten, fehlender Berufsausbildung, Verschuldungsproblematiken und Straffälligkeiten auf der Straße und anschließend bei uns. Aber ohne Vertrauen und Eigenengagement können wir kaum helfen."

Die Dauer des Aufenthalts kann bis zu drei Jahre betragen. Der seit 20 Jahren in der Einrichtung arbeitende Schoelen lächelt: "Wir freuen uns über jeden Bewohner, der es schafft, ins normale Leben zurückzukehren und den Alltag eigenständig zu meistern."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ohne Vertrauen läuft nichts
Autor
Franziska Michiels
Schule
Inda-Gymnasium , Aachen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2013, Nr. 122, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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