Vernachlässigten Kindern fehlt es oft an Struktur

Hast du mein Computerspiel gesehen?" Ein kleiner Junge läuft ins Wohnzimmer und durchwühlt eine Schublade. "Ich glaube, es liegt im Büro auf dem Schreibtisch", lautet die Antwort. Das wirkt wie ein ganz normaler Familienalltag mit dem Unterschied, dass dem Jungen nicht seine Mutter, sondern seine Erzieherin antwortet. Die 46-jährige Johanna Schmidt (der Name wurde geändert) arbeitet bei einer Jugendhilfeeinrichtung und hat zu ihren zwei eigenen Kindern zwei Pflegekinder in ihre Familie aufgenommen.

Bei der "Vollzeitpflege in einer anderen Familie" werden Kinder aller Altersstufen aufgenommen. Kinder über 13 Jahre kommen meist in Wohngruppen, da sie sich nicht mehr an eine Familie anbinden können. "In unserer Familie waren bisher Kinder im Alter zwischen 7 und 15 Jahren. Unsere derzeitigen Pflegekinder sind 8 und 9 Jahre alt", sagt die Erzieherin Schmidt. Die Familie lebt in einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz und gehört dem Mittelstand an. Ein eigenes Haus mit Einzelzimmern für die Pflegekinder ist Voraussetzung für die Betriebserlaubnis durch das Landesjugendamt. Mindestens ein Elternteil braucht eine sozialpädagogische Ausbildung.

Früher hat die Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet, aber es war ihr Wunsch, mit den Kindern intensiver arbeiten zu können, um eine engere Bindung aufzubauen. "Die meisten Kinder haben eine starke Bindungsstörung, die aus der fehlenden Sicherheit durch die Eltern resultiert", erklärt sie. Oftmals würden die Kinder körperlichem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt oder mit den Drogen- und Alkoholproblemen ihrer Eltern konfrontiert. Aufgrund dieser familiären Verhältnisse ergeben sich vielfältige Störungen bei den Kindern: Ängste, mangelndes Selbstbewusstsein, Probleme in der Konfliktbewältigung, Depressionen, aggressives Verhalten, Selbstverletzungen, Suizidgedanken, Probleme wie Einnässen und Einkoten sind nur einige von einer langen Liste.

Bei vielen ihrer Pflegekinder wurde eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung, ADHS, diagnostiziert, jedoch zeigt sich oft, dass nicht dadurch das auffällige Verhalten ausgelöst wurde, sondern die Probleme in der Familie die Symptome hervorriefen. Auch bei einem ihrer derzeitigen Pflegekinder ist ADHS diagnostiziert, was sich durch mangelnde Konzentrationsfähigkeit äußert. Ihr zweites Pflegekind hat eine Sprachstörung und ist in logopädischen Behandlung. Beide Kinder sind ängstlich und zurückhaltend. Zudem sind sie oft eifersüchtig aufeinander, da sie fürchten, dass der andere mehr Zeit mit der Erzieherin verbringen könnte.

Es ist ein langwieriger Prozess, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, der viel Geduld und Zuwendung erfordert. Der Beruf ist für die Erzieherin psychisch anstrengend. "Ich habe abends keinen Feierabend und kann dadurch schlecht abschalten. Zudem darf natürlich die eigene Familie nicht zu kurz kommen." Aufgrund der psychischen Störungen der Pflegekinder kommt es häufiger zu Streitigkeiten. "Die Elternarbeit ist nicht leicht. Da viele Kinder zu Therapien müssen, ist man häufig unterwegs und muss alle Termine unter einen Hut bringen."

Es geschieht immer wieder, dass die Unterbringung der Pflegekinder beendet wird, weil entweder die Eltern es nicht mehr wollen oder die Kinder die Trennung nicht mehr aushalten. "Dann macht man sich schon große Sorgen, was aus den Kindern wird, weil man schon ahnt, dass es zu Hause nicht funktionieren wird. Mein Beruf kostet mich viel Kraft, ich kann mir nicht vorstellen, ihn bis zur Rente auszuüben, denn ich glaube, dass man ab einem bestimmten Alter den Bedürfnissen der Kinder nicht mehr gerecht werden kann. Jedoch ist es grundsätzlich schon immer mein Traum gewesen, so etwas zu machen."

Das merkt man vor allem dann, wenn sie von den erlebten Trennungen mit ihren Pflegekindern spricht. "Es fiel mir oft schwer loszulassen. Man muss einen Weg finden, um sich damit nicht selbst zu belasten." Den meisten ihrer Pflegekinder fehlt es im Gegensatz zu Kindern, die in intakten Familien aufgewachsen sind, an Struktur, Regeln oder Grenzen. Sie müssen viele Dinge lernen, die für uns selbstverständlich sind. Oft kennen sie keine gemeinsamen Mahlzeiten, haben einen hohen Medienkonsum, Körperhygiene muss erlernt, Lerndefizite müssen aufgeholt und eine Möglichkeit muss gesucht werden, um mit aggressivem Verhalten besser umzugehen.

Die Erzieherin strukturiert den Tagesablauf und versucht negative Verhaltensweisen zu verbessern. "Dies ist in den meisten Fällen schwierig, da die Kinder nie gelernt haben mit Problemen umzugehen." Aufgrund der Vernachlässigung der Kinder wird häufig nach Therapiemöglichkeiten gesucht, wie Ergotherapie, Logopädie oder Psychotherapie. Man versucht, die Kinder ins soziale Umfeld zu integrieren, indem sie in Vereine gehen oder zum Beispiel Musikunterricht erhalten. Und es gibt Gespräche mit den Eltern, um ihnen den richtigen Umgang mit ihren Kindern zu vermitteln. "Das Ziel soll eigentlich sein, dass die Kinder eines Tages in ihre Familien zurückgeführt werden können. Leider zeigt die Erfahrung, dass dies meist nicht gelingt", sagt Johanna Schmidt.

Ihr Beruf verlangt die Mitarbeit der gesamten Familie. "Sowohl mein Mann als auch meine eigenen Kinder stehen hinter mir, um mich bei der Erziehung der Pflegekinder zu unterstützen. Es gibt aber auch Zeiten, wo das Zusammenleben mit den Pflegekindern sehr anstrengend ist und meine eigene Familie froh über Ruhe wäre", gibt sie zu. Ihre Söhne sind 22 und 24 Jahre alt. Der Ältere wohnt zu Hause, der Jüngere studiert in Aachen. Beide sehen sowohl die Vorteile als auch die Nachteile dieser Arbeit. In jüngeren Jahren bedeutete das für sie häufig Einschränkungen. Aber heute, als junge Erwachsene, äußern sie auch, dass es für sie eine Bereicherung war und sie viel daraus gelernt haben. Die Einschätzung ihres 48-jährigen Mannes, eines selbständigen Handwerkers, ist ähnlich: "Es ist nicht einfach, mit fremden Menschen in einem Haushalt zu leben. Es bedeutet Einschränkungen, man muss sich immer wieder auf neue Menschen einstellen. Bei manchen Kindern gelingt es leichter, bei anderen ist es schwieriger. Wichtig sind die Auszeiten, in denen die Familie einmal für sich sein kann."

Die Pflegemutter übernimmt für einen bestimmten Zeitraum alle Aufgaben der Eltern, was oft zu Eifersucht auf Seiten der leiblichen Eltern führt. Diese wollen ihre Kinder sporadisch zurück nach Hause holen, da sie mitunter ihre Entscheidung, die Kinder in eine Pflegefamilie zu geben, bereuen. Außerdem suchen sie gern nach einem fehlerhaften Verhalten der Erzieherin. Auch der Urlaub der Kinder, den sie normalerweise zu Hause - in manchen Fällen in einer Auffanggruppe - verbringen, kann zu Problemen führen, da die Kinder oft in ihre alten Verhaltensweisen zurückfallen. In der Pubertät kommt es häufig vor, dass den Jugendlichen das Leben in der Familie zu eng wird. Es gibt dann die Möglichkeit, dass sie in eine Wohngruppe ziehen können.

Zur Sicherheit der Kinder und der Erzieher werden Namen und Ortsangaben nicht weitergegeben, um sie gegebenenfalls vor ihren Eltern zu schützen. Diese könnten versuchen sie zu finden, um sie von ihren Pflegeeltern zu trennen. Zudem gibt es Fälle, in denen die Kinder gegen ihre Eltern als Zeugen aussagen müssen. Durch diese Sicherheitsbestimmung werden sie vor der Beeinflussung ihrer Eltern geschützt. Schmidts Arbeit wird jedes halbe Jahr durch das Jugendamt kontrolliert. Zusammen mit den Kindern wird dann ein Hilfeplan erarbeitet, der die Ziele für das nächste halbe Jahr festlegt. "Zur Motivation werden die Fortschritte der Kinder festgehalten und gemeinsam versuchen wir nun die gesetzten Ziele zu erreichen", sagt Johanna Schmidt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vernachlässigten Kindern fehlt es oft an Struktur
Autor
Eva Birrenbach
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2013, Nr. 122, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180