Ein ruhiger Moment

Neben dem achteckigen Fachwerkhaus, das an den Bau einer Mühle erinnert, erstreckt sich ein Weizenfeld. Bis auf zwei Kohlmeisen, die unter einem Busch nach Essbarem suchen, ist es ruhig. Das Hospiz, das 2002 in Goslar errichtet wurde, ist zurzeit unbelegt, nachdem vergangene Woche ein Gast verstorben ist. Doch lange bleibe das Hospiz nie leer, erklärt Barbara Trumpfheller, Leiterin des Hospizvereins "Christophorus Haus e.V.". An den weißen Wänden des Fachwerkhauses hängen in leuchtenden Farben gestaltete Bilder. Ein achteckiges Atrium mit einem großen Holztisch in der Mitte stellt das Zentrum des zweistöckigen Hauses dar. Hier können sich die Angehörigen Rat und Trost holen, hier finden die Trauerfeiern statt und beginnen die Führungen durch das Hospiz, so zum Beispiel beim jährlichen Sommerfest. An diesem Tag können Besucher etwas über die Arbeit der Ehrenamtlichen lernen. "Denn unser Hospiz wird nur durch ehrenamtliche Mitarbeiter betrieben", erklärt die zierliche Frau mit kurzen, weißen Haaren. Die meisten von ihnen sind berufstätig, von der Handwerkerin über die Heilpraktikerin bis zum Richter. In Deutschland gibt es nach Angaben der "Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz e.V." rund 80000 ehrenamtliche Hospizhelfer. Im Christophorus-Haus arbeiten 22 ausgebildete Helfer. In jeder Woche verbringen sie hier drei bis fünf Stunden. Abgesehen von den Vorstandsmitgliedern des Vereins ist nur ein Mann dabei. "Männer kneifen in solch außergewöhnlichen Lebenssituationen eher als Frauen. Der Tod gehört zum Leben dazu. Man kann ihn nicht einfach aussparen", findet Barbara Trumpfheller. Laut der "Deutschen Hospiz Stiftung" sterben jährlich ungefähr 850 000 Menschen in Deutschland. Dennoch ist der Begriff ,Hospiz' für viele Jugendliche ein Fremdwort. "Totenhaus", lautet der erste Gedanke auf die Frage, was Hospiz wohl bedeutet soll. Für die 75-jährige Leiterin steht fest, dass Hospiz nicht nur Tod bedeutet, sondern auch Leben. "Ich bezeichne es gerne als Leben in voller Aktivität. Schließlich kommen die Menschen nicht tot zu uns. Erst mal leben sie", erklärt Barbara Trumpfheller, die früher als Heimleiterin im Altersheim tätig war. Ungefähr 30 Menschen sterben jedes Jahr im gelben, blauen oder roten Zimmer. Jeder der drei Gästeräume ist in einer Farbe gestaltet und liegt Tür an Tür neben den geräumigen Badezimmern. Außerdem befindet sich in jedem Gästezimmer eine Glastür, die auf eine kleine Terrasse führt. An schönen Tagen sitzen hier die Angehörigen oder Ehrenamtlichen mit den Hospizbewohnern und genießen bei einer Tasse Tee die Aussicht. Hinter dem Haus ist ein Garten angelegt, der von einem Kiesweg durchzogen wird und zu einem kleinen Spaziergang einlädt. "Routine gibt es hier keine", sagt Barbara Trumpfheller, "man muss versuchen, sich auf jeden Menschen einzulassen, denn alle noch geäußerten Wünsche haben absolute Priorität." Bei so einer intensiven Pflege kann es sogar vorkommen, dass sich die Gäste so gut erholen, dass sie wieder ins Altersheim zurückkehren können. Dies sei aber der seltenste Fall, betont die Leiterin. Das Vorurteil, dass alte Menschen, die im Hospiz sind, nur noch im Bett lägen und schliefen, widerlegt sie energisch. "Alte Menschen haben noch viel zu sagen. Man muss ihnen nur zuhören und sich Zeit für sie nehmen. Einmal hatten wir einen Bewohner bei uns im Hospiz, der nicht aufhören konnte zu erzählen. Er dachte wohl, dass er dem Tod ein Schnippchen schlagen könnte. Nach dem Motto: Solange ich noch reden kann, bin ich noch nicht tot." Sie lächelt bei der Erinnerung an ihn. Wenn ein Bewohner stirbt, wird im Hospiz eine kleine Trauerfeier abgehalten, um sich von dem Verstorbenen zu verabschieden. Nicht selten geht dies den Hospizhelfern sehr nahe. "Aber überwiegend bin ich auch erleichtert, wenn es jemand geschafft hat. Natürlich verstehe ich die Trauer der Verwandten, aber oft war es für alle Seiten nur noch Quälerei", gibt die Leiterin zu. Und nach einiger Zeit lerne man, mit Verlusten umzugehen. "Denn schon die Geburt eines Kindes ist ein Verlust der Geborgenheit im Mutterleib", erklärt sie. Von diesem Moment an muss der Mensch immer wieder Abschied nehmen - ob von seinem Kaninchen oder von einer geliebten Person. Aus dem Grund ist Barbara Trumpfheller der Ansicht, dass man sich bereits in jungen Jahren mit dem Tod auseinandersetzen sollte. "In jungen Jahren habe ich mich auch geweigert, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, es hat mir Angst gemacht. Ich konnte mit dem Tod nicht umgehen. Doch ich habe an mir gearbeitet." So stellte Barbara Trumpfheller später fest, dass der Moment des Sterbens gar nicht schlimm, sondern eher ruhig sei. "Er ist eine Art Geburtsweg, nur in eine neue Richtung, eine andere Richtung. Dahinter kommt das, was wir uns gar nicht vorstellen können mit unserem Spatzenhirn." Ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. "Deswegen bezeichne ich uns Helfer auch immer als ,Hebammen in die Ewigkeit'. Wenn Menschen von dieser Glaubensgewissheit ausgehen können, dann dürfte der Tod auch kein Grund zum Trauern sein."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein ruhiger Moment
Autor
Sabrina von Oehsen und Jana Mock Christian-von-Dohm-Gymnasium, Goslar
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2010, Nr. 232 / Seite N6
Projekt
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