Die Sucht des Vaters hat sie traumatisiert

Auch eine Katze hat sieben Leben", diesen Satz sagte ihr Vater oft, daran erinnert sich Amelie (Name geändert) sofort. Ihr Vater war drogenabhängig und trank, seit er 16 Jahre alt war. Durch Heroin kam er auf viele andere Drogen. Ihre Eltern besaßen damals zwei Bars in Alsonyék in der Nähe von Baja in Ungarn. Überdies hatte ihr Vater eine besondere Neigung für illegale Geschäfte, um seine Drogen zu finanzieren. Unter anderem baute er dafür Hanf an. Damals war Amelie sechs Jahre alt. Vergessen können wird sie das alles nie, das weiß sie. Heute ist sie 16 und hat den Realschulabschluss gemacht. In ihrem Zimmer hängen Bilder von ihrem Vater und Gegenstände, die sie mit ihm verbinden.

Sie erinnert sich an einen Sommertag am See mit den Eltern und dem ein Jahr älteren Bruder. "Mein Vater ging vor zum Auto, wir kamen mit unseren Sachen nach." Dort angekommen, musste Amelie beobachten, wie ihr Vater Blut erbrach, was noch häufiger vorkommen sollte. Während des Gesprächs wandern ihre Blicke oftmals zu den Familienbildern. Durch das Heroin, andere Drogen und großen Alkoholkonsum von mehreren Flaschen täglich während der Zeiten des Drogenentzugs hatte er eine Leberzirrhose. Obwohl er sich lange weigerte, ins Krankenhaus zu gehen, wurde er trotzdem eingewiesen und lag dort in einem sogenannten Leberkoma.

"Sein erster Anruf, nachdem er aufgewacht war, galt nicht uns, seinen Kindern, sondern seinem Dealer", erzählt Amelie, während sich ihre blauen Augen mit Tränen füllten. Sie konnte damals nicht richtig verstehen, was passierte, doch sie wusste, dass es nichts Gutes war, dass ihr Vater anders war als andere Väter. Ihr Bruder hat es auch gemerkt, vielleicht mehr verstanden als Amelie. Sie erinnert sich: "Er wollte aus dem Fenster springen." Ihre Mutter habe ihn nur in letzter Sekunde davon abhalten können. Sie riss ihn vom Fenster runter und fiel mit ihm in den Raum, dieses Bild wird Amelie nie vergessen: ein kleiner Junge, der verzweifelt war, in Tränen aufgelöst. Er wusste, dass etwas vor sich ging, das nicht normal und weder für ihn noch Amelie gut war. Ihr Vater war oft aggressiv und schlecht gelaunt, vom Alkohol oder von Entzugserscheinungen. Er ließ seine Launen an seinen Kindern aus, schrie, zerstörte aus Wut Flaschen, gefährdete die Kinder, verletzte sie jedoch glücklicherweise nie.

Etwa ein Jahr später zog die Mutter mit den Kindern nach Deutschland in die Nähe von Landau. Die Bars in Ungarn hatte sie verkauft und arbeitete in ihrem gelernten Beruf als Heilpraktikerin. Amelie und ihr Bruder waren noch monatelang traumatisiert, sie wichen ihrer Mutter nicht mehr von der Seite und weinten viel. Als ihre Mutter die Kinder Bilder von ihrem Vater malen ließ, war sie schockiert, alles, was diese Bilder zeigten, war der Vater beim Erbrechen oder ähnlichen Vorfällen. Nur wenige Monate später verstarb ihr Vater an den Folgen der Sucht. Doch für Amelie ist es ihr Vater, egal was für ein Mensch er war, und sie trägt auch die schönen Erinnerungen an ihn in ihrem Herzen, die ihr keiner nehmen kann.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Sucht des Vaters hat sie traumatisiert
Autor
Michelle Allendorf
Schule
Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2013, Nr. 122, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180