Barocke Pracht der Blüten

Kanuten in Kürbiskanus, Märchenszenen und begrünte Toilettendächer: Blühender Barock in Ludwigsburg ist eine der ältesten Dauergartenschauen Deutschlands.

Die Sonne scheint. Ihre Strahlen brechen sich auf der Wasseroberfläche des kreisrunden Teiches. Der Wind trägt feine Tröpfchen von den imposanten Wasserfontänen in der Mitte des Teiches herbei, zusammen mit dem Duft von Hyazinthen. In den sorgfältig gepflegten Beeten wachsen rote Tulpen neben gelben Stiefmütterchen, leuchtende Narzissen inmitten ihrer eigenen, kräftig grünen Blätter. Die niedrigen Hecken weisen einen exakt zurechtgeschnittenen Wuchs auf. Gelblicher Kies formt breite und schmale Wege. Der Blick auf die goldgelbe Fassade des Barockschlosses ist atemberaubend.

Das 1954 gegründete Blühende Barock, kurz BlüBa, in Ludwigsburg ist eine der ältesten Dauergartenschauen Deutschlands. Angrenzend an das barocke Residenzschloss der Stadt gedeihen in der weitläufigen Parkanlage auf etwa 30 Hektar Fläche mehr als 150 000 Pflanzen, davon unter anderem 12 000 Rosen. Ein Märchengarten präsentiert mehr als 40 Szenen. Jährlich zieht der Park etwa eine halbe Million Besucher an.

Das muss natürlich alles organisiert und geplant werden. Volker Kugel ist seit 1997 Direktor des Blühenden Barocks. Der 54-Jährige ist groß, kräftig und hat eine tiefe Stimme. Sein Haar und Bart sind schwarz und kurz geschnitten. Er trägt ein blau-weiß kariertes Hemd, dazu dunkle Jeans und hält in seinen Händen einen metallenen Ring mit altmodisch dicken Schlüsseln. "Es kamen viele Zufälle zusammen, ohne die ich heute vielleicht ganz woanders arbeiten würde", erzählt er. Das Abitur machte er in seiner Geburtsstadt Calw im Schwarzwald am Hermann-Hesse-Gymnasium. "Ich war damals sehr sorglos, was meine Berufswahl betraf. Ich habe überlegt, Förster zu werden, was ich aber sogleich aufgrund der sehr schlechten Einstellungschancen verwarf, oder Landschaftsarchitekt, wofür mein Numerus clausus aber nicht ausreichte." So machte er zunächst eine Lehre als Baumschulgärtner und studierte später Gartenbau an der Fachhochschule Weihenstephan-Triesdorf. Danach arbeitete er als Abteilungsleiter in zwei Gartencentern.

"Das war aber kein Beruf, in dem ich mein Leben lang arbeiten wollte. So wechselte ich 1989 zum Organisationsteam der Landesgartenschauen in Baden-Württemberg. Zwei Wochen nach meinem Wechsel wurde ich gefragt, ob ich nicht Geschäftsführer werden wolle." Der Hintergrund: Die beiden Anwärter auf den Posten hatten ihre Bewerbungen kurzfristig zurückgezogen, und es musste schnell ein anderer gefunden werden. "Ich habe sofort zugesagt, und das war, glaube ich, der Wendepunkt in meinem Leben." 1997 kam der nächste Zufall: In der "Stuttgarter Zeitung" wurde er auf eine Stellenanzeige aufmerksam. Ein neuer Direktor für das Blühende Barock wurde gesucht. Er bewarb sich und bekam die Stelle.

Volker Kugel ist für viele Neuerungen im Blühenden Barock mitverantwortlich. Besonders stolz ist er auf die Einführung der weltgrößten Kürbisausstellung, die jedes Jahr im Herbst veranstaltet wird. "Rückblickend betrachtet war es schon verrückt, als wir sie im Jahr 2000 zum ersten Mal organisierten. Eine große Kürbisausstellung auf einem Erlebnisbauernhof in der Schweiz hatte mich im Herbst 1999 schwer beeindruckt. Dennoch hielten viele meiner Bekannten die Idee für zu ausgefallen." Aber die Kürbisausstellung wurde zu einem Erfolg, der bis heute anhält: Rund 160 000 zahlende Besucher kommen in diesen acht Wochen, es gibt mehr als 500 000 Kürbisse, und mehr als 500 Sorten sind vertreten. Neben der Ausstellung gibt es Begleitveranstaltungen, beispielsweise einen Ruderwettbewerb, bei dem die Kanuten in ausgehöhlten Kürbissen sitzen, oder die deutschen und europäischen Meisterschaften im Kürbiswiegen. "Hier beträgt der Europa-Rekord zurzeit 765 Kilogramm - und das für einen einzigen Kürbis!", sagt Kugel.

Auch dieses Jahr gab es einige Veränderungen im BlüBa. Zwei Gebäude am Haupteingang wurden durch moderne ersetzt, um den Besucherservice zu verbessern. Diese neuen Gebäude haben neben Toilettenanlagen und Nebenräumen eine vertikale Begrünung, das heißt eine begrünte Fassade. Je nach Ausrichtung der Fläche zur Sonne wachsen dort Pflanzen wie Efeu, Bergenien, Purpurglöckchen, Waldsteinien, Immergrün und verschiedene Gräser. "Ich bin total begeistert", erzählt er lachend.

"Oft besuche ich Bundesgartenschauen, Landesgartenschauen und Gartenfestivals wie das internationale Gartenfestival Chaumont-Sur-Loire in Frankreich oder die bekannte Chelsea Flower Show in London, um mich inspirieren zu lassen. Dort fliegen mir die Ideen zu." Stolz zieht er sein iPhone aus der Tasche und demonstriert die neue BlüBa-App. Schon 3500 Leute haben sich in den ersten drei Wochen nach Erscheinen diese kostenlose App heruntergeladen. "Wir schlafen halt nicht, sondern bewegen uns mit der Zeit. Die App bietet vieles: von einem virtuellen Rundgang durch den Märchengarten über Veranstaltungstermine bis hin zu hilfreichen Gartentipps."

Neben der Organisations- und Verwaltungsarbeit geht Volker Kugel nicht mehr seinem ursprünglich gelernten Beruf nach. "Ich arbeite hier überhaupt nicht als Gärtner", sagt er. "Dafür gärtnere ich aber zu Hause mit sehr viel Liebe. Meine Frau und ich besitzen ein Haus mit großem Garten. Ich pflege ein Schattenbeet mit Astilben, Funkien und vielen mehr, passend dazu einen Sonnengarten mit Steppenkerzen, Katzenminze und anderen wärmeliebenden Pflanzen. Dazu kommen meine zahlreichen Kübelpflanzen wie Zitronen und Palmen, die ich im unbeheizten Untergeschoss unseres Hauses überwintere."

Seit neun Jahren wird zudem die Gartensendung "Grünzeug" im Blühenden Barock gedreht. An der Seite der Moderatorin Andrea Müller gibt Volker Kugel den Fernsehzuschauern Tipps und Ratschläge zum Thema Garten und Pflanzen. Jeden Dienstag um 18.15 Uhr wird auf dem SWR ausgestrahlt. Die Sendung gab es bereits vier Jahre vorher auf der Insel Mainau und sollte damals in eine andere Stadt verlegt werden. "Wir boten das Blühende Barock als Drehort an. Was ich aber nicht wusste, war, dass Voraussetzung dafür, dass ,Grünzeug' nach Ludwigsburg kam, war, dass das Blühende Barock einen Gartenfachmann stellte. Und da wurde ich ausgesucht", berichtet er. "Am Anfang hatte ich zwar ein komisches Gefühl dabei, vor der Kamera zu stehen, und die ersten Monate waren für mich sehr stressig, aber nach neun Jahren macht es einen Riesenspaß. Ich weiß, wie es geht, obwohl ich natürlich noch lange kein Profi bin."

Seine Auftritte im Fernsehen haben ihm einiges an Bekanntheit eingebracht. "Ich werde regelmäßig von Leuten angesprochen, die ein Autogramm von mir wollen. Immer wieder kommen auch im Urlaub Leute auf mich zu, sogar auf Madeira oder Teneriffa wurde ich schon angesprochen. Das finde ich eigentlich ganz angenehm, und ich gehe auch gerne kurz auf die Leute ein." Was er weniger gut findet: Zwei- bis dreimal im Monat ruft jemand mit irgendwelchen Gartenfragen bei ihm zu Hause auf seiner Privatnummer an. "Das nervt mich, und ich finde es nicht in Ordnung, dass diese Leute versuchen, in meine Privatsphäre einzudringen, anstatt sich an die offizielle E-Mail-Adresse des Blühenden Barocks zu wenden." Doch seine Empörung hält nicht lange an. Wieder lächelnd steht Volker Kugel auf. Die Arbeit wartet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Barocke Pracht der Blüten
Autor
Katja Schabet
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2013, Nr. 127, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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