Mit jugendlichem Ehrgeiz den Wildbach runter

Der Junge taucht die Spitze seines Bootes in die reißende Strömung der Erft, lehnt sich leicht zurück, wartet bis die Wucht des Wassers ihn erfasst, schmeißt sich nach vorne und dreht sich einmal vertikal um sich selbst. Steht er mit seinem Boot danach wieder sicher in der Walze des Flusses, hat er den perfekten Loop gezogen und kann sich sowohl der Bewunderung seiner Zuschauer als auch des Respekts seiner Sportskollegen sicher sein. Durch seine funkelnden Augen und das leichte Grinsen wirkt der blonde Junge mit dem dunkelblauen Helm konzentriert und fasziniert zugleich. Leon Bast ist 14 Jahre alt und fährt seit zwei Jahren Kajak.

Sein Interesse für die Sportart wurde geweckt, als er mit seinem Vater Jürgen die Lauter, einen Zufluss des Rheins, herunterschipperte. Sechs Kilometer haben sie damals zu zweit in einem kleinen Schlauchboot zurückgelegt. Beide merkten schnell, wie sehr es sie begeisterte, auf dem Wasser unterwegs zu sein. Sie stießen auf den Kanuverein Südliche Weinstraße, zu dessen Einzugsgebiet ihr Heimatort, das südpfälzische Kapsweyer, gehört. Da sie öfter in der Zeitung von den Aktivitäten des Klubs gelesen hatten, traten sie kurzerhand ein und kauften die ersten eigenen Boote. Seither trainieren sie jede Woche.

Für Vater und Sohn begann die Zeit, in der sie fast jedes Wochenende in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg oder dem Elsass auf Flüssen unterwegs waren. Anfangs waren ihre Ziele Wanderflüsse, mit dem Können wurde aber der Reiz größer, sich selbst auf Wildwasserstrecken zu testen. Vor allem den damals 13-jährigen Leon zog es zum Wildwasser. "Generell reizt mich die Herausforderung, Sachen zu schaffen, von denen andere sagen oder man selbst denkt, dass man das nicht packt", sagt der Mountainbike- und Snowboardfahrer.

Schon nach zwei Jahren fährt Leon besser als so manches langjährige Vereinsmitglied. Er paddelt das ganze Jahr. "Wenn im Winter bei Minusgraden Flüsse wie Enz, Murg oder Alb gefahren werden, muss man sich die ganze Zeit bewegen, sonst spürt man die Finger irgendwann nicht mehr. Das Wasser hat dann weit unter zehn Grad, und man wird ja die ganze Zeit wieder nass." Es geht nicht anders, weil viele dieser Flüsse nur bei Regen oder Schnee genügend Wasser führen.

Ostern fährt der Kanuverein nach Südfrankreich zur Ardèche, in den Sommerferien wird abwechselnd die Soca in Slowenien, die Möll in Österreich oder die Durance in Frankreich aufgesucht. Dort tummeln sich Paddler aus ganz Europa.

Erscheint Leon ein Flussabschnitt zu langweilig, kommen Kommentare à la "Wie lang geht das denn noch so weiter?". Begeistert ihn das Stück, auf dem er mit seiner Gruppe unterwegs ist, so kann es ihm nicht schnell genug gehen, bis die nächste spannende Stelle auftaucht. "Gefährlich kann es nur durch Fahrfehler werden. Man muss sein Können natürlich immer richtig einschätzen und darf keine Wildwasserstufe paddeln, die auf jeden Fall zu schwierig ist." Kritische Situationen hat er genügend erlebt. "Der Bach war von einem umgestürzten Baum komplett blockiert, wir mussten aussteigen", erzählt er von einem Erlebnis auf der Nordalb, die er mit seinem Vater und einem noch jüngeren Nachwuchspaddler aus dem Verein befuhr. "Der Erik kam zu schnell um die Kurve und konnte nicht mehr rechtzeitig am Ufer anhalten. Er ist dann von der Strömung umgekippt worden und unter Wasser in dem Gestrüpp hängen geblieben. Nach einer halben Minute, in der er komplett unter Wasser in den Ästen festhing, konnten wir ihn endlich rausziehen."

Als sein Motto deklariert Leon: "Wer nichts wagt, der nichts gewinnt." Ungeduldig verlangt er: "Kommt, wir fahren mal ein bisschen schneller und warten an der nächsten Walze auf die anderen." Eine Walze ist eine Stelle auf dem Fluss, an der auf der Wasseroberfläche ein Rücklauf entsteht. Von diesem Wirbel wird das Wasser entgegen der eigentlichen Stromrichtung des Flusses aufgeworfen. Hier ist es dann möglich, mit dem Boot zu surfen. In diesen Walzen und Wellen entstand auch der Freestyle. Allerlei Tricks werden dabei mit speziellen Spielbooten ausgeführt, die besonders kurz sind, um dem Fahrer schnelle Drehungen zu erleichtern. Leon hat im Kanu-Freestyle etwas gefunden, was er dem Wildwasserpaddeln vorzieht. Mittlerweile wurde sein drittes Spielboot gekauft, die Paddelausrüstung wird mehrmals jährlich ergänzt oder ersetzt. "Style ist beim Paddeln das Wichtigste", rechtfertigt er sich, vielleicht etwas ironisch. Tatsächlich scheinen gerade Freestyle-Fahrer besonders auf ihr buntes Äußeres bedacht, wenn es darum geht, sich auf Wettkämpfen mit anderen zu messen.

Zusammen mit seinem Kumpel Max Kolbinger lässt sich Leon mehrmals im Monat zu sogenannten Playspots wie der Isar-Walze in Plattling oder dem Wildwasserkanal am Rhein in Hüningen fahren. Als Chauffeur ist Leons Vater zur Stelle, der bei der Caritas als Betreuer mit Behinderten arbeitet. Die gleichaltrigen Jungs aus Speyer und der Südpfalz sind dem Freestyle-Team Baden-Württemberg beigetreten und werden dort kostenlos trainiert. Daheim übt Leon seine Tricks auf dem Trampolin im Garten. Seit kurzem fährt er zu Freestyle-Wettkämpfen wie zum Beispiel zum Wiesenwehr-Rodeo auf der Erft bei Düsseldorf. "Man kann wahnsinnig viel dazu lernen, indem man Fahrer beobachtet, die schon weiter sind."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit jugendlichem Ehrgeiz den Wildbach runter
Autor
Jonas Kaltenbach
Schule
Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2013, Nr. 127, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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