Pürierte Wurst im Wundereis

Der verrückte Eismacher" im Herzen Münchens bietet seinen Gästen das Ambiente, wie man es aus "Alice im Wunderland" kennt. Betritt man den Laden in der Amalienstraße nahe der Universität, so fühlt man sich, als wäre man in eine ganz andere Welt gerutscht. An den Wänden sind bunt gestaltete Szenen und Figuren aus der Geschichte, zum Beispiel die rote Herzkönigin und der Hase, der immer zu spät kommt. Statt kleiner Tische gibt es hier Pilze, die regelrecht aus dem Boden sprießen, und um sie herum stehen rote Sessel.

Doch was am meisten ans Wunderland erinnert, sind weder die ausgefallene Einrichtung noch die Wandszenen, sondern ein Mensch, der mit einem sympathischen Grinsen hinter der Theke steht. Es ist der verrückte Eismacher höchstpersönlich, Matthias Münz. Der 26-Jährige gebürtige Regensburger bietet Geschmacksrichtungen wie Radler-, Weißwurst- oder Käsespätzleeis an. Auch gibt es zur bestellten Kugel gleich einen Testlöffel vom "Schwangerschaftswunder" dazu, das ist Eis mit Nutella- und Essiggurken-Geschmack. Vielen sträuben sich wahrscheinlich die Haare. Seit einem Jahr gibt es den Eisladen, und das Geschäft läuft hervorragend. Junge und alte Leute und vor allem Studenten kommen hier tagtäglich vorbei und lassen sich von den ständig wechselnden Sorten überraschen. Einigen Kunden ist das Eis jedoch zu ausgefallen. "Für mich gehören manche Lebensmittel einfach nicht ins Eis hinein", sagt die 16-jährige Schülerin Veronika. "Da ist mir Vanilleeis lieber."

"Ich war schon immer ein Eisjunkie", sagt Münz. "Als Junge habe ich mir manchmal sieben Kugeln auf einmal bestellt und dachte, das wäre ganz normal. Als ich dann vor sechs Jahren aufgrund einer neuen Liebe Italien besuchte, lernte ich den zwar nicht sehr bekannten, aber besonders begabten Eismacher Stefano Venier kennen. Wir freundeten uns an, und ich durfte ihm beim Eismachen zusehen. Ich war sofort begeistert und besuchte Kurse, um die Herstellung selbst zu erlernen."

Zurück in Deutschland, kaufte er sich nach Abschluss seines Tourismus-Management-Studiums mit Hilfe eines Kredites und Eigenkapital den Laden und machte daraus sein ganz eigenes Eis-Wunderland. Großen Wert legt er darauf, dass seine Kreationen keine künstlichen Aromen enthalten. "In jede Sorte kommt auch wirklich das originale Produkt rein. Fürs Weißwursteis musste ich zum Beispiel die Wurst erst pürieren, und nach zwölf Kugeln Biereis sollte man das Autofahren lieber lassen und zu Fuß nach Hause gehen."

Die Ideen stammen von ihm oder von seinen Kunden. Neben der Kasse gibt es einen schwarzen Zylinder, in den jeder Vorschläge werfen kann. "Ich hatte schon viele sehr verrückte Eissorten, wie zum Beispiel eine, die nach Grünkohl mit Pinkelwurst geschmeckt hat. Manchmal konnte man gleich ein ganzes Mittagessen kaufen, Wienerschnitzel-Eis mit Kartoffelsalat-Eis zum Beispiel." Dazu habe er zuerst den Salat gemacht und das Schnitzel gebraten und dann in das Eis gehäckselt.

Im Sommer steht er sieben Tage die Woche zwischen 17 und 20 Stunden am Tag im Geschäft, und das ohne Angestellte. "Ich denke in nächster Zeit werde ich mir ein paar feste Mitarbeiter einstellen", lacht der sympathische Mann. Auch an eine Filiale hat er schon gedacht. Seinen schwarzen Zylinder trägt er zur Arbeit nicht, um sich an das Wunderland-Thema anzupassen, sondern genau andersherum: "Die Idee des verrückten Eismachers kam mir deswegen, weil ich so gerne Zylinderhut trage. Bei Alice im Wunderland gibt's den verrückten Hutmacher, und daher hab ich den verrückten Eismacher als Konzept gewählt. So kann ich jeden Tag meinen Zylinderhut aufsetzen. Ich war schon immer etwas ausgeflippt." Was gefällt ihm am meisten an seiner Arbeit? "Wenn die verrückten Sorten meine Kunden zum Lachen bringen, dann ist das für mich die größte Belohnung."

Informationen zum Beitrag

Titel
Pürierte Wurst im Wundereis
Autor
Jennifer Perryman
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , Pasing
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2013, Nr. 127, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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