Entsetzen macht sich breit

Pranger, Prügelbock, Schandgeige und eine kleine Gefängniszelle: Bei der Führung durch das Strafvollzugsmuseum in Ludwigsburg müssen die Besucher einiges verarbeiten. Aber so war nun mal die Realität.

Ich bin Putzfrau, Sekretärin, Amtsbote, Museumspädagoge, Museumsleiter und Designer. Da bleibt keine große Zeit für anderes", sagt Erich Viehöfer. Der gesprächige, im grauen Pullover gekleidete Leiter des Ludwigsburger Strafvollzugsmuseums steht im Eingangsbereich des 1748 erbauten Gefängnisses. Die hohe, graue Decke des Eingangs des Festungsbaus strahlt Kälte aus. Der Bau gehörte früher zur Anlage der ältesten Strafanstalt in Württemberg und ist heute Ausstellungsort der Geschichte des Strafvollzugs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Unter der riesigen Uhr, deren Zeiger bei Schließung des Gefängnisses im Jahre 1990 um zwanzig Minuten vor neun stehenblieben, scheint der nicht sonderlich große Museumsführer mit seiner leicht angegrauten Halbglatze und braunen Augen hinter der ovalen Brille erdrückt zu werden.

Die hier herrschende bedrückende Atmosphäre erfüllt das Ziel der Ausstellung: Der Besucher soll erfahren, wie es sich anfühlt, in einem Gefängnis zu sein. Das einzige bisschen Wärme, das in das kalte Gebäude gelangt, ist ein Sonnenstrahl, der durch die einen Spaltweit geöffnete große, graugestrichene Holztür scheint. Normalerweise ist sie abgeschlossen. Nur wer klingelt, kann ins Museum eintreten. So wartet Viehöfer geduldig auf die zweite zur Führung angemeldete Gruppe. Nicht jeden Tag kommen so viele Interessenten in sein Museum. "Manchmal kommen nur ein oder zwei Einzelbesucher, manchmal gibt es sogar mehrere Führungen, so dass ich von 10 bis um 16 Uhr beschäftigt bin. Es ist einfach jeden Tag anders", sagt der 62 Jahre alte Museumsleiter, der seit der Gründung des Museums im Jahr 1986 hier arbeitet, nachdem er nach seinem Geschichte- und Germanistikstudium und der Promotion kurze Zeit im Archiv eines Ingenieurbüros tätig war.

Die Gruppe lässt auf sich warten. Doch schließlich trudeln 14 Kunden des Jobcenters Ludwigsburg vor dem Portal des ehemaligen Gefängnisses ein. Sie alle werden auf ihrer Suche nach einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle dreimal in der Woche von der privaten Bildungseinrichtung Donner+Partner unterstützt. Die ersten Jungs im Alter von 15 bis 25 Jahren gehen schon hinein und lassen sich angeregt über den vermeintlichen Gestank des Gebäudes in umgangssprachlichem Deutsch aus, bei dem unterschiedliche Akzente mitschwingen, während andere, hauptsächlich Mädchen, noch draußen auf die Fehlenden warten und rauchen.

Als endlich auch der Leiter der Gruppe eingetroffen ist, startet Viehöfer mit der Führung. Sie beginnt mit einem Pranger, einer Schandgeige, einem Prügelbock, eisernen Hosenträgern und anderen Strafgeräten, die vom 17. bis zum 19. Jahrhundert in Ludwigsburg verwendet wurden, um Menschen zu bestrafen. Die Ausstellungsstücke, die zum Teil bis zu 300 Jahre alt sind, stammen aus Berlin, Raststatt, Stammheim, und Heilbronn, doch hauptsächlich aus Ludwigsburg, da es lange Zeit das einzige Gefängnis in Württemberg war. Während der Führung werden immer wieder Fragen von den Schülern eingeworfen. Entsetzen macht sich vor allem bei der Guillotine breit, die von 1946 bis 1949, also bis zur Abschaffung der Todesstrafe, in Rastatt und Tübingen ein Mittel der westdeutschen Justiz zur Strafausführung war.

"100000 Gefangene saßen im Laufe der Jahrhunderte für Delikte von Diebstahl über Vergewaltigung bis zum Mord im Ludwigsburger Gefängnis ein. Die längsten Sträflinge waren zehn bis 15 Jahre hier gefangen. Aber in späteren Jahren waren sie nur noch für kurze Zeit hier, da das Gefängnis nicht ausbruchsicher war", berichtet Viehöfer, der der Gruppe eine Zelle zeigt, in die die Sträflinge zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesteckt wurden. Solch eine fünf Quadratmeter große Einzelzelle ist ausgestattet mit einem ausklappbaren Bett, das in Gebrauch fast den ganzen Raum einnimmt, einer einfachen Toilette, einem Holztisch mit Hocker und einem kleinem Regal, also mit allem, was man so braucht. Eigentlich sieht es ja ganz gemütlich aus. Aber auf Dauer darin eingesperrt zu sein muss schrecklich sein.

"Hier drin wird man ja schizophren", sagt der 23-jährige Mustafa Kizilacan, der eine schwarze Jogginghose und eine schwarze Kapuzenjacke trägt. Ein anderer Schüler wird beim Anblick der Ausstellung an seine sieben Monate Haft erinnert, die auf einen Fahrraddiebstahl folgten. Solche Reaktionen bemerkt Erich Viehöfer jeden Tag: "Die Besucher reagieren alle völlig unterschiedlich. Von Witzemachen bis zum Ohnmächtig-Werden ist alles möglich. Jeder versucht seine Eindrücke anders zu verarbeiten."

Dies ist genau das, was das Museum erreichen will. Der Öffentlichkeit soll gezeigt werden, welche Arten des Strafvollzugs es gab. "Der Strafvollzug findet ja nicht auf dem Mond, sondern hier statt. Das ist die Realität. Würde man alles unter den Tisch fegen, dann blendet man die dunklen Teile der Geschichte und der Gegenwart aus. Zudem ist es Teil der Geschichte der Stadt", findet der Museumsleiter, der die Gruppe auch in eine originale moderne Zelle aus Stammheim führt und ihr die aktuellen Speise-, Freizeit- und Sportpläne der Gefängnisse in Heimsheim, Stammheim und Mannheim zeigt. Beim Durchlesen des Speiseplans, auf dem Spaghetti Napoli und andere leckere Gerichte stehen, läuft einer Schülerin das Wasser im Mund zusammen.

Doch viele Zuhörer hat Viehöfer mittlerweile nicht mehr. Nur noch fünf, sechs Schüler sind überhaupt noch anwesend. Die anderen streunen sich laut unterhaltend durch das Museum, was den Museumsleiter jedoch nicht aus der Fassung bringt. Stattdessen macht er den wenigen Interessenten deutlich, dass es für den Staat nicht billig ist, jemanden gefangen zu halten: 150 Euro koste ein Insasse am Tag. Auch deshalb versuche man, immer zuerst mit anderen Strafen den Täter zur Rechenschaft zu ziehen, beispielsweise durch Geldstrafen oder Sozialstunden. Außerdem sei das Ziel der Bestrafung nicht mehr einfach nur die Strafe an sich, sondern die Erziehung des Täters.

Erich Viehöfer erklärt: "Früher gab es den Vergeltungsstrafvollzug. Doch man hat festgestellt, dass Strafe keine Besserung hervorruft. Heute steht die Resozialisierung im Mittelpunkt. Man versucht, die Menschen zu guten Bürgern zu machen. Und ihnen nach ihrer Freilassung einen Platz in der Gesellschaft zu verschaffen."

Das klingt ja alles ganz nett, und auch die Speisepläne klingen nicht nach Strafvollzug, sondern nach Schulkantine. Doch trotz des relativ wohnlichen Aussehens der Zellen bleibt am Ende der neunzigminütigen Führung ein mulmiges Gefühl. "Die erdrückende, nüchterne und triste Atmosphäre des Gefängnisses muss sehr schädigend für die Menschen sein", sagt Mustafa Kizilcan.

Informationen zum Beitrag

Titel
Entsetzen macht sich breit
Autor
Alina Schlien
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2013, Nr. 133, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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