Nur wenig Interesse an der großen Ingolstädterin

Nicht einmal die Ingolstädter Schulen nutzen diesen Ort. Es ist schon traurig, wie wenig Interesse einer großen Ingolstädterin entgegengebracht wird." Ingrid Uebelstädt, eine ältere Dame und langjährige Mitarbeiterin in der Marieluise-Fleißer-Gesellschaft, klingt ein bisschen desillusioniert, als sie an diesem Nachmittag mit ihrer Führung im Geburtshaus Marieluise Fleißers beginnt.

Schon mit dem Eintritt in das 450 Jahre alte Haus atmet man sich scheinbar in eine längst vergangene Zeit. 1901 kam "die große Ingolstädterin" Marieluise Fleißer zur Welt. Der familiäre Alltag wurde von einer Schmiedewerkstatt bestimmt, mit der ihr Vater den Lebensunterhalt der Familie bestritt. Man kann sich gut vorstellen, wie die Fleißer als kleines Mädchen mit großen Augen das glühende und zischende Eisen betrachtete. In ihren Kindheitserinnerungen "Kinderhand" sind solche Momente eindrucksvoll beschrieben.

Im Museum sind biographische Stationen dokumentiert: Vom Feuer und Rauch der Schmiedeesse angezogen, tauchte sie neugierig in die Welt der Erwachsenen ein, machte Abitur in Regensburg und zog 1920 zum Studieren nach München. Dort lernte die junge Fleißer aus der Kleinstadt etablierte Schriftsteller, wie Lion Feuchtwanger und den aufstrebenden Bertolt Brecht, kennen. Durch diese Kontakte wurden ihre Werke, die bekanntesten sind "Fegefeuer in Ingolstadt", "Pioniere in Ingolstadt" und der Roman "Mehlreisende Frieda Geier", bald in Berlin publiziert und auf Theaterbühnen aufgeführt. Besonders das Stück "Pioniere in Ingolstadt" löste 1929 einen Theaterskandal aus. Dieses Stück entzweite die Fleißer mit ihrer Heimat, wo sie fortan als Geächtete galt, vom Bürgermeister gar als "Nestbeschmutzerin" beleidigt wurde. Jedoch hatten in der oberbayrischen Provinz die meisten weder das Buch gelesen, noch die Aufführung gesehen, sodass die Anfeindungen beinahe lächerlich wirkten.

Das Desinteresse besteht hingegen auch heute noch fort. Ganze vier Besucher haben sich an diesem Sonntag in der Kupferstraße 18 eingefunden, um einen Blick in das Haus zu werfen. Allein die Öffnungszeiten des Fleißerhauses, ausschließlich sonntags von 11 bis 17 Uhr, spiegeln das geringe Interesse der Ingolstädter an der überregional Bekannten wider. Von außen ist das alte Gemäuer mit den Rissen in der Wand und den lädierten gelben Fensterläden unscheinbar. Der unaufmerksame Passant würde es vermutlich nicht einmal bemerken, zwischen der Buchhandlung links und der Pizza-Bar rechts daneben. Die Marieluise-Fleißer-Gedenkstätte wirkt baufällig und abweisend. Die alten Holztüren und -fenster mit abblätternder Farbe sind verriegelt und halten die Menschen auf Distanz zum Nachlass der bekannten Ingolstädter Schriftstellerin.

Doch die Räumlichkeiten hinter der abweisenden Fassade sind, historisch und literarisch gesehen, ein wahres Schmuckkästchen - Geschichte zum Anfassen und Literaturgeschichte zum Greifen nahe. Wo sonst sieht man denn Original-Korrespondenzen mit einem Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht oder Robert Musil? 90 spannende Minuten verschaffen einen umfassenden Einblick in das Leben und Werk von Marieluise Fleißer, die am 2. Februar 1974 in Ingolstadt starb. Sie hinterließ ein überschaubares, aber von Literaturkennern geschätztes Werk, außerdem ist der Bestand ihrer Privatbibliothek erhalten. Denn gerade in den dreißiger Jahren suchte Fleißer hier oft Zuflucht. Nach dem Theaterskandal und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde das Schreiben für sie immer schwerer. Zudem bedrückten sie private Probleme, sodass die Fleißer sich hierher zurückzog, ungeachtet der Ächtung durch ihre Mitbürger. Nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte sie in den fünfziger und sechziger Jahren ihr Comeback mit Werken wie "Der starke Stamm" und Neufassungen ihrer früheren Erfolgsstücke. Nun wurde sie mit zahlreichen Preisen geehrt, die sie nach eigener Ansicht schon längst verdient gehabt hätte. Sie söhnte sich auch mit den Ingolstädtern aus und trug sich 1961 ins Goldene Buch der Stadt ein.

Vor 17 Jahren wurde die Marieluise-Fleißer-Gesellschaft gegründet. Kurt Finkenzeller, der Vorsitzende, weist auf einige Errungenschaften hin, die der rund 100 Mitglieder starken Gesellschaft bereits geglückt sind. In einem Ingolstädter Café, worin sich früher das Tabakwarengeschäft von Fleißers Ehemann befand, berichtet Finkenzeller, dass es draußen vor der Tür seit zwei Jahren ein Denkmal für die Ingolstädterin gibt. Die Gesellschaft hatte einen Kunstwettbewerb ausgeschrieben, um der Fleißer zum 110. Geburtstag dieses Geschenk zu machen. Nun befindet sich hier in der Theresienstraße vor dem Tabakladen, in dem sie selbst arbeitete, das 90 Zentimeter große Bronzeabbild der Schriftstellerin.

Ein weiterer beachtenswerter Aspekt ist für Finkenzeller der Fleißer-Literaturpreis, den die Stadt Ingolstadt seit 1981 vergibt. Dieser Förderpreis wird alle zwei Jahre an deutschsprachige Autoren verliehen und ist mit 10 000 Euro dotiert. Auch Einzelne bemühen sich um Aufmerksamkeit für die Autorin so wie der Bildhauer Alf Lechner. Der gebürtige Münchner schenkte der Donaustadt 1998 eine zweiteilige Stahlskulptur, die er "Geborgenheit für Marieluise Fleißer" nannte, welche seiner Meinung nach der Autorin ihr Leben lang gefehlt hatte: Es mag irritierend erscheinen, was zwei jeweils 50 Tonnen schwere Stahlblöcke mit Geborgenheit zu tun haben sollen, doch Lechner meinte dazu, er wolle sowohl mit dem Titel als auch mit dem Werk an sich provozieren. Zudem sei im Einfachen der Form das Wesentliche leichter zu erkennen.

Im nächsten Jahr soll wieder ein großes Fleißer-Jahr in Ingolstadt stattfinden. Anlässlich des 40. Todestages plant die Gesellschaft einiges auf die Beine zu stellen. Die ehrenamtliche Arbeit machen Finkenzeller und seine Vereinsmitglieder gerne. "Denn bei dem Thema Fleißer schwingt einfach eine Spur Lokalpatriotismus mit." Außerdem mache es Freude, sich mit der Person Fleißer zu beschäftigen, "an der man sich so gut reiben kann". Es gibt Pläne, das altehrwürdige und in die Jahre gekommene Fleißerhaus rundum zu sanieren und zu einer attraktiveren Begegnungsstätte auszubauen.

Ingrid Uebelstädt gibt sich während ihrer Führungen alle Mühe, die Menschen für Marieluise Fleißer zu begeistern, auch wenn sie selbst nicht aus Ingolstadt stammt. Aufgrund ihrer Stellung als eine der bekanntesten Vertreter der Neuen Sachlichkeit böte gerade Marieluise Fleißer eine sinnvolle pädagogische Gelegenheit, in Schülern ein literarisches Feuer zu entfachen. Die Fleißer selbst würde sich bestimmt über solch ein "Fegefeuer in Ingolstadt" freuen. "Es ist seltsam, dass ausgerechnet eine Realschule im Münchener Norden den Namen Marieluise-Fleißer-Schule trägt", sagt Ingrid Uebelstädt am Ende der Führung, während bei der Suche nach einem geeigneten Namen für eine neu gegründete Ingolstädter Schule der Name der berühmten Schriftstellerin nicht einmal in Erwägung gezogen worden sei.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nur wenig Interesse an der großen Ingolstädterin
Autor
Tobias Wirth, Ferdinand Hofweber
Schule
Katharinen-Gymnasium , Ingolstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2013, Nr. 133, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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