Ein Besucher inmitten von 238 Sesseln

Ihr moderner Familienbetrieb mit dem besonderen Ambiente seit 1950." So lautet das Motto der Kinofamilie Romer-Fritschi. Man merkt dem Kino Dietikon an, dass es etwas Besonderes ist. Es steht ziemlich genau im Zentrum der Züricher Vorstadt. Von außen sieht das Haus bis auf das Leuchtschild und die Filmposter in den Vitrinen unauffällig aus. Die Straßenbahn rattert genau am Eingang vorbei.

Aber wenn man durch die niedrige Schwingtüre eintritt, kommt man sich vor, als sei man in einer anderen Welt gelandet. An den Wänden hängen Poster von kommenden Filmen, aber auch ein Stammbaum der Familie Fritschi. Die Türen zum Kinosaal stehen offen, bereit, die drei einzigen Besucher, die sich an diesem Mittwochabend eingefunden haben, einzulassen. Das kleine Kassierhäuschen ist in die linke Wand des Foyers eingebaut. Über dem Tresen schaukelt Scrat, das Eichhörnchen aus dem Blockbuster Ice-Age. Inmitten dieser mit Süßigkeiten und Plüschtüren vollgestopften Kammer verkauft eine eher kleine Frau von Mitte vierzig im roten T-Shirt Snacks und Getränke. Claudia Romer-Fritschi führt das Kino Dietikon seit sieben Jahren mit ihrem Mann. Martin Romer, ein stämmiger Mann mit schütterem Haar, Gemeinderat in Dietikon, hat in die Kinofamilie hineingeheiratet. Die Liebe zum Film hat Tradition in der Familie Fritschi. Schon die Eltern und Großeltern der heutigen Kinobesitzerin sorgten in Dietikon seit dem Jahr 1950 für volle Säle. Erbaut wurde das Cinéma Capitol allerdings schon 20 Jahre früher.

In den vergangenen 50 Jahren hat sich ein Filmbesuch natürlich stark verändert, sagt Romer. "Der Preis ist im Verhältnis zum vielseitigen und qualitativ enorm besseren Angebot dreimal günstiger geworden", erklärt er. Die Kunden sind immer anspruchsvoller geworden, was Technik, Bild und Ton anbelangt. Aber das Cinéma Capitol sei ein Ort, wo man sich trifft. "Wir vermuten, dass immer mehr Kunden die persönliche Note unseres Familienbetriebs mit dem besonderen Ambiente schätzen", sagt Romer.

Weil das Kino nur einen Saal hat, kommt, wenn nicht gerade Premiere ist, eine überschaubare Anzahl Gäste. An gewöhnlichen Werktagen befindet sich manchmal nur ein einziger Besucher inmitten der 238 Sessel des Kinosaals. An diesem Mittwochabend sind es drei Besucher. Claudia Romer-Fritschi genießt es, mit den Kunden zu plaudern. Die Ellbogen auf den Tresen gestützt, diskutiert sie über aktuelle Ereignisse, schwärmt von neuen Filmen und tollen Schauspielern.

Sie berichtet, dass es Gäste gebe, die sich regelmäßig bei ihr um 15 Uhr melden, um sicherzugehen, dass ihr Schnitzelbrot am selben Abend bereit ist, wenn sie ins Kino kommen. So kümmert sich die Inhaberin darum und serviert kein aufgewärmtes Mikrowellensandwich. "Wir sind mit Herz, Leib und Seele dabei, obwohl wir je rund hundert Stunden pro Woche arbeiten, sieben Tage die Woche", sagt der 48 Jahre alte Vater von zwei Söhnen.

Ein weiterer Grund, dass das Kino dem "knüppelharten Konkurrenzkampf", wie Romer sagt, standhält, liegt daran, dass es technisch auf dem neuesten Stand ist. Im Januar wurde die brandneue HFR-Filmtechnik eingebaut, die das Abspielen von 48-Bild-Produktionen ermöglicht, das heißt, es werden 48 Bilder in der Sekunde gezeigt. Das Spezielle an dieser Technik ist, dass, wenn zum Beispiel in einem Western das Rad eines Planwagens gefilmt wird, die Bewegung der einzelnen Speichen nach vorne klar ersichtlich ist. Mit der noch immer verbreiteten 24-Bild-Technik würde man die Speichen des Rades rückwärtslaufend sehen, da die Bildanzahl im Film nicht der natürlichen Wahrnehmung des Auges entspricht. Der Preis für eine Vorstellung liegt mit 16 Franken für eine erwachsene Person deutlich niedriger als in den meisten anderen Kinos in Zürich.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Besucher inmitten von 238 Sesseln
Autor
Sandro Wirth
Schule
Kantonschule Limmatal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2013, Nr. 133, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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