Bei Schwarz hört sie ein tiefes Brummen

Eine schlanke Frau sitzt am Rand einer Bühne in Norderstedt, einer Kleinstadt vor den Toren Hamburgs. Ihre roten Haare mit dem blau gefärbten Pony sind zu einer Art lockerem Dutt zurückgesteckt. Das Norderstedter Sinfonieorchester hat gerade Probenpause. Dort spielt sie Fagott und arbeitet mit an der sechsten Sinfonie von Dvorák. Obwohl keine Musik erklingt, ist es für sie nicht ruhig. Der Lärm, den sie empfindet, kommt nicht von den sich unterhaltenden Musikern, sondern von den vielen Farben und Gegenständen, die sie umgeben. Katja Krüger ist Synästhetikerin. Wenn sie Farben und Formen sieht, hört sie auch Klänge.

Als Synästhesie wird die Kopplung zweier Sinneswahrnehmungen bezeichnet. So werden die Verarbeitungszentren eines weiteren Sinnesorgans im Gehirn mit erregt und lösen bestimmte Effekte aus. Für die 47-jährige Musikerin aus Henstedt-Ulzburg war diese Art der Aufnahme von Farben schon immer normal. Sie ist daran gewöhnt, bei Schwarz ein tiefes Brummen zu hören. Je heller die Farbe aber wird, desto leiser wird auch der Ton oder Klang. Blau ist ihre Lieblingsfarbe, denn dabei hört sie einen reinen Dur-Akkord. "Als es vor einigen Jahren Mode war, Olivgrün zu Rosa zu tragen, war das echt schrecklich", erzählt sie und lacht, weil sie sich an manche witzige Situation mit solch gekleideten Menschen erinnert. Alles, was sie um sich herum sieht, hört sie auch.

Doch bei ihr funktioniert es auch andersherum, denn wenn sie Töne hört, kann sie diese auch sehen. Hört sie eine gespielte Quinte und schließt die Augen, sieht sie Rot, bei einem Dur-Akkord Blau. Doch auch Schmerzen nimmt sie so auf. Bauchschmerzen haben so zum Beispiel zudem ein hohes Quietschen zur Folge, das sie aber erst jetzt richtig wahrnimmt, da sie von ihrer Art der Wahrnehmung weiß. Für sie ist diese Art der Schmerzen ganz normal. Die Synästhesie ist eine vielfältige Erscheinung, da dabei alle Sinne miteinander gekoppelt sein können. So werden zum Beispiel oft von Kindern Buchstaben farbig aufgenommen, Farben können mit einer Temperatur identifiziert oder geschmeckt werden. Und trotz der Vielfalt bleibt Synästhesie meist unentdeckt. Auch Katja Krüger entdeckte den Grund für häufiges Missverständnis mit anderen erst vor sieben Jahren durch einen Artikel. "Die meisten Synästhetiker finden erst durch Medien einen Begriff für ihre Wahrnehmung. Vorher bleibt es meistens auch von anderen unentdeckt." So berichtet sie zum Beispiel von einer oft vorkommenden Situation zwischen Eltern und ihren Kindern. "Zum Beispiel sagt das Kind zur Mutter: ,Der Himmel klingt aber schön'. Worauf die Mutter sofort berichtigt: Das heißt nicht: Der Himmel klingt schön, sondern: Der Himmel sieht schön aus.'"

Doch es gibt auch Situationen, in denen Katja Krüger ihre Eigenschaft stört. Beim Autofahren zum Beispiel empfindet sie Blinker von anderen Fahrzeugen als immer wiederauftauchende Geräusche. Ansonsten bildet diese Verknüpfung eine Art Hintergrundgeräusch, an das sie sich gewöhnt hat. "Man muss sich das vorstellen wie auf einer großen Feier, wo alle miteinander reden. Man kann sich ja dort trotzdem noch mit einigen unterhalten, und der Rest bildet eben den Hintergrund." So ist dieser Klangteppich für sie selbstverständlich. Der Kontakt zu anderen Synästhetikern ist ihr wichtig, denn im Umgang mit diesen fühlt sie sich verstanden. Sie spricht von vielen Parallelen, die einem untereinander auffallen. Denn zu der Kopplung der Wahrnehmungen kommt bei den meisten Betroffenen eine schnelle Auffassungsgabe. So sind die meisten Synästhetiker in der Schule eher still, erledigen Aufgaben aber schneller, auch wenn dabei genauso viele Fehler auftauchen, wie bei anderen. "Ein Zitat von Dr. Marcus Zedler, ein bekannter Medizinprofessor, der sich seit vielen Jahren mit Synästhesie befasst, passt in diesem Bezug immer wieder. Er sagte, wenn das Gehirn mit einem Computer verglichen werde, sei bei dem Synästhetiker der Prozessor schneller getaktet", erklärt sie. "So reden wir Synis oft in Halbsätzen, weil wir den Rest sowieso vorher schon wissen."

Ihr fällt aber auch auf, dass viele Synästhetiker ähnlich sprunghaft in ihrer Lebensart und ihrer Arbeitswahl sind wie sie selbst. Sie lernte schnell mehrere Instrumente und studierte nach dem Schulabschluss Historische Blasinstrumente, später Querflöte, Oboe und Fagott. Danach machte sie eine Ausbildung zur Musiktherapeutin und eine Zusatzausbildung, um in Grund-, Real- und Hauptschulen unterrichten zu dürfen. Und sie nutzt jede Gelegenheit, ihre Instrumente selbst zu spielen, wie zum Beispiel im Norderstedter Sinfonieorchester.

"Synästhesie ist das Gegenteil von Kreativität, da es nur eine Wahrnehmung ist und auch festgelegt ist. So brummt Schwarz für mich immer, und weiß ist immer still, da ist nichts Kreatives bei." Trotzdem arbeitet sie auch erfolgreich als Komponistin, doch greift sie dabei nicht auf ihre klanglichen Erfahrungen im Alltag zurück, sondern auf das, was sie in ihrer Ausbildung erlernt hat. Musik anderen beizubringen erfüllt sie immer wieder mit Freude. Das ist etwas, was viele Synästhetiker miteinander verbindet, denn viele gehen der Tätigkeit als Musiklehrer nach.

Dies und den einfacheren Umgang untereinander stellte sie wieder einmal auf einem Kongress fest, von dem sie berichtet. Auf solchen Konferenzen wird viel über Kinder und Synästhesie gesprochen, gerade in jungen Jahren kann es zu Missverständnissen kommen, durch die die Kinder als Legastheniker eingestuft und falsch behandelt werden.

In der Regel ist einer von 200 Menschen Synästhetiker. "Früher wurde behauptet, dass Synästhesie auf dem x-Chromosom weitergegeben wird. Auch meine Tochter Hjördis ist Synästhetikerin, aber trotzdem sind die Geschlechteranteile ausgeglichen." Katja Krüger setzt sich für die Deutsche Synästhesie Gesellschaft ein. "Ein Leben ohne Klänge könnte ich mir nicht mehr vorstellen", sagt Katja Krüger nachdenklich. Absolute Ruhe kennt sie nicht und will sie auch nicht kennenlernen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Bei Schwarz hört sie ein tiefes Brummen
Autor
Birthe Dittberner
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.2013, Nr. 139, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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