Niemand, der sie nicht akzeptiert

Seit meiner Geburt bin ich auf dem rechten Auge blind, ab dem zweiten Lebensjahr verlor ich auch mein Sehvermögen auf dem linken Auge." Doch dieses Handicap ist für Natalie Herrmann kein Hindernis, eine öffentliche Schule zu besuchen. "Es gibt niemanden, der mich nicht akzeptiert oder mir aus dem Weg geht." In bisher jeder Klasse, die sie besuchte, verlief die Inklusion, also das Prinzip, behinderte Schüler mit zu unterrichten, problemlos. Zurzeit ist Natalie in der zwölften Klasse des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums der Justus-von-Liebig-Schule Göppingen.

"Die Kernfächer Psychologie und Pädagogik sind meine Lieblingsfächer. Das spiegelt sich auch in meinem diesjährigen Zeugnis wider", sagt die 18-jährige Schwäbin. Block und Stifte ersetzt sie durch einen Computer, der über eine Sprachausgabe verfügt. Das von ihr Geschriebene wird dann über ihre Kopfhörer wiedergegeben.

In manchen Fächern wie Chemie oder Biologie ergeben sich Probleme. Die offizielle Chemieschreibweise und die Zeichnungen in Biologie können auf dem Computer mit Hilfe des Bildbearbeitungsprogramms nur schlecht wiedergegeben werden. Ebenso stellen die Brüche in Mathematik ein Problem dar. "Alles, was zu grafisch ist, wird dann blöd."

Im Schulalltag steht ihr ein Integrationshelfer von den Johannitern zur Seite. Damit sie gut am Unterricht teilnehmen kann, ist einiges an Organisation nötig. Für Natalies Assistenten Florian Smarsly musste im Lehrerzimmer ein Computer-Arbeitsplatz eingerichtet werden. Florian besuchte das Wirtschaftsgymnasium in Göppingen, macht ein freiwilliges Soziales Jahr bei den Johannitern und beginnt demnächst sein Studium.

Wie bereitet sich Natalie auf Klassenarbeiten vor? Zu Beginn eines Schuljahres werden ihre Schulbücher bei einer Spezialfirma überarbeitet, die die Inhalte in Word-Dateien umschreibt. Auf ihrem Computer kann sich Natalie die Texte anhören und diese notfalls auf Lernkarten in der Blinden-Punktschrift Braille ausdrucken. Klassenarbeiten werden mit Hilfe des Computers geschrieben. "Manche Lehrer nehmen die geschriebene Klassenarbeit einfach auf einem USB-Stick mit, andere wollen diese lieber ausgedruckt." Dennoch lernt Natalie oft zusammen mit ihren Klassenkameraden, zu denen sie auch privat Kontakt hält. Dies war auch ein Grund, eine öffentliche und nicht eine weiter entfernt gelegene private Schule zu besuchen. "Ich habe hier meine Freunde, und meine Eltern unterstützen mich dabei." Auch "Social Network" ist kein Fremdwort für Natalie. Über das Internet lernte sie eine junge Engländerin kennen, ein geplantes Treffen gestaltet sich schwierig, da Natalie auf eine Begleitperson angewiesen ist. Bei einem Frankreich-Austausch ihrer vorherigen Schule musste ihre Mutter, die als Mathelehrerin arbeitet, frei nehmen und mitreisen.

Am Wochenende trifft sie sich mit Valerie, ihrer zehn Jahre älteren Schwester, die KFZ-Mechanikerin ist. "Wir sind dann zusammen mit den Tierheimhunden unterwegs." Ihren Alltag meistert Natalie mit Hilfsmitteln: Um die Zutaten zu ihrer Lieblingsspeise "Spätzle und Soß" einkaufen zu können, scannt sie mit einem Gerät in einem Laden die Produktetiketten ein. Dieses Gerät verfügt über eine Sprachausgabe, und so weiß Natalie, welches Produkt sie gerade in der Hand hält und welche Inhaltsstoffe sich darin befinden. Einmal in der Woche nimmt das selbstbewusste Mädchen Gesangsstunden. Außerdem lernt sie Niederländisch. Später möchte sie Sonderschulpädagogik studieren, "und dann an Blindenschulen unterrichten".

Informationen zum Beitrag

Titel
Niemand, der sie nicht akzeptiert
Autor
Heloise Hierlemann, Patrick Hanslick, Tamara Siebel
Schule
Justus-von-Liebig-Schule , Göppingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.2013, Nr. 139, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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